Wirtschaft

Zwischen Mammon und Mohammed Großbritannien entdeckt den Islam

shard.jpg

"The Shard", höchstes begehbares Gebäude Westeuropas, konnte nahe der London Bridge nur mit Geld aus Katar gebaut werden.

(Foto: REUTERS)

Scheichs aus Arabien, Oligarchen aus Kasachstan, Stammesführer aus Pakistan: Für viele von ihnen ist die Stadt an der Themse eine bevorzugte Adresse, um Geld unterzubringen. Und das soll so bleiben - im Einklang mit der Scharia.

Zwei Straßen in London sind als "Billionaires Row", als "Milliardärszeilen" bekannt. Wer an den prachtvollen Herrenhäusern entlang der Kensington Palace Gardens und an der Bishops Avenue im Stadtteil Barnet vorbei geht, sieht auf den ersten Blick, dass dort Geld keine Rolle spielt. Die saudische Königsfamilie soll einer der Haupteigner sein, wurde jüngst bekannt, als vier Häuser für 80 Millionen Pfund verkauft wurden.

Das Beispiel der Luxusimmobilien zeigt: London ist voll von Geld aus der islamischen Welt. Scheichs aus Arabien, Oligarchen aus Kasachstan, Stammesführer aus Pakistan: Für viele von ihnen ist die Stadt an der Themse eine bevorzugte Adresse, um Geld unterzubringen. Und das soll so bleiben.

Im Einklang mit der Scharia

Die britische Regierung von Premierminister David Cameron, durch Finanzkrise und Schuldenlast in der Dauer-Defensive, zog zunächst als erstes westliches Land das World Islamic Economic Forum, eine Art Weltwirtschaftsforum der Muslime, an Land und während des dreitätigen Treffens einen Trumpf aus dem Ärmel: Großbritannien will das erste Land sein, das künftig Staatsanleihen im Einklang mit dem islamischen Recht der Scharia herausgibt, also ohne Zinsen und ohne Beteiligung etwa von Verdiensten aus Waffengeschäften. Ein Schachzug, den zuletzt mehrere afrikanische Länder wie etwa der Senegal vollzogen, um ihre Infrastrukturprobleme zu lösen.

emir.jpg

Premier David Cameron (l.) und der Emir von Katar: Eine Hand wäscht die andere.

(Foto: picture alliance / dpa)

In London ist der Einfluss von steinreichen Muslimen Tagesgespräch. Das Luxus-Kaufhaus Harrod's gehört der Katar Holding, einem Staatsfonds aus dem Emirat. Der Fußballclub Manchester City gehört Scheich Mansur Bin Zayed Al Nahyan aus Abu Dhabi. Auch das Londoner Finanzviertel Canary Wharf ist über die Finanzholding Songbird Estates fest in der Hand der Scheichs. Das neue Hochhaus "The Shard", höchstes begehbares Gebäude Westeuropas, konnte nahe der London Bridge nur mit Geld aus Katar gebaut werden. Und die Barclays Bank würde es ohne eine Milliardenspritze aus Abu Dhabi als Privatbank gar nicht mehr geben. Die 1,5 Milliarden Pfund für einen neuen Container-Hafen in London werden aus Dubai kommen.

Die Regierung in London, notorisch klamm und mit einem riesigen Infrastrukturproblem auf den Schultern, will noch mehr Geld aus den islamischen Ländern an die Themse holen. Als Premierminister Cameron das auf dem World Islamic Economic Forum eröffnete, klang seine Rede ein wenig wie eine Bewerbungsansprache. ´"Großbritannien heißt Ihr Investment willkommen", rief der Premier den 1000 nach London gereisten Vertretern des Geldadels aus 1001 Nacht zu. Großbritannien sei offener als andere, genügend Rechtsanwälte in der City würden sich mit der Scharia auskennen und die britischen Universitäten förderten genügend neues Personal zutage.

Briten brauchen fremdes Geld

Die ausgestreckte Hand der Regierung nach dem Mammon aus dem Reich Mohammeds wird auf der Insel nicht unkritisch gesehen. Es seien die Extremisten in der islamischen Welt, die die Vereinbarkeit von westlichem Finanzwesen mit der Scharia vorantrieben, argumentiert Autor Charles Moore im britischen Polit-Magazin «The Spectator». "Die britische Regierung und die City of London tun sich mit ihnen zusammen." Dass dies schiefgehen kann, bewies zuletzt die Libyen-Krise. Bis hinauf in den Buckingham Palast mussten sich britische Würdenträger dafür erklären, warum sie die Familie von Machthaber Muammar al-Gaddafi jahrelang hofiert hatten.

Verwunderlich ist die Initiative der Briten dennoch nicht. Das Land braucht fremdes Geld und die von immer mehr Investmentbankern verlassene Londoner City als Lebensader des Königreichs braucht neue Betätigungsfelder. "Ein Viertel der Menschheit ist islamischen Glaubens, aber nur ein Prozent der Finanzprodukte sind Sharia-tauglich", sagt Großbritanniens Finanzminister George Osborne.

Es dürfte das erste Mal seit dem September 2001 gewesen sein, dass ein westlicher Politiker dem islamischen Gesetzbuch das Wort redet. Völlig hintenan steht der arme Teil der islamischen Welt. Insgesamt tragen die islamischen Länder nur mit 6,6 Billionen US-Dollar - oder acht Prozent - zum weltweiten Sozialprodukt bei.

Quelle: ntv.de, Michael Donhauser, dpa

ntv.de Dienste
Software
Social Networks
Newsletter
Ich möchte gerne Nachrichten und redaktionelle Artikel von der n-tv Nachrichtenfernsehen GmbH per E-Mail erhalten.
Nicht mehr anzeigen