Wirtschaft

Vom Pannenprojekt zum "Powerhouse" Mehdorn prescht am BER vor

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"Ich will die Mannschaft revitalisieren": Hartmut Mehdorn (l.) und Klaus Wowereit.

(Foto: REUTERS)

Berlins Regierender Bürgermeister setzt große Stücke auf den neuen Krisenmanager: Mit der Ernennung von Ex-Bahnchef Mehdorn hofft Wowereit auf Fortschritte am künftigen Hauptstadtflughafen. Viel Zeit bleibt dem Hoffnungsträger nicht.

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Wird jetzt alles besser: Hartmut Mehdorn, Matthias Platzeck und Klaus Wowereit bei der Vorstellung des neuen Chefs (v.l.n.r.).

(Foto: dapd)

Hartmut Mehdorn muss als neuer Chef des neuen Berliner Pannen-Flughafens aufs Tempo drücken. Bereits zu Beginn kommender Woche hat er seinen ersten Arbeitstag. "Ich bin zuversichtlich, dass wir hier ein kleines Powerhouse aufmachen können", zeigte sich der 70-Jährige Topmanager bei seiner Vorstellung vor dem Wochenende zuversichtlich. Mehdorn soll das frühere Prestigeprojekt nach vier gescheiterten Eröffnungsterminen aus der Krise führen.

Mit einer Schonfrist zum Einarbeiten kann Mehdorn nicht rechnen. Dafür sind nach Ansicht von Beobachtern die Probleme auf der Großbaustelle zu zahlreich. Dazu kommen die politische Dimension, die das Großvorhaben unter Verantwortung der beiden Bundesländer Berlin und Brandenburg sowie des Bundesverkehrsministeriums mittlerweile angenommen hat - und natürlich der enorme Zeitdruck, der sich aus steigenden Kosten und laufenden Schadenersatzklagen entsteht.

Einen neuen Starttermin kann die Flughafengesellschaft noch immer nicht vorweisen. Allerdings ergeben sich mit Mehdorns Ernennung indirekte Hinweise auf den zur Diskussion stehenden Zeithorizont. Der Vertrag des früheren Bahn- und Air-Berlin-Vorsitzenden Chefs läuft nach Angaben von Flughafen-Aufsichtsratschef Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck drei Jahre, also bis März 2016.

Schlechte Chancen für Nachtfluggegner

Mehdorn folgt auf Rainer Schwarz, der im Januar entlassen worden war. Anders als Schwarz wird Mehdorn Vorsitzender der Geschäftsführung und nicht nur ihr Sprecher. Mehdorn trägt damit die Gesamtverantwortung. Platzeck lobte ihn als erfahrenen Manager und exzellenten Branchenkenner. Er sei sicher, dass Mehdorn dem Flughafen zu mehr Akzeptanz verhelfe, ihn zurück in die Erfolgsspur und zu einer gelungenen Eröffnung führe.

  Die deutsche Luftfahrtbranche begrüßte die Berufung. Aus Sicht des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft muss Mehdorn nun auch für die Flüge bis Mitternacht und ab 5.00 Uhr kämpfen - denn Brandenburg will mehr Nachtruhe. Mehdorn lehnte eine Ausweitung des Flugverbots ab. Er wolle "sehen, ob es nicht andere Kompromisslinien gibt".

Wowereit sieht sich beim Thema Nachtflugverbot durch Mehdorns Ernennung offenbar gestärkt. Auch der neue Flughafenchef habe deutlich gemacht, dass die Randzeiten für Flüge gebraucht würden, sagte Wowereit im RBB-Inforadio. "Oder wir müssen daraus einen Provinzflughafen machen." Das sei aber nicht die bisherige Strategie gewesen sei. Die Position zu den Randzeiten sei mit Brandenburg abgestimmt worden, die dortigen Behörden hätten das bewilligt, betonte Wowereit.

"Ich kann auch nicht zaubern"

Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck hatte zuvor Neuverhandlungen angekündigt, um ein längeres Nachtflugverbot zu erreichen. Bislang soll am neuen Flughafen ein Flugverbot zwischen Mitternacht und fünf Uhr morgens gelten. Eine Volksinitiative gegen Fluglärm fordert jedoch eine Ausweitung der Nachtruhe auf die Zeit zwischen 22 und sechs Uhr.

  Kritik und Spott gab es zur Berufung Mehdorns von der Opposition im Bund über die vermeintliche Notlösung nach mehreren Absagen. "Das ist eine reizvolle Aufgabe, keine Frage", betonte dagegen Mehdorn, warnte aber auch vor zu hohen Erwartungen. "Ich kann auch nicht zaubern."

Es gehe um eine Teamleistung, betonte Mehdorn. "Ich will die Mannschaft revitalisieren." In seiner neuen Funktion hat der Ex-Chef von Deutscher Bahn und Air Berlin nicht nur Verantwortung für den Neubau, sondern auch für die alten Flughäfen in Tegel und Schönefeld.

Der neue Chef hat nach eigenen Angaben freie Hand, wenn es um die Struktur der neuen Geschäftsführung geht. "Wir werden gucken, ob wir noch jemand brauchen." Der Aufsichtsrat wollte zuletzt den Posten des Finanzchefs schaffen. Bislang besteht die Geschäftsführung aus Mehdorn und Technikchef Horst Amann.

Mehdorn verklagt sich selbst?

Seinen Sitz im Verwaltungsrat von Air Berlin will Mehdorn abgeben. Die Schadenersatzklage, die er wegen des Flughafendebakels selbst als Air-Berlin-Chef gegen die Flughafengesellschaft eingereicht habe, werde nicht über seinen Schreibtisch gehen, sagte er.

Zum Ausmaß der Probleme an seinem neuen Arbeitsplatz sind unterdessen neue Informationen aufgetaucht: Die Zahl der Mängel am neuen Hauptstadtflughafen ist möglicherweise doppelt so hoch wie bislang angenommen, heißt es in einem bislang unbestätigten Pressebericht.

Von bis zu 40.000 Mängeln war in einem "Focus"-Beitrag die Rede. Das Blatt beruft sich dabei auf den Fortschrittsbericht zur Baustelle. Ein Flughafensprecher sagte dazu lediglich, dass ihm diese Zahl nicht bekannt sei. Solche Zahlen seien zudem immer irreführend.

"Das entscheidende Problem ist und bleibt die Brandschutzanlage", erklärte der Sprecher. In dem Bericht sollen alle relevanten Punkte zusammengefasst werden. Dort sind allerdings auch kleinste Mängel wie ein Sprung in einer Fliese aufgelistet. Zuletzt war von etwa 20.000 Defiziten die Rede gewesen.

Quelle: n-tv.de, mmo/AFP/dpa

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