Wirtschaft

Trendwende am Immobilienmarkt Mieten in manchen Lagen "bröckeln" schon

Der Wohnungsbau erreicht das im Kampf gegen die steigenden Mieten geforderte Niveau bei Weitem nicht. Muss er auch gar nicht, stellt die Immobilienwirtschaft fest. Denn die Nachfrage in den Großstädten lässt bereits nach, die Mieten insbesondere im günstigen Segment sinken.

Während die Politik mit immer neuen Maßnahmen wie dem Mietendeckel versucht, den Wohnungsmarkt unter Kontrolle zu bekommen, ist die Trendwende bei der Mietentwicklung bereits da. Das ist das Resümee von Harald Simons, Wirtschaftsprofessor und Vorstandsmitglied beim Immobilienberatungsunternehmen Empirica in seinem Beitrag zum Frühjahrsgutachten des Rates der Immobilienweisen. "Die Nachfrage schwächt sich spürbar ab", erklärte Simons bei der Vorstellung des vom Spitzenverband der Immobilienwirtschaft, dem Zentralen Immobilienausschuss (Zia), herausgegebenen Gutachtens. Denn das Bevölkerungswachstum und insbesondere der Zuzug in die größten deutschen Städte lasse nach.

Gleichzeitig wurden im vergangenen Jahr Simons zufolge rund 300.000 Wohnungen in Deutschland fertiggestellt. "Das reicht", sagte Simons, auch wenn das weniger sei als die oft zitierten 350.000 bis 400.000 Wohnungen pro Jahr, die die Bundesregierung anstrebt. Die Zahl der neuen Wohnungen liege erneut höher als für das Bevölkerungswachstum notwendig. Die deshalb zu erwartende Trendwende auf dem Wohnungsmarkt sei auch bei den Angebotsmieten in den Großstädten bereits spürbar. In Berlin und auch in Hamburg gingen die geforderten Mieten 2019 sogar um 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahr zurück.

Deutschlandweit stieg die Neuvertragsmiete für eine Standardwohnung von 60 bis 80 Quadratmetern mit guter Ausstattung 2019 im Durchschnitt um 3,5 Prozent und damit, wie auch in den Vorjahren schon, langsamer als das verfügbare Einkommen. Regulierungsversuche wie die verschärfte Mietpreisbremse und der umstrittene Mietendeckel waren laut Simons nicht der entscheidende Grund für die Trendwende.

Kaufpreise steigen ungebrochen

Insbesondere im unteren Preissegment "beginnen die Mieten zu bröckeln", sagte Simons. So hätten Vermieter bei "einfach ausgestatteten Wohnungen in einfachen Lagen" teilweise Probleme, die von ihnen geforderten Mieten zu erzielen. Im oberen Preissegment in begehrten Lagen habe es 2019 dagegen weitere Preissteigerungen gegeben. Bei Neubau müsse daher auf "Qualität" geachtet werden, forderte Simons und warnte davor, wahllos günstigen Neubau "im Sinne von billig am Stadtrand" voranzutreiben.

Bei den Kaufpreisen dagegen hält der rasante Anstieg ungebrochen an. In fast allen Großstädten legten die Preise für Eigentumswohnungen erneut um mehr als zehn Prozent zu. Nur in München fiel der Anstieg mit knapp sieben Prozent etwas geringer aus. Angesichts der sich immer extremer auseinanderentwickelnden Mieten und Kaufpreise sei es insbesondere in Berlin für Investoren "praktisch nicht mehr möglich, eine positive Rendite zu erzielen", so Simons.

Simons' Einschätzung zu einer allgemeinen Trendwende auf dem Mietwohnungsmarkt blieb allerdings unter den Immobilienweisen des Zia nicht unwidersprochen. Carolin Wandzik, Geschäftsführerin des Beratungsinstitut Gewos, untersuchte für das Frühjahrsgutachten den Wohnungsmarkt in ländlichen Räumen. Sie kommt zu dem Schluss, dass sich die Situation in Berlin vor allem wegen der zunehmenden Abwanderung in den Speckgürtel entspannt habe. Im Umland Berlins und anderer Metropolen verschärfe sich die Lage dagegen weiter: "Der Blick auf die Gesamtzahlen verdeckt erhebliche regionale Unterschiede."

Quelle: ntv.de