Putins verwundbare GasflotteEuropa hängt am russischen LNG-Hahn - dreht die Ukraine ihn ab?
Von Christian Herrmann
Im Sommer verwandelt die Ukraine Russlands wichtigste Geldquelle in eine strategische Schwachstelle: das Ölgeschäft. Dasselbe könnte sie mit russischen LNG-Lieferungen machen. 15 Tanker halten den Export am Laufen. Sie rücken in Reichweite. Doch es gibt ein Problem: Europa.
Im Sommer 2026 wird die russische Ölindustrie zu einem wichtigen Schlachtfeld im Krieg mit der Ukraine. Im Asowschen und im Schwarzen Meer greifen ukrainische Drohnen seit Anfang Juli dutzendfach russische Tanker an. Hunderte Kilometer von der Front entfernt nimmt die Ukraine zudem Pumpstationen, Raffinerien und Tanklager ins Visier - im russischen Hinterland, aber auch in Metropolen wie Moskau und St. Petersburg.
Die Ukraine hat einen Plan: Kiew möchte die wichtigste Einnahmequelle Moskaus in eine strategische Schwachstelle verwandeln. Russland soll mit seinen Ölreserven auf dem Weltmarkt keinen Rubel mehr verdienen und das Öl auch nicht auf dem heimischen Markt als Benzin, Diesel oder Kerosin verkaufen können. Die Angriffe sollen eine Finanz- und eine Versorgungskrise auslösen. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht davon, dass die ukrainische Armee begonnen habe, "Langstrecken-Sanktionen" umzusetzen.
Das Ölgeschäft ist allerdings nicht die einzige russische Geldquelle für den Krieg. Der Kreml verdient auch mit Gasexporten größere Summen. Viel zu oft stammt das Geld nach wie vor aus Europa - nicht für Pipelines, sondern für LNG-Lieferungen. Erdgas wird in Russland gefördert, verflüssigt und auf Tankern nach Europa verschifft. An Terminals an den europäischen Küsten wird es wieder in Gasform umgewandelt in die Netze eingespeist.
Obwohl westlichen Staaten den russischen Energiesektor schon lange sanktionieren, nehmen die LNG-Lieferungen in die EU zu: Im ersten Quartal haben EU-Staaten so viel russisches Flüssiggas importiert wie noch nie seit Kriegsbeginn. Im Juni kamen nach wie vor 14 Prozent der europäischen Gasimporte aus Russland.
Der Datenanbieter Kpler und die NGO Urgewald haben in einer Analyse herausgefunden, dass der größte russische LNG-Hub Jamal im hohen Norden im ersten Halbjahr 136 Tanker nach Europa geschickt hat. Das waren 97 Prozent aller Lieferungen. Der einzige andere Kunde war China mit vier Lieferungen. Die größten Abnehmer waren Frankreich, Spanien und Belgien.
Das Zentrum zur Erforschung von Energie und sauberer Luft (CREA) in Finnland wertet jeden Monat aus, wie viel Geld Russland mit Öl- und Gasexporten verdient. Die Angaben sind beschämend: Der Kreml hat mit den Lieferungen jeden Tag 60 Millionen Euro verdient.
Ab dem kommenden Jahr soll damit eigentlich Schluss sein. Die EU möchte ab 2027 möglichst kein russisches Flüssiggas mehr importieren. Die Alternativen sind LNG aus den USA und Katar. Durch den Iran-Krieg fehlt allerdings das katarische Flüssiggas auf dem Weltmarkt. Daher ist fraglich, ob dieser Plan umgesetzt werden kann.
Europa ist mit seiner Abhängigkeit nicht allein. Japan und Südkorea unterstützen die Ukraine ebenfalls. Gleichzeitig importieren aber auch sie große Mengen russisches Flüssiggas. Im 21. Sanktionspaket der EU haben sie im Juli sogar eine Ausnahmeregelung für ihre Importe aus dem LNG-Hub auf der Sachalin-Insel im Fernen Osten erhalten: Alle LNG-Lieferungen von dort nach Japan und Südkorea sind von den EU-Sanktionen befreit.
Das ärgert die Ukraine. Doch die Angriffe auf die russische Ölinfrastruktur zeigen, dass sie es in der Hand hat, russische LNG-Lieferungen nach Europa, Japan und Südkorea zu stoppen: Die Ukraine habe auch deshalb begonnen, im Sommer die russische Öl-Schattenflotte anzugreifen, weil sie mit der Wirkung der EU-Sanktionen nicht zufrieden gewesen sei, hat Oberst Markus ntv.de gesagt.
Es liegt auf der Hand: Die Ukraine kann ihre "Langstrecken-Sanktionen" auf die russische LNG-Infrastruktur ausweiten. Auf dem Papier wären ukrainische Angriffe auf LNG-Tanker effektiver als auf Öltanker. Die russische Öl-Schattenflotte ist etwa 800 Schiffe groß. Schaltet die Ukraine eines aus, stehen etliche Alternativen bereit, um den Ölexport fortzusetzen.
LNG-Exporte sind dagegen auf wenige Schiffe konzentriert. Fast zwei Drittel aller russischen Lieferungen kommen von der Jamal-Halbinsel im hohen Norden. Die Route führt durch die russische Arktis. Für den Transport sind spezielle Tanker der Eisklasse Arc7 nötig. Die sind teuer und selten. Die Jamal-Flotte besteht deshalb nur aus 15 Schiffen. Wenige Treffer reichen und der Export wäre gestoppt.
Ein Experte der Denkfabrik CREA gibt jedoch im "Kyiv Independent" zu bedenken: Alle Schiffe haben einen westlichen Eigentümer. Gleich 11 der 15 Arc7-Tanker gehören der griechischen Reederei Dynagas. Sie verschifft mehr als ein Drittel des Jamal-LNGs, so die NGO Urgewald. Der Besitzer soll mit den Geschäften seit Kriegsbeginn Milliarden verdient haben. Die griechische Regierung hat für die Transporte eine Ausnahme von den EU-Sanktionen durchgesetzt. Sie hat Angst, dass die Reederei ohne das Russland-Geschäft pleitegehen könnte.
Auch die anderen Eistanker befinden sich in westlicher Hand: Sie gehören einer britischen und einer japanischen Reederei. Greift die Ukraine diese Tanker an, droht Ärger beim nächsten Regierungsgipfel.
Dieses Problem könnte die Ukraine umgehen, wenn sie nicht die Tanker, sondern die russischen LNG-Terminals selbst angreift. Der Vorteil wäre wie bei den Schiffen, dass die Liste der möglichen Angriffsziele kurz ist. Es sind aktuell nur fünf russische LNG-Terminals in Betrieb, schreibt der "Kyiv Independent".
Von diesen Terminals befinden sich allerdings nur zwei in Reichweite ukrainischer Drohnen. Wyssozk und Portowaja liegen an der Ostsee nahe der finnischen Grenze. Ein Ölterminal in Wyssozk hat die Ukraine bereits im Juli angegriffen.
Die anderen Terminals sind mehrere Tausend Kilometer weit weg. Der wichtigste Hub auf der Jamal-Halbinsel und das benachbarte Terminal Arctic 2 auf der Halbinsel Gydan sind 3100 Kilometer von der Ukraine entfernt. Bei dem bisher am weitesten entfernten Angriff auf ein Ölraffinerie in Omsk haben ukrainische Drohnen 2500 Kilometer zurückgelegt.
Die Ukraine macht bei der Drohnenentwicklung aber enorme Fortschritte. Daher ist es laut dem "Kyiv Independent" nicht ausgeschlossen, dass diese beiden Terminals bald in Reichweite kommen könnten. Das Fernost-Terminal Sachalin wird dagegen mit einer Entfernung von fast 7500 Kilometern vorerst außer Reichweite bleiben.
Aber selbst, wenn die Ukraine in der Lage sein sollte, LNG-Tanker und LNG-Terminals mit Drohnen auszuschalten, ist klar: Das funktioniert nur, wenn Kiew bereit ist, europäische Regierungen wütend zu machen. Oder wenn die EU-Staaten tatsächlich auf russische LNG-Lieferungen verzichten. Dann würden die ukrainischen "Langstrecken-Sanktionen" nur der russischen Kriegskasse schaden, nicht der europäischen Gasversorgung.

