Geldsegen verstört US-GasbrancheDas LNG-Paradoxon - die Welt sagt Tschüss zur Brückentechnologie
Von Christian Herrmann
Gas ist die Brückentechnologie. Der saubere Brennstoff für den Übergang zu den Erneuerbaren. Vier Jahre nach dem russischen Überfall auf die Ukraine erlebt der Gasmarkt jedoch einen neuen Preisschock. Amerikanische LNG-Unternehmen profitieren, doch selbst ihnen bereitet der Geldregen Sorgen.
Wenige Wochen ohne Öl und Gas aus dem Persischen Golf haben ausgereicht, um die Welt in eine Energiekrise zu stürzen, die schlimmer ist als alle vorherigen zusammen. Die EU-Kommission bittet darum, von zu Hause aus zu arbeiten und weniger zu reisen. Die südkoreanische Regierung ruft zu kürzerem Duschen auf. In Laos gehen Kinder nur noch drei Tage die Woche in die Schule. In Thailand kommen Regierungsbeamte kurzärmlig ins Büro, damit die Klimaanlage gedrosselt werden kann. Ägypten ruft Geschäfte und Restaurants dazu auf, früher zu schließen.
Der Gasmarktexperte Ira Joseph von der Columbia-Universität in New York ist überzeugt: Das ist keine Momentaufnahme. Länder, die Erdgas importieren müssen, werden sich nach Alternativen erkundigen. Vor allem, wenn es auf dem Seeweg kommt. Schneller als bisher. Was derzeit aussieht wie ein Segen für die amerikanische Flüssiggas-Industrie, ist eigentlich ein Fluch. Das Ende von LNG als Brückentechnologie ist eingeläutet. Speziell in Asien, wo es für die Stromerzeugung eingesetzt wird.
"Ärmere Länder wie Bangladesch, Pakistan, Thailand, Vietnam und Teile von Indien mussten die Importe bereits subventionieren", sagt Joseph im "Wieder was gelernt"-Podcast von ntv. "Die aktuelle Entwicklung ist weder eine gute Nachricht für Pipelinegas noch für LNG."
Der Kundenstamm bricht weg
Die Länder, die der Gasmarktexperte beschreibt, sind ein Eckpfeiler für das künftige Wachstum der Gasnachfrage. Sie betreiben viele Kohlekraftwerke, die sie mit LNG-Importen und Gaskraftwerken ersetzen möchten. Sie sind die Kunden, an die Katar gedacht hat, als das kleine Emirat seine riesigen LNG-Kapazitäten aufgebaut hat.
Seit die Straße von Hormus geschlossen ist, hat sich der Preis für Flüssiggas an den globalen Energiemärkten zwischenzeitlich verdoppelt. Darunter leidet auch Deutschland. Der Unterschied ist: Deutschland nutzt Gas nur in Randzeiten zur Stromerzeugung. Speziell im Frühjahr und im Sommer dominieren erneuerbare Energien den Strommix. Deshalb fällt der Schock beim Strompreis kleiner aus als in asiatischen Haushalten. Die Leidtragenden des Iran-Kriegs sind deutsche Industrieunternehmen, die Gas für ihre Fertigung benötigen.
Die asiatischen Länder dagegen importieren große Mengen Erdgas auf Schiffen, um Strom zu erzeugen. Etwa 40 Prozent aller LNG-Lieferungen landen Joseph zufolge in einem Gaskraftwerk. Anders als in der Industrie ist Flüssiggas im Strombereich allerdings die teuerste Energiequelle und muss gleichzeitig mit den günstigsten Alternativen konkurrieren.
"Die Branche muss den LNG-Preis niedrig genug ansetzen, um im Stromsektor wettbewerbsfähig zu sein", sagt der Gasmarktexperte. "Er darf aber nicht zu niedrig sein, weil Herstellung und Transport von LNG teuer sind. Es gibt eine Preisgrenze, die nicht unterschritten werden darf. Das ist ein Paradoxon und ein schwieriger Spagat."
Um Kohle wird kein Krieg geführt
Nicht nur in Europa verleiht der Iran-Krieg den erneuerbaren Energien einen weiteren Schub. Eine Kombination aus Sonne, Wind und Batteriespeicher verspricht weltweit günstigen Strom und Unabhängigkeit. Länder wie Indonesien holen aus Sicherheitsgründen Pläne für einen riesigen Solarausbau aus der Schublade.
In einem Umfeld, in dem Sicherheit, Wettbewerbsfähigkeit und Bezahlbarkeit die öffentliche Debatte dominieren, rückt aber auch Kohle als Energiequelle zurück in den Fokus. Die wird anders als das katarische Flüssiggas auch im asiatischen Raum abgebaut. Australien, Indonesien und China sind die größten Produzenten - und derzeit nicht in einen Krieg verwickelt.
"Kohle kann man günstiger fördern. Man kann sie günstiger transportieren. Man kann sie auch günstiger lagern, denn letztlich legt man sie einfach auf einen Haufen", sagt Joseph. "Kohle ist in jeder Hinsicht besser - außer ökologisch. Sie ist natürlich ein Problem für Umweltverschmutzung und CO2-Emissionen."
Wie stark die Stromrechnung durch einen Sprung zurück von Gas zu Kohle sinken kann, zeigt sich bei einem Blick in die USA. Die Vereinigten Staaten fördern ihr eigenes Erdgas, sie sind Selbstversorger. Der dortige Referenzpreis (Henry Hub) hat sich seit Kriegsbeginn praktisch nicht verändert. Verglichen damit war LNG nach der Iran-Verdopplung zwischenzeitlich fast sechsmal teurer.
Das Vorbild Pakistan
Ein Blick in die besonders betroffenen Länder belegt, dass Ira Joseph mit seiner Einschätzung richtig liegt. Die japanische Regierung hat den Vollbetrieb älterer, wenig effizienter Kohlekraftwerke genehmigt, um den Energieschock abzufedern. Südkorea hat die Stilllegung von Kohlekraftwerken verschoben. Die thailändische Regierung hat die Stromerzeugung im größten Kohlekraftwerk des Landes erhöht. Indien hat seine Kohlekraftwerke ebenfalls aufgefordert, mit maximaler Leistung zu laufen. Die Philippinen planen, den Betrieb ihrer Kohlekraftwerke hochzufahren.
Diese Länder werden dem Energieexperten zufolge auch in Zukunft Flüssiggas einkaufen, aber viel weniger als noch im Februar geplant war: "Ob das nun 5, 10 oder 30 Prozent weniger sind, weiß ich nicht", sagt Joseph. "Aber schauen Sie sich Pakistan an. Das Land hat nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine einen Teil seiner LNG-Lieferungen verloren und deshalb seinen Gasverbrauch reduziert - durch den Einsatz von Solar, Wind und Batterien, aber auch Kohle. Für immer. Passiert das auch in anderen Ländern, fällt plötzlich eine ganze Menge LNG weg."
In den kommenden Wochen werden viele Regierungen die Begriffe "Energiesicherheit" und "Versorgungssicherheit" neu definieren. Das sind üble Nachrichten für Katar. Das Emirat hat als zuverlässiger und auch günstigster LNG-Lieferant speziell im asiatischen Raum und unter Entwicklungsländern Kunden angeworben. Der Krieg im Iran hat dieses Bild zerstört. Nach Angaben von Qatar Energy werden die Reparaturen an den LNG-Anlagen drei bis fünf Jahre dauern. 20 Milliarden US-Dollar Umsatz im Jahr brechen deshalb weg.
"Preise nicht gut für unsere Branche"
Auf der Suche nach Ersatzlieferungen wandert der Blick der katarischen Kunden zwangsläufig in die Vereinigten Staaten. Die USA sind der größte LNG-Lieferant der Welt, amerikanische Unternehmen die großen Gewinner des Iran-Kriegs. Ihre Aktienkurse sind in den vergangenen Wochen in die Höhe geschossen, weil sie für Katar einspringen und sich an den explodierenden Weltmarktpreisen bereichern können.
Doch der unerwartete Geldregen sorgt keineswegs für Jubelstürme, denn in Werbespots versprechen die amerikanischen LNG-Firmen Erdgas zu geringen Kosten. Diese Versprechen brechen sie gerade. Auch ihnen ist bewusst: Exorbitant hohe Preise verprellen Kunden und treiben sie zu Alternativen wie Erneuerbaren und Kohle. "Die Preise sind besorgniserregend und nicht gut für unsere Branche", sagte ein amerikanischer LNG-Unternehmer jüngst bei einer Energiekonferenz in Houston.
Unzuverlässig und teuer
Hohe Gaspreise locken außerdem Opportunisten an, die ein Stück vom Kuchen abhaben wollen und neue LNG-Projekte vorantreiben. Auch diese Entwicklung zeichnet sich bereits ab: Ein Unternehmer mit Verbindungen zur Trump-Familie wirbt für ein neues LNG-Terminal in Alaska. Er möchte die Produktion unbedingt schneller aufnehmen als ein konkurrierendes Projekt, das bereits im größten US-amerikanischen Bundesstaat hochgezogen wird.
Auch zahlreiche afrikanische Länder umwerben die westliche und asiatische Kundschaft: Ein neues Projekt in Mosambik ist in Arbeit. Zwischen Mauretanien und Senegal soll zeitnah ebenfalls Erdgas verflüssigt und verschifft werden. Angola, Nigeria, Kamerun oder auch Gabun locken ebenfalls mit bisher ungenutzten Gasreserven.
Das bedeutet im Umkehrschluss: Langfristig wird der aktuelle LNG-Engpass eine LNG-Schwemme verursachen. Die katarischen Anlagen werden zwar lange, aber nicht ewig außer Betrieb sein. Viele Projekte werden als Investitionsruine enden und vielleicht niemals Flüssiggas an ihre Kunden liefern. Und damit bestätigen, was nach zwei Energiekrisen binnen vier Jahren offensichtlich wird: Früher war Flüssiggas ein teurer, aber zuverlässiger Rohstoff. Nach dem Iran-Krieg ist LNG ein teurer und unzuverlässiger Rohstoff.