Wirtschaft

Alstom gibt deutlichen Wink Siemens mit geringen Chancen gegen GE

Das Ringen um die Energiesparte des französischen Unternehmens Alstom nimmt Fahrt auf. Der US-Konzern legt ein offizielles Angebot vor - Siemens zieht wohl nach. Doch offenbar haben die Franzosen bereits einen Favoriten - aber nicht den der Regierung.

Im Übernahmepoker um den französischen Industriekonzern Alstom ist Mitbewerber Siemens ins Hintertreffen geraten. Der US-Konkurrent General Electric (GE) bietet 12,35 Milliarden Euro für die Energietechniksparte, wie Alstom nach einer Sitzung des Verwaltungsrates mitteilte. Nach dem Blick in die Bücher will Siemens in den nächsten vier Wochen zwar eine milliardenschwere Gegenofferte zum Angebot aus Übersee vorlegen. Doch scheinen die Franzosen - anders als ihre Regierung - das GE-Angebot zu favorisieren. Entsprechend enttäuscht reagierten die Münchener.

Alstom sicherte Siemens dennoch zu, ebenfalls ein konkretes Angebot unterbreiten zu können und einen fairen Zugang zu Informationen zu bekommen. Allerdings wurde die Idee von GE bereits als vielversprechend gewertet. Alstom-Chef Patrick Kron sagte: "Die Kombination der sich in hohem Maße ergänzenden Energie-Geschäfte von Alstom und GE würde eine wettbewerbsfähigere Einheit schaffen, die Kundenbedürfnisse besser bedienen kann."

GE zufolge hat eigene die Offerte sogar eine Gesamthöhe von insgesamt 16,9 Milliarden Dollar. Der Firmenwert werde mit 13,5 Milliarden Dollar bewertet, hinzu komme eine Barsumme von 3,4 Milliarden.

Siemens beklagt Alstoms Desinteresse

Die strategischen und industriellen Vorzüge des GE-Angebotes seien vom Verwaltungsrat einstimmig anerkannt worden, hieß es. Die Alstom-Führung hält laut der Zeitung "Le Figaro" eine Übernahme durch Siemens für zu kompliziert - vor allem, weil es zu viele Überschneidungen in der Produktpalette gebe.

Der Konzern in München äußerte sich enttäuscht über das Verhalten der Franzosen. Obwohl Siemens in den vergangenen Tagen bei seinem "intensiven Austausch mit hochrangigen Vertretern des privaten und des öffentlichen Sektors" viel Zustimmung für einen Tausch von Geschäftsteilen mit Alstom bekommen habe, gebe es bis heute keine Antwort von Alstom auf den Brief von Siemens-Chef Joe Kaeser vom vergangenen Samstag an Kron, hießt es Berichten zufolge in einem neuen Schreiben.

Bei einem Telefongespräch der beiden Vorstandschefs am vergangenen Samstag habe Kron zum wiederholten Mal betont, Alstom sei "nicht daran interessiert, in einen direkten Dialog" mit Siemens zu treten. Zudem habe Siemens bisher "keine vernünftige Information" auf anderen Ebenen von Alstom erhalten. Man sei "besonders enttäuscht von der mangelnden Kooperation des Vorstandschefs".

Stößt Siemens Verkehrssparte ab?

Der angehobene Siemens-Vorschlag umfasst mehreren Berichten zufolge nun sämtliche Aktivitäten in der Verkehrstechnik - von den Hochgeschwindigkeitszügen ICE über die Lokomotiven bis hin zu den Nahverkehrszügen an die Franzosen abzugeben. Ursprünglich hatte Siemens nur den Geschäftsbereich mit den Hochgeschwindigkeitszügen abtreten wollen. Siemens sei bereit, an dem gemeinsamen Transportunternehmen, das seinen Sitz in Frankreich haben werde, einen Minderheitsanteil zu behalten, heiße es in dem Schreiben. Auf längere Sicht soll der Anteil nicht mehr als 19 Prozent betragen, kurzfristig könne der Anteil von Siemens aber durchaus auch höher liegen, schreibt Siemens in dem Brief. Der Konzern wollte die Berichte nicht kommentieren.

GE und Alstom haben sich verständigt, dass ein Ausschuss die Offerte bis Ende Mai prüft. Eine Übernahme würde sich sofort positiv auf den Gewinn von General Electric auswirken. Siemens erwüchse hingegen ein starker Konkurrent. Sollten die Franzosen allerdings den Deal mit GE ausschlagen, müsste Alstom eine Strafgebühr über 1,5 Prozent des Preises zahlen.

GE würde sich mit dem Zukauf ein Portfolio an Turbinen für Kohle- und Atomkraftwerke einverleiben sowie eine Sparte, die Ausrüstung für Stromnetze verkauft. Das Unternehmen würde zudem eine bedeutende bestehende Geschäftsbasis in Westeuropa und in Schwellenländern übernehmen, die es dann für Dienstleistungen, Ersatzteile und Reparaturarbeiten ausnutzen könnte.

Im Gegenzug würde Alstom nach dem Verkauf zu einem wesentlich kleineren Konzern zusammenschrumpfen und sich künftig auf den Bau von Pendlerzügen und Eisenbahninfrastruktur konzentrieren.

Premier Valls zufrieden

Zuvor hatte sich bereits angedeutet, dass Siemens im politisch aufgeheizten Bieterkampf unverhofft ins Hintertreffen geraten war. Dies war umso überraschender, als die französische Regierung Siemens nach der ersten GE-Offerte um ein Gegenangebot gebeten hatte. Paris würde eigentlich lieber einen europäischen Käufer für Alstoms Geschäft sehen.

Premierminister Manuel Valls zeigte sich zufrieden, dass eine Hintertür für Siemens offen bleibt. Der Alstom-Verwaltungsrat habe "keine exklusiven Diskussionen" mit GE beschlossen, sagte er. "Wir wurden gehört, das erscheint mir das Wesentliche."

Der französische Konzern musste vor einem Jahrzehnt mit Staatsgeld vor der Pleite gerettet werden und strauchelt finanziell noch immer. Doch der Konzern bleibt ein Symbol-Unternehmen in Frankreich. Er produziert die Hochgeschwindigkeitszüge TGV sowie Turbinen für die Atomkraftwerke des Landes.

Erleichterung am Markt

Als "sehr positiv" für Siemens hatten Händler die Nachrichtenlage am Morgen gewertet. "Die Hoffnung am Markt ist, dass Siemens nur noch ein gesichtwahrendes Angebot abgeben, sich aber die Alstom-Sparten nicht ans Bein binden muss", sagt ein Händler. Das GE-Angebot sei hoch genug, um tatsächlich an GE zu gehen.

Derweil ist Siemens Kreisen zufolge im Gespräche mit Rolls-Royce über den Kauf von deren Energiesparte. "Das ist mit einer Milliarde Umsatz eher klein und leicht zu stemmen, gleichzeitig passt die industrielle Logik viel besser", sagt der Analyst.

Die Alstom-Aktie vollführte nach mehrtägiger Aussetzung einen Kurssprung von knapp zwölf Prozent - kam dann aber wieder zurück.

Regierung lässt Konzernchefs antreten

Die Energiesparte erbringt 70 Prozent des Alstom Umsatzes. Das Schicksal des Konzerns ist ein hochsensibles Thema in Frankreich. Zu Wochenbeginn mussten daher die Führungsetagen beider Großkonzerne in Paris vorsprechen.

Vor Regierungsbeamten argumentierte GE, dass es schon seit Jahren in dem Land investiere. Dort beschäftigt das Unternehmen 10.000 Menschen und will weiter wachsen. In einem Brief teilte GE-Chef Jeff Immelt dem französischen Präsidenten mit, dass er vier globale Geschäftssparten, darunter die Wasserkraft und die Dampfturbinen, in Frankreich halten werde. "Wir verpflichten uns, die Zahl unserer Angestellten zu erhöhen, insbesondere die Fachkräftestellen im Bereich Ingenieurwesen und Produktion", schrieb Immelt.

Siemens hatte am Vortag erklärt, die Bücher des französischen Wettbewerbers durchsehen und dann ein offizielles Angebot für Alstoms Energiegeschäft vorlegen zu wollen. "Trotz der fehlenden Kooperation von Seiten des Alstom-Vorstandschefs ist Siemens bereit, ein bindendes Angebot abzugeben, sollte Alstom uns vier Wochen lang Zugang zum Management und Einblick in den Datenraum gewähren, um eine Due Diligence-Prüfung durchzuführen", heißt es in dem neuen Schreiben.

Quelle: ntv.de, jwu/rts/DJ/AFP