Wirtschaft

Schuldenberge wachsen Starker Dollar ist riskant für die Welt

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Die "verkehrte" Seite einer Dollarnote - auf einer Druckplatte.

(Foto: Reuters)

Die US-Währung wird immer stärker. Weil die Welt am Dollar-Tropf hängt, droht eine globale Kettenreaktion. In den Schwellenländern könnte die Hölle losbrechen, warnen Experten. Aber die Vereinigten Staaten hat das schon früher kalt gelassen.

US-Dollar / Euro
US-Dollar / Euro ,91

Für die USA scheint die Welt in Ordnung: Der Jobmarkt läuft, die Wirtschaft steht unter Dampf und der Handel blüht. In Häfen wie Los Angeles und Long Beach liegen die Frachtschiffe und warten darauf, dass sie ihre Importwaren entladen können. Der nationale Benzinpreis liegt unter drei Dollar je Gallone. Autofahrer freuen sich und kaufen so viele SUVs und Kleintransporter wie lange nicht. Die Verkaufsstatistiken für Kleinwagen in den USA waren im November so gut wie seit 2003 nicht mehr.

Möglich wird das durch den starken Dollar. Mit einem Kurs von unter 0,85 zum Euro ist er in Höchstform - umgekehrt notiert der Euro mittlerweile unter der Marke von 1,18 Dollar. Das ist weniger als bei Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung 1999. Die US-Währung hat dagegen seit ihrem Tiefststand im April 2011 gegenüber anderen wichtigen Währungen im Schnitt 40 Prozent zugelegt. Zuletzt mit beschleunigtem Tempo. Was gut für die US-Importeure ist, hat auch eine Kehrseite. Denn umgekehrt kommen die US-Exporteure durch die starke Währung zunehmend in die Bredouille.

Die Billionen-Dollar-Bombe

In Euro steigen ihre Produktionskosten. Gleichzeitig schmälert der starke Dollar ihre Auslandsgewinne, wenn sie ausländische Währungen in Dollar umrechnen. Konzerne wie IBM und McDonald's haben bereits geäußert, dass der Wechselkurs ihr Geschäft belaste. Apple reagierte: Kostenpflichtige Anwendungen in Apples App-Store sind seit kurzem teurer. Rund 30 Prozent der amerikanischen Güter und Dienstleistungen werden exportiert und leiden damit unter dem festen Greenback. Das ist zwar weniger als in Deutschland – aber immerhin. Auch die Reisebranche in den USA fürchtet, dass der feste Dollar ihr das Geschäft verhageln wird. Touristen aus dem Ausland könnten wegen des für sie ungünstigen Wechselkurses ihre Reisepläne ändern.

Regelrecht fatal könnte die Dollarstärke jedoch für die aufstrebenden Volkswirtschaften werden. US-Starökonom Nouriel Roubini zählt sie zu den fünf gefährlichsten Risiken für die Weltwirtschaft in diesem Jahr. Denn der Dollar ist die wichtigste Schuldenwährung der Welt. Staaten, Firmen und Privatpersonen weltweit stehen mit unglaublichen zehn Billionen Dollar in der Kreide. Das sind 10.000.000.000.000 Dollar. Die Unternehmen aus den Schwellenländern haben sich in der Phase der ultraniedrigen Zinsen hoch in Dollar verschuldet. All diese Verbindlichkeiten müssen sie selbstverständlich auch in Dollar zurückzahlen. Da die US-Währung massiv gestiegen ist, sind auch die Schulden in heimischen Währungen gerechnet enorm angewachsen.

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Vor einer Wechselstube in Moskau.

(Foto: REUTERS)

Alleine in den zurückliegenden sechs Monaten sind so die Verbindlichkeiten der Schwellenländer, der sogenannten Emerging Markets, in Landeswährungen um 13 Prozent explodiert. Denn so viel hat die US-Währung seit Anfang Juli zugelegt. Neue Kredite sind da nicht einmal mit eingerechnet. Besonders tief in der Wechselkursfalle stecken gemäß der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich aufstrebende Volkswirtschaften wie China oder Russland. Neue Kredite sind da nicht einmal mit eingerechnet. Hans Redecker, Chef-Währungsstratege bei Morgan Stanley, warnte deshalb kürzlich in eindringlichen Worten: "In den Emerging Markets könnte bald die Hölle losbrechen." Gefährdet sind grundsätzlich alle Schwellenländer mit großen außenwirtschaftlichen Defiziten also alle, die bislang billiges Kapital importierten. Dazu zählen unter anderem die Türkei, Südafrika, Peru oder Kolumbien.

US-Wirtschaft zeigt Stärke

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US-Dollar / Rubel 63,91

Auf Unternehmensseite könnte es vor allem für Rohstoffkonzerne kritisch werden. Sie zählen in vielen Schwellenländern  zu den wichtigsten Gesellschaften. Ihre Finanzierungskosten stiegen durch die Dollarstärke, gleichzeitig sinken ihre Einnahmen durch die sinkenden Rohstoffpreise. Nicht nur die russischen Unternehmen Gazprom oder Rosneft müssen neue Finanzierungsquellen finden, Giganten wie Petrobras und Petronas in Brasilien und Malaysia stehen mit dem Rücken zur Wand.

Die Gründe für die Dollarstärke sind die alten: Die Wirtschaftsaussichten für die USA haben sich deutlich verbessert. Jahrelang hat die US-Notenbank Fed die Welt mit billiger Liquidität überschwemmt und ihre Wirtschaft damit wieder auf die Beine gestellt. Nach neuen Prognosen des IWF dürfte die amerikanische Volkswirtschaft im laufenden Jahr um 3,1 Prozent wachsen, während die der Eurozone um 1,3 und die Japans nur um 0,8 Prozent zulegen dürften.

Hinzu kommt, dass die USA mittlerweile in preiswertem Öl und Gas regelrecht schwimmt. Der amerikanische Fracking-Boom macht die Energierohstoffe immer preiswerter. Das stärkt den Wirtschaftsstandort USA - und damit die Währung.

Fed auf Straffungskurs

"Die wirtschaftliche Stärke der USA ist entscheidend für die Dollar-Rallye", sagt Alan Ruskin von der Deutschen Bank in New York. "In diesem Jahr werden wir voraussichtlich die Zinserhöhungen sehen, die die USA vom größten Teil der Welt abkoppeln werden." Aufgrund der starken konjunkturellen Erholung steht die Fed kurz davor, den Leitzins erstmals seit mehr als acht Jahren anzuheben. Ihr Anleihekaufprogramm hat sie bereits im Oktober des vergangenen Jahres eingestellt.

Höhere Zinsen ziehen tendenziell Kapital aus dem Ausland an, der Kurs der Währung steigt, wodurch sie für Anleger noch attraktiver wird. Insbesondere in Europa und Japan stehen die Geldschleusen der Notenbanken weit offen.

Wie gefährlich die Lage für Schwellenländer ist, wie stark sie von den USA abhängen, hat sich bereits im vergangenen Jahr gezeigt. Als die Fed ihr Anleiheprogramm einstampfte, zogen viele Investoren ihr Geld aus diesen Ländern ab, um es in den Vereinigten Staaten zu investieren. Denn mit dem Ausstieg der Fed aus dem Anleihe-Kaufprogramm stiegen dort die Zinserwartungen.

Countdown zur Euro-Dollar-Parität

Nicht nur die Währungen der Schwellenländer, auch der Euro verblasst vor der Stärke des Dollar. Sollte die EZB tatsächlich in den nächsten Wochen den Kauf von Staatsanleihen beschließen, wird der Euro wohl weiter abwerten. Im vergangenen Halbjahr hat der Euro bereits rund 15 Prozent verloren. Wie es aussieht, könnte der Euro bald gerade noch einen Dollar wert sein. Die Analysten der ING glauben, dass die europäische Gemeinschaftswährung bis Ende 2016 auf die Parität zum Dollar zurückfallen wird. "Man sollte nicht auf die Parität setzen, aber sich darauf vorbereiten", sagt auch Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann.

Ein Ende der Dollarstärke ist vorerst nicht absehbar. Eric Stein, Co-Direktor der globalen Anleiheabteilung bei Eaton Vance Management geht von einer "mehrjährigen Dollarrally" aus. Volkswirte der Dekabank prognostizieren sogar, dass der Dollar in den kommenden beiden Jahren um weitere 20 Prozent gegenüber dem Euro an Wert gewinnen wird. Noch stärker dürfte dabei das Plus im Verhältnis zu den Währungen vieler Schwellenländer sein. Die Folgen sind unübersichtlich: Deutschland als Exportnation profitiert davon, aber andere Staaten wie Spanien, Italien oder Griechenland schauen in die Röhre. Währungsexperten befürchten eine globale Kettenreaktion - Währungsturbulenzen, Pleitewellen, möglicherweise Staatsbankrotte.

Auch die Weltbank beobachtet die Dominanz der USA im ökonomischen Weltgefüge skeptisch. Die ganze Weltkonjunktur werde derzeit nur von einer Lokomotive gezogen, den USA, beschreibt Chefvolkswirt Kaushik Basu die Situation. "Das reicht nicht für rosige Aussichten. Das ist wirklich nicht genug."

Die dritte Dollarwelle rollt

Zwei Höhenflüge des Dollar hat die Welt bereits seit dem Zusammenbruch des Systems fester Wechselkurse von Bretton Woods gesehen. Das erste Mal 1980 bis 1985 ausgelöst durch die Hochzinspolitik von Fed-Chef Paul Volcker und die Schuldenmacherei von US-Präsident Ronald Reagan. Das zweite Mal dauerte der Aufwertungszyklus von Mitte der 90er Jahre bis 2001/02. Es war die Zeit von New Economy und Fed-Chef Alan Greenspan. Beide Male gab es gleichzeitig Schwellenländerkrisen.

Quelle: n-tv.de

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