Wirtschaft

Interview mit Stefan Schneider "Griechenland hat ein Vertrauensproblem"

Die Abgründe des griechischen Haushalts bringen den Euro-Kurs in Turbulenzen. n-tv.de sprach mit Stefan Schneider von DB Research über die Gründe für Griechenlands Probleme, die Struktur der Euro-Zone und einen Rauswurf des Landes aus dem Euro.

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Nationalbank Griechenlands: Das Vertrauen in die hellenische Wirtschaft ist erst mal weg.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

n-tv.de: Wie konnte Griechenland derartig gravierende Haushalts-Probleme bekommen?

Stefan Schneider: Griechenland hatte schon vorher erhebliche Probleme. Man hat versucht, wie andere Länder auch, die Euro-Zone und den Stabilitätspakt als externen Faktor zu nutzen und damit eine Konsolidierung herbeizuführen. Das hat aber nicht wirklich funktioniert. In Griechenland haben wir immer sehr fragile, oft wechselnde Regierungen, die sich gegen große Interessensgruppen, speziell die Angestellten im öffentlichen Dienst, nie wirklich durchsetzen konnten. In den vergangenen Jahren hatte Griechenland, speziell um die Olympischen Spiele 2004 herum, ganz ordentliche Wachstumsraten. In der Zeit wäre sicher mit entsprechenden Anstrengungen und Druck eine Haushaltskonsolidierung möglich gewesen. Diese Gelegenheit hat man verpasst.

Nun wird richtig gespart. Die Maßnahmen der Regierung Papandreou klingen fast radikal. Wird das helfen?

Dr. Stefan Schneider arbeitet für Deutsche Bank Research, leitet dort die Abteilung für Macro Trends und beschäftigt sich mit Konjunkturthemen und Zinspolitik.

Dr. Stefan Schneider arbeitet für Deutsche Bank Research, leitet dort die Abteilung für Macro Trends und beschäftigt sich mit Geldpolitik und dem Euroraum.

Das ist genau die Problematik. Sparen hat immer zwei Effekte. Auf der einen Seite können dadurch Staatsausgaben eingedämmt werden. Auf der anderen Seite kostet Sparen auch immer Wachstum. Von daher ist die Einnahmeseite wieder negativ tangiert. Das kann eigentlich nur dann funktionieren, wenn man die Sparbemühungen mit entsprechenden Maßnahmen kombiniert. Man müsste das Wirtschaftswachstum gleichzeitig stimulieren. Nun ist die griechische Wirtschaft durch eine Vielzahl von Regulierungen stranguliert. Der Staat müsste sich aus einigen Bereichen zurückziehen und mehr Wettbewerb zulassen.

Die EU-Kommission will jetzt eine Aufsicht für den griechischen Staatshaushalt einführen. Halten Sie das für sinnvoll?

Dabei gibt es zwei Aspekte. Einerseits könnten Vorschläge vorgebracht werden, welche Maßnahmen sinnvoll sind. Da hat die EU ja auch schon entsprechende Vorstöße unternommen. Ein anderer Aspekt ist der, sich die Präsentierungen anzusehen. Da ist auch die griechische Statistikbehörde gefragt. Da geht es um die angedachten Maßnahmen, aber auch um die Zahlen, die geliefert werden. Griechenland hat ein Vertrauensproblem, diese Erkenntnis reift auch bei griechischen Politikern. Die Kontrolle und der Einfluss der europäischen Institutionen auf Griechenland werden sicherlich deutlich zunehmen.

Was passiert mit den griechischen Staatsanleihen?

Alles hat seinen Preis. Wenn die Investoren sehen, dass ein Spread mit 345 über Bund das Risiko adäquat abdeckt, dann können die Griechen auch emittieren. Das Kalkül dahinter ist, dass man Griechenland, vorwiegend aus politischen Gründen, nicht im Regen stehen lassen wird. Darauf könnte ein Investor setzen.

Könnten da auch die Chinesen einsteigen?

Das ist ja dementiert worden. Aber klar, die Chinesen haben sehr viel "Spielgeld" und suchen natürlich Investitionen, die eine höhere Rendite abwerfen als amerikanische Staatsanleihen. Sie haben ja auch nicht immer ein glückliches Händchen gehabt, wenn man den Einstieg bei Blackstone betrachtet. Aus dem bereits erwähnten Kalkül kann es natürlich auch für China interessant sein, in griechische Staatsanleihen zu investieren. China wird aber mit Sicherheit nicht einen Großteil der griechischen Staatsschulden aufkaufen.

Nun gibt es Stimmen, vornehmlich aus der Politik, die sagen, Griechenland soll raus aus der Euro-Zone. Ist das überhaupt denkbar?

Betrachtet man sich den Maastricht-Vertrag, dann gibt es dort keine Ausstiegsklausel, wie sonst bei privaten Verträgen üblich. Von daher ist das eigentlich keine Option im Sinne des Vertrages. Aber manchmal ist die Macht des Faktischen natürlich stärker. Die Politik unterschätzt dabei aber, wie viel politisches Kapital, das Europa in den Aufbau der Europäischen Union und des europäischen Wirtschafts- und Währungsraumes investiert hat, dabei zerstört werden würde. Das würde sich in keinster Weise rechnen. Vor allem vor dem Hintergrund, dass dann Spekulationen aufkämen, wer der nächste Kandidat sein könnte. An diesem Dominoeffekt kann wirklich niemand interessiert sein.

Was bedeutet der Fall Griechenland für die Euro-Zone, wirtschaftlich gesehen?

Wirtschaftlich gesehen trägt Griechenland gerade einmal 2,5 Prozent zum europäischen Bruttosozialprodukt bei. Von daher ist das ein peripheres Ereignis. Auch die Handelsverflechtungen sind nicht so dramatisch. Daher haben die Vorgänge in Griechenland unmittelbar für die Euro-Konjunktur keinen größeren Einfluss. Aber die Verunsicherung nimmt dadurch zu, was bereits an griechischen Konjunkturindikatoren abzulesen ist. Das ist schlecht für die griechische Wirtschaft. Will man es positiv sehen, dann könnte man sogar sagen, dass das Ganze ein Test ist, wo man rückblickend in fünf oder zehn Jahren sagen kann: Da hat jemand den Bogen überspannt und die Gemeinschaft hat eingegriffen. Das könnte langfristig gesehen die Euro-Zone sogar stabilisieren.

Demnach wäre das Ganze als ein Belastungstest zu sehen?

Ja, durchaus.

Ist das nicht dennoch ein Hindernis für den Euro bei seinem Aufstieg zu einer Leitwährung? Kann der Euro unter solchen Umständen noch dem Dollar irgendwann den Rang ablaufen?

Das bestätigt natürlich genau die Argumente, die schon immer von Skeptikern vorgebracht wurden, dass nämlich die Euro-Zone keinen optimalen Währungsraum darstellt. Das würde asymmetrische Schocks befördern, hieß es. Für die Griechen wäre es mit ihrer Drachme natürlich einfacher. Die könnte man abwerten und so die Wirtschaft wieder ankurbeln. Reallohnkürzungen über die Inflation finden schließlich weit mehr Akzeptanz als über die Lohnschiene. Aber wenn man die USA zum Vergleich heranzieht, dann erkennt man, dass es dort auch keinen optimalen Währungsraum gibt. Gerade in der Subprime-Krise ist zu sehen, dass einzelne Bundesstaaten viel stärker betroffen sind als andere. Da wird eben nicht diskutiert, ob Kalifornien aus dem Staatenbund austreten sollte, weil sie dort eine andere Geldpolitik gebrauchen könnten. Bisher hat die Euro-Zone gut funktioniert und ich denke, dass auch diese Spannungen überwunden werden können.

Es gibt ja noch weitere Kandidaten, die möglicherweise auf einen Staatsbankrott zusteuern. Portugal gehört dazu, aber auch Spanien. Stehen da die nächsten Probleme ins Haus?

Für die langfristige Tragbarkeit ist nicht nur das aktuelle Defizit ausschlaggebend. Auch der Schuldenstand, die Art und Weise, wie der Staat sich refinanziert - ob im Inland oder stärker im Ausland – spielen dabei eine entscheidende Rolle. Aber die Problematik bei Portugal ist eine ähnliche. Dort hatte man auch mehrere Jahre Rückenwind durch niedrige Zinsen. Sie haben es nicht geschafft, diese Gelegenheit zu nutzen und sich strukturell besser zu positionieren. Da wäre es noch leicht gewesen, jetzt steht ein schmerzhafter Prozess bevor.

Mit Stefan Schneider sprach Markus Mechnich

Quelle: n-tv.de

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