Wirtschaft

Stigma bremst smarte Heizlösung "Liebe Politik, Wärmedämmer sind keine Zuhälter!"

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In Deutschland gibt es 100 verschiedene Dämmstoffe. Einige bestehen aus recyceltem Glas, im Bild sind recycelte Zelluloseflocken zu sehen.

(Foto: picture alliance / dpa Themendienst)

Die Bundesregierung gibt Hunderte Milliarden Euro aus, um die hohen Energiepreise abzufedern. Dennoch ist Arnold Drewer wütend. Denn die Begriffe "Energieeffizienz" und "Wärmedämmung" tauchen in den Entlastungplänen so gut wie nie auf, kritsiert der Geschäftsführer des Institutes für preisoptimierte energetische Gebäudemodernisierung (IPEG). Dabei wären "günstige Dämmmaßnahmen auch im Sinne der Steuerzahler wirklich nachhaltig", erklärt der Energieexperte im "Klima-Labor" von ntv. Denn die würden nicht ein oder zwei Jahre wirken, sondern 50 bis 100 Jahre - je nachdem, wie lange das Haus steht. Zu welchem Preis? 3000 bis 4000 Euro für eine Kerndämmung. "Bei den jetzigen Energiepreisen hat man die Kosten in vier Jahren wieder raus", rechnet Drewer vor. Die Investition wird zudem gefördert, die Ausgaben können von der Steuer abgesetzt werden. Das einzige Problem? Fehlende Unterstützung der Politik. "Claudia Roth von den Grünen sagte mir mal: 'Wärmedämmung ist nicht sexy, Herr Drewer'", kritisiert der Dämm-Experte.

ntv.de: Sie sind sauer auf die Ampel-Koalition in Berlin. Warum?

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Arnold Drewer ist Geschäftsführer des Instituts für preisoptimierte energetische Gebäudemodernisierung GmbH (IPEG) und Vositzender des Fachverbands Einblasdämmung.

(Foto: privat)

Arnold Drewer: Die allgemeine Energiesituation ist ja hinlänglich bekannt. Leicht säuerlich bin ich, weil es in der öffentlichen Diskussion ausschließlich darum geht, wie wir Energie, Steinkohle oder LNG einkaufen können. Wie können wir Wärmepumpen forcieren? Die sind ganz gut, aber nur in gut gedämmten Häusern. Die Begriffe "Energieeffizienz" im Allgemeinen und "Wärmedämmung" im Besonderen höre oder lese ich dagegen fast nie.

Sie stören sich daran, dass hohe Preise gedrückt und Bürgerinnen und Bürger entlastet werden, aber nicht überlegt wird, wie der Energieverbrauch gesenkt werden kann?

So ist es. Es gibt ja diesen Vorschlag für Entlastungen bei den Gaspreisen für 96 Milliarden Euro. Eine wissenschaftliche Studie, die wir als Fachverband Einblasdämmung in Auftrag gegeben haben, kommt zu dem Schluss: Dieses Geld würde ausreichen, um ungefähr ein Viertel der deutschen Heizenergie in Deutschland einzusparen. Man könnte den Bürgerinnen und Bürgern also eine 25-prozentige Energieverbrauchsmaßnahme schenken, die nicht ein Jahr oder zwei wirkt, sondern 50 oder sogar 100 Jahre - je nachdem, wie lange das Haus steht. Natürlich muss man die ärmere Bevölkerung bei den Energiekosten unterstützen, aber günstige Dämmmaßnahmen wären auch im Sinne der Steuerzahler wirklich nachhaltig. Das habe ich in mehreren Schreiben den entsprechenden Ministern, Partei- und Fraktionsvorsitzenden der Ampel erklärt, aber ich habe nie eine Antwort erhalten. Deswegen bin ich wütend.

Wie unterscheidet sich denn Einblasdämmung von anderer Wärmedämmung?

Der normale Mensch versteht unter Wärmedämmung das Wärmedämmverbundsystem. Dabei werden außen Dämmplatten auf eine Wand geklebt oder geschraubt. Dann wird das Ganze verputzt, das Haus sieht nigelnagelneu aus. Aber das ist ein aufwendiger und teurer Prozess. Derzeit kostet er für ein Einfamilienhaus je nach Größe zwischen 30.000 und 40.000 Euro. Drei Malergesellen sind zwei bis drei Wochen an der Fassade beschäftigt.

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Die Fassade zu dämmen, ist mit viel Aufwand und hohen Kosten verbunden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Ich habe mit meinem IPEG-Institut aber 75 Verfahren für den Altbau identifiziert. Zu diesen Verfahren zählen 31 bauliche Situationen, bei denen das Gebäude eine Hohlschicht hat und für Einblasdämmung infrage kommt. Ein weit verbreitetes Beispiel ist die Wand: Ich habe innen eine Wand mit Tapete und Bildern und außen eine Wand. Dazwischen befindet sich eine fünf bis zehn Zentimeter dicke Hohlschicht.

Warum hat man das so gebaut?

Das ist im 19. Jahrhundert erfunden worden, um Feuchtigkeitsprobleme in den Griff zu bekommen. Eine Wand, die eigentlich aus zwei Wänden besteht, kann kein Wasser von der feuchten Außenwand nach innen übertragen. Diese Bauweise findet man hauptsächlich, wo Wind und Regen von vorne kommen: in Norddeutschland, Benelux und den Niederlanden. Das nennt man Schlagregen. Dort sind 80 Prozent der Häuser so gebaut. In Schleswig-Holstein fast jedes, auch in Hamburg, Bremen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen gibt es viele. Je weiter wir nach Süden kommen, desto weniger werden es.

Weil der Regen dort eher von oben fällt?

Genau. Deutschlandweit haben 30 Prozent der Häuser so eine Hohlschicht, die man extrem günstig und einfach dämmen kann: Es werden nach einem bestimmten Raster Löcher in die Wand gebohrt. Auf die Löcher wird ein Schlauch aufgesetzt, mittels Luftdruck Dämmstoff in die Wand transportiert, die Hohlschicht wird also ausgeblasen. Dann kommt der Schlauch wieder weg, die Wand wird geschlossen. Zwei Personen brauchen für ein normales Haus nicht mal einen ganzen Tag. Und weil der Personalaufwand so gering ist und wir auch kein Gerüst oder dergleichen brauchen, kostet das Einblasverfahren zwischen 3000 und 4000 Euro. Der Ehrlichkeit halber muss man aber sagen, dass das Wärmedämmverbundsystem nicht nur zehnmal teurer, sondern auch besser als eine Kerndämmung ist, weil es mit 16 bis 20 Zentimeter dicker aufgebaut werden kann. Für 30.000 bis 40.000 Euro kann ich also 30 Prozent Heizenergie sparen. Mit einem niedriginvestiven Dämmverfahren für ein Zehntel der Summe aber auch schon ungefähr 20 Prozent.

Das klingt sinnvoll, wird aber nicht gemacht?

Wo finde ich das Klima-Labor?

Das Klima-Labor finden Sie bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+ Musik, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Doch, schon. Aber nur von den Leuten, die das kennen. Ich wohne in Paderborn. Wir haben hier ungefähr 20.000 Einfamilienhäuser, die für das Verfahren infrage käme. Wenn es hochkommt, sind nach meiner Schätzung maximal 500 dieser Gebäude so gedämmt wie beschrieben. 19.500 Häuser haben also noch eine ungedämmte Hohlschicht und verbrauchen sehr viel Energie durch die Wand.

Wie sieht es deutschlandweit aus? Sie sprachen von 30 Prozent der Wohnhäuser.

Das Energieinstitut Hessen schätzt in der Untersuchung, die wir in Auftrag gegeben haben, dass etwa 30 Prozent von 19 Millionen Wohngebäuden in Deutschland geeignet wären. Das Forschungsinstitut für Wärmeschutz (FIW) in München ebenfalls. Das wären sechs bis sechseinhalb Millionen Häuser. Bei Nicht-Wohngebäuden gilt Ähnliches. Auch Schulen, Krankenhäuser oder Kindergärten sind häufig so gebaut worden.

Wie viele dieser sechs Millionen Gebäude können noch gedämmt werden?

Man kann das noch bei ungefähr dreieinhalb Millionen Gebäuden machen. Ich komme aus der Praxis. Das Verfahren ist seit mehr als 50 Jahren bekannt, ich habe es vor 30 Jahren selbst durchgeführt. Ich schätze, ich bin für etwa 5000 der zweieinhalb Millionen Gebäude verantwortlich, die in Deutschland bereits gedämmt wurden. Und ich habe nicht einen einzigen bauphysikalischen Fehler gehabt, bei dem Leute sagten: Ich habe Schimmel oder dergleichen. Kein einziges Mal.

Und mit diesen dreieinhalb Millionen Häusern könnte man am Ende ein Viertel der deutschen Heizenergie einsparen?

Nein. Es gibt mehr als 30 Einblasdämmsituationen im Altbau. Die Hohlschicht in der Wand ist am weitesten verbreitet, aber nur eine davon. Es gibt auch die obere Geschossdecke, das "vergessene" Bauteil. Das ist die letzte Decke des bewohnten und beheizten Raumes im Gebäude. Darüber befindet sich in der Regel nur noch der unbeheizte Spitzboden, auf dem alte Möbel, Spielzeug und solche Sachen gelagert werden. 75 Prozent dieser Decken sind Holzbalkendecken, also von oben mit Holzbrettern belegt. Wenn man in diese Bretter hineinbohrt, findet man häufig eine Hohlschicht von bis zu 18 Zentimetern, die man ebenfalls mit diesem sehr einfachen Verfahren füllen kann: Loch rein, Schlauch aufsetzen, ausblasen, Loch schließen.

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Auch über den Dachboden geht ungedämmt viel Energie verloren.

(Foto: picture alliance / photothek)

Angenommen, man schließt den Hohlraum in der Wand und auch in der Decke. Um wie viel sinkt der Energieverbrauch dann?

Das dürften etwa 30 Prozent sein. Das hängt natürlich stark von der Kubatur des Gebäudes ab, also dem Volumen. Bei einem sehr hohen Gebäude wie bei einem viergeschossigen Wohnhaus ist die obere Geschossdecke im Verhältnis zum gesamten Gebäude sehr klein. Bei einem Bungalow ist es genau umgekehrt.

Das heißt, dieses Verfahren eignet sich nicht nur für Einfamilienhäuser?

Richtig. Vor allem in Ostdeutschland haben wir sehr häufig zweischalige Flachdächer - nicht beim privaten Bauherrn, sondern eher in der Wohnungswirtschaft. Bei diesen Dächern schaue ich im obersten Stockwerk von unten auf eine Betondecke. Über dieser Betondecke ist wieder bewusst ein bis zu 50 Zentimeter hoher Hohlraum gelassen worden. Darüber befindet sich das eigentliche Flachdach mit Bitumen-Abdichtung und so weiter. Auch das kann man anbohren und mit Einblasdämmstoffen füllen.

Was für Material wird dort eigentlich reingeblasen?

Je nach Anwendungsfall ganz unterschiedliches. Bei dem zweischaligen Mauerwerk müssen die Materialien hydrophob sein, also wasserfeindlich. Sie dürfen den Schlagregen von der Außenwand nicht zur Innenwand transportieren.

Und das sieht dann aus wie Watte oder Wolle?

Das sieht aus wie Watte, fühlt sich an wie Watte, ist aber Glas. Ein mineralisches Recyclingprodukt. Das betrifft aber nur das zweischalige Mauerwerk. Bei den Holzbalkendecken verwendet man eher Zellulose, weil man davon ausgeht, dass unterhalb der Holzbretter, auf denen die alten Möbel und anderer Kram herumstehen, Tauwasser entsteht. Zellulose ist ein Dämmstoff auf Basis von Zeitungspapier, auch ein Recyclingprodukt. Dieses Papier kann die anfallende Feuchtigkeit im Winter aufnehmen und in der Trockenperiode, also im Frühling, Sommer und Herbst, wieder abgeben.

Gibt es für jede Gebäudesituation eine Lösung?

Ja. Wir haben mehr als 100 verschiedene Dämmstoffe in Deutschland. 10 davon sind verschiedene Einblasdämmprodukte. Der Rest ist Plattenware, Mattenware und so weiter. Damit kann man jede bauliche Situation lösen und sogar jedes beliebige Bauteil energetisch verbessern oder optimieren.

Aber warum werden diese Verfahren so selten genutzt? Die klingen ja deutlich sinnvoller, als jedes Jahr teure Entlastungspakete aufzulegen, wenn es schlecht läuft.

Das verstehe ich auch nicht. International ist das jedenfalls nicht die Regel: In Frankreich wird die Dämmung der oberen Geschossdecke zu 50 Prozent subventioniert. Menschen, die ein geringes Einkommen haben, zahlen sogar nur einen Euro.

Einen Euro? Symbolisch?

Genau. In den Niederlanden wird die Kerndämmung des zweischaligen Mauerwerks auch mit 30 Prozent gefördert. Warum man das in Deutschland nicht macht, weiß ich nicht. Ich bin neuerdings auf Twitter unterwegs und teile dort ein wenig sarkastisch mit: Liebe Politik, Wärmedämmer sind keine Zuhälter! Denn ich habe manchmal wirklich den Eindruck, dass das Thema häufig negativ konnotiert ist: Wärmedämmung brennt, das Haus schimmelt, ich kann nicht mehr atmen und so weiter. Keine dieser Aussagen ist richtig, aber sie halten sich penetrant in der Bevölkerung. Diese Annahmen scheinen in die Politik hineingeschwappt. Denn Politiker sind ja eigentlich auch ganz normale Menschen mit eigenen Ideen, Gedanken und Vorurteilen. Claudia Roth von den Grünen sagte mir mal: "Wärmedämmung ist nicht sexy, Herr Drewer." Das ist ein wörtliches Zitat.

Nicht einmal die Grünen beschäftigen sich mit dem Thema?

Nein. Die Grünen sprechen nur über erneuerbare Energien, Fotovoltaik und Wind. Vielleicht liegt es an der Genese der Partei, die Grünen kommen ja aus der Anti-Atombewegung. Deshalb will ich mit dem IPEG-Institut jetzt einen eigenen Ratgeber aufbauen. Auf daemmatlas.de werden voraussichtlich ab Dezember 55 Dämmsituationen beschrieben, die hoffentlich alle verstehen. Dazu gehören nicht nur die Einblasdämmung, sondern auch Do-it-yourself-Maßnahmen wie die Dämmung von Rollladenkästen, Bodentreppen oder Kellerdecken.

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Dämmung per Schlauch: Das Einblasverfahren ist simpel.

(Foto: Arnold Drewer)

Und um das noch einmal ganz deutlich zu sagen: Die Branche braucht kein Geld, sondern Öffentlichkeitsarbeit, damit sie personell und maschinell planen kann. Die Investitionen lohnen sich für kleine Firmen nur, wenn sie wissen, dass sie nächstes oder übernächstes Jahr etwas zu tun haben. Es würde vermutlich reichen, wenn Herr Habeck oder Herr Scholz einmal im Fernsehen sagen: Leute, dämmt eure Häuser!

Wie schnell haben sich die Kosten von 3000 bis 4000 Euro denn amortisiert?

Bei den jetzigen Energiepreisen hat man sie in vier Jahren wieder raus. Diese Verfahren werden auch alle mit 15 Prozent über die BAFA gefördert, dafür braucht man allerdings einen Energieberater. Seit zweieinhalb Jahren kann man diese Maßnahmen aber auch sehr einfach und unbürokratisch von der Einkommenssteuer absetzen. Man muss keinen Antrag stellen, man muss nicht auf eine Bewilligung der BAFA warten. Das gilt auch für Wärmedämmverbundsysteme und neue Fenster.

Und an wen kann man sich wenden, wenn man sich für eine Einblasdämmung interessiert oder herausfinden möchte, ob das Eigenheim einen Hohlraum zwischen den Wänden hat?

Man kann das tatsächlich selber machen, indem man zum Beispiel von außen ein Loch in die Wand bohrt. Macht der Bohrer irgendwann einen Ruck oder Schlag nach vorne und verschwindet, gibt es einen Hohlraum. Will man das nicht selber machen, wendet man sich an einen Energieberater. Als besonders kompetent habe ich Schornsteinfeger wahrgenommen, denn die sind sowieso fast jedes Jahr in fast jedem deutschen Haus unterwegs, weil sie Heizanlagen kontrollieren müssen. Sie gehen auch qua ihres Berufes in den Keller hinein, können sich dort die Kellerdecke angucken und sind auf der oberen Geschossdecke unterwegs. Schornsteinfeger haben auch ein Endoskop dabei. Nicht so teuer wie beim Internisten, aber ausreichend, um in Hohlschichten hineinzuschauen.

Mit Arnold Drewer sprachen Clara Pfeffer und Christian Herrmann. Das Gespräch ist zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet worden.

Klima-Labor von ntv

Was hilft gegen den Klimawandel? "Klima-Labor "ist der ntv Podcast, in dem Clara Pfeffer und Christian Herrmann Ideen und Behauptungen prüfen, die toll klingen, es aber selten sind. Klimaneutrale Unternehmen? Gelogen. Klimakiller Kuh? Irreführend. Kunstfleisch? Das Grauen 4.0. Aufforsten im Süden? Verschärft Probleme. CO2-Preise für Verbraucher? Unausweichlich. LNG? Teuer.

Das Klima-Labor - jeden Donnerstag eine halbe Stunde, die informiert und aufräumt. Bei ntv und überall, wo es Podcasts gibt: RTL+ Musik, Apple Podcasts, Amazon Music, Google Podcasts, Spotify, RSS-Feed

Quelle: ntv.de

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