Wirtschaft

Schicksalswahl in Italien Märkte wetten gegen Berlusconi

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Silvio Berlusconi.

ASSOCIATED PRESS

Am Nachmittag schließen in Italien die Wahllokale. Die Börsen nehmen das Ergebnis vorweg, sie setzen auf eine Niederlage Silvio Berlusconis und einen Sieg des Mitte-Links-Bündnisses, das den eingeschlagenen Reformkurs fortsetzt. Doch ein lähmendes Patt bleibt weiterhin möglich.

An den Europas Finanzmärkten ist sind die Wahlen in Italien das dominierende Gesprächsthema. Die meisten Investoren setzen offenbar darauf, dass sich das Mitte-Links-Bündnis um Pier Luigi Bersani und Mario Monti bei dem richtungsweisenden Urnengang durchsetzt.

Ein Sieg dieser beiden Politiker wird von den Märkten als günstigstes Szenario gewertet, stehen sie doch im Gegensatz zu Silvio Berlusconi und dem Komiker Beppo Grillo für eine pro-europäische Politik und die Fortsetzung des Reformkurses. Bersani werde "die Reformagenda des amtierenden Ministerpräsidenten Monti mit mehr Rücksicht auf den Sozialstaat" fortsetzen, meinen die Ökonomen der Allianz.

In Mailand eröffnete die Börse mit deutlichen Kursgewinnen, im Verlauf lag der Leitindex 0,7 Prozent im Plus. Auch EuroStoxx und der deutsche Aktienindex Dax lagen im grünen Bereich. In Erwartung des Wahlergebnisses griffen Anleger auch bei italienischen Anleihen zu. Die Rendite für richtungsweisende zehnjährige Papiere sank leicht auf 4,4 Prozent, damit sank auch der Risikoaufschlag zu den vergleichbaren Bundespapieren.  Die Kreditausfallversicherung mit einer Laufzeit von fünf Jahren auf italienische Staatsschulden wurde etwas billiger.

Bei einer Aufstockung unverzinslicher Anleihen (Zerobonds) mit Fälligkeit 2014 verlangten die Investoren mit einer Rendite von 1,68 Prozent allerdings 0,25 Prozentpunkte mehr als bei einer vergleichbaren Auktion Ende Januar. Die große Nagelprobe am Anleihemarkt steht Italien in dieser Woche erst noch bevor: Am Mittwoch sollen 7 Mrd. Euro bei Anlegern eingesammelt werden. Unter den Hammer kommen unter anderem Titel mit zehnjähriger Laufzeit.

Für das Krisenland Italien und die gesamte Eurozone geht es bei den leicht vorgezogenen Parlamentswahlen um viel. Der drittgrößten Volkswirtschaft der Währungsunion droht eine Hängepartie mit unklaren politischen Verhältnissen. Entscheidend ist, ob das hoch verschuldete und in einer tiefen Rezession steckende Land eine stabile Regierung bekommt.

Die Wahllokale schließen um 15 Uhr, kurz darauf werden erste Prognosen erwartet. "Der Markt nimmt einen Wahlausgang vorneweg, bei dem Berlusconi politisch nichts mehr zu sagen hat", sagte ein Börsianer. Das allein wäre, ungeachtet aller Unwägbarkeiten bei der Regierungsbildung, ein für die Finanzmärkte positives Resultat. Eine Wiederwahl Berlusconis "wäre für die Anleger ein Horror-Szenario, die Staatsschuldenkrise würde wieder hochkochen", sagt Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer.

Grillo vor starkem Ergebnis

"Das ist das Worst-Case-Szenario" meint Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. Berlusconis Wahlkampfversprechen, die Steuern zu senken, könnte die Haushaltskonsolidierung in Italien gefährden. "Die erste Reaktion der Märkte dürfte negativ auch für andere Euro-Schuldenstaaten sein." Italien und andere Krisenländer müssten zunächst höhere Zinsen zahlen, um sich am Kapitalmarkt frisches Geld zu besorgen. Erst später würden die Investoren zwischen den einzelnen Staaten differenzieren.

Die Allianz warnt: "Italien sollte das wiedergewonnene Vertrauen nicht durch starke antieuropäische Kräfte in der Politik und eine Abkehr vom Reformweg verspielen." Diese Gefahr droht allerdings nicht nur durch Berlusconi. Auch Beppe Grillo setzt auf Populismus und anti-europäische Töne. Seiner Initiative "Fünf Sterne" trauen Demoskopen ein starkes Ergebnis von bis zu 20 Prozent der Stimmen zu.

Nicht auszuschließen ist, dass sich die Parteien bei unklaren Machtverhältnissen zu einer "Großen Koalition" von Mitte-Links bis Mitte-Rechts zusammenraufen, meinen Beobachter. Eine andere Möglichkeit: Eine Technokraten-Regierung, möglicherweise erneut unter Montis Führung. Allen diesen Modellen sagen nicht nur die Ökonomen von JP Morgan eine geringe Halbwertzeit voraus. Neuwahlen im Laufe des Jahres seien sehr wahrscheinlich. Das dürfte weder den Finanzmärkten noch der Politik in Europa gut gefallen.

Sollte in Rom keine regierungsfähige Mehrheit zustande kommen, "dann sind Turbulenzen zu erwarten, wie wir sie vor zwei Jahren bereits hatten", sagt Lüder Gerken, Direktor des Centrums für Europäische Politik in Freiburg. Er befürchtet massive Reaktionen der Finanzmärkte. Eine Blockade sei genauso schlecht wie eine Rückkehr Berlusconis. "In beiden Fällen wären die dringend notwendigen Reformen nicht möglich."

Das sieht ein Börsianer anders. "An der Börse wird darauf gesetzt, dass sich die Italiener pro Europa entscheiden", so der Marktteilnehmer. Zu einer kurzfristigen Verunsicherung dürfte es zwar kommen, falls der Berlusconi oder Grillo der Regierung angehören. Allerdings müsste wohl auch von ihnen die von Monti eingeleitete Haushaltskonsolidierung umgesetzt werden. Italien könne es sich nicht leisten, auf den Schutz des europäischen Rettungsschirmes zu verzichten.

Quelle: n-tv.de, jga/rts/DJ/dpa

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