Wirtschaft
Wahlkampf in der Apotheke: Hillary Clinton (hier während ihrer Zeit als Senatorin in New York) fordert die Festsetzung von Preisen durch ein Regierungskomitee
Wahlkampf in der Apotheke: Hillary Clinton (hier während ihrer Zeit als Senatorin in New York) fordert die Festsetzung von Preisen durch ein Regierungskomitee(Foto: imago/Levine-Roberts)
Sonntag, 25. September 2016

10.000 Dollar für eine Aknecreme: Pharma-Wucherer ignorieren Empörung

Ein Aids-Medikament soll plötzlich 700 statt 13,50 Dollar kosten, eine Allergiespritze 300 statt bisher 50 Dollar. Solche Fälle regen ganz Amerika auf. Kritik von Politikern scheint an den Unternehmen einfach abzuperlen.

Nach dem Aufschrei über die Versechsfachung des Preises für ein Allergie-Medikament, hatte der US-Kongress vergangene Woche die Chefin des Pharmaunternehmens Mylan zu einer Anhörung vorgeladen. Der Fall, der für viele Allergiker lebensrettenden EpiPens von Mylan, hatte die Debatte über willkürliche Preiserhöhungen für Medikamente in den USA noch einmal angeheizt, die auch im Präsdientschaftswahlkampf eine große Rolle spielt.

Doch noch bevor Mylan-Chefin Heather Bresch im Kongress Rede und Antwort stehen musste, demonstrierte ein anderes Pharma-Unternehmen, wie wenig die Branche von der Empörung der Öffentlichkeit und der Politiker beeindruckt ist. Wie die "Financial Times" enthüllte, erhöhte die Firma Novum Pharma den Preis für eine 60-Gramm-Tube ihrer Akne-Creme Aloquin um insgesamt satte 3900 Prozent auf 9561 Dollar. Novum hatte das Medikament erst im vergangenen Jahr gekauft und den Preis zunächst von 241 auf 1100 Dollar pro Tube erhöht, dann im Januar noch einmal und schließlich in der vergangenen Woche erneut auf nahezu 10.000 Dollar.

Damit stellte Novum Pharma sogar den umstrittenen Investor Martin Shkreli in den Schatten, dessen damaliges Unternehmen Turing Pharma im vergangenen Jahr den Preis für ein billig herzustellendes, aber lebenswichtiges Aids-Medikament von 13,50 auf 700 hochschraubte. Nach einem Aufschrei der Empörung nahm Turing die Preiserhöhung teilweise zurück.

Wirksamkeit ungewiss

Anders als das Aids-Medikament Daraprim oder der EpiPen von Mylan gilt die Akne-Creme Aloquin noch nicht einmal als erwiesenermaßen wirksam. Die US-Pharmabehörde FDA stuft sie als lediglich "möglicherweise wirksam" ein. Die Creme besteht laut "Financial Times" aus einem seit Jahrzehnten bekannten Antibiotikum und einem Aloe-Vera-Extrakt. Andre Produkte mit demselben Antibiotikum kosten demnach nur etwa 30 Dollar, während Aloe-Vera-Cremes noch deutlich günstiger sind.

"Von einem medizinischen Standpunkt aus sollte ein Medikament, das als 'möglicherweise' wirksam eingestuft ist, keine naheliegende Behandlungsoption für einen Arzt sein - erst recht nicht bei einem Preis von 10.000 Dollar", zitiert die Zeitung Michael Rea, Chef von Rx Saving Solutions, einem Unternehmen, das Ärzte dabei berät, die Kosten für verschriebene Medikamente zu reduzieren.

Den meisten Patienten, deren Krankenversicherung die Kosten übernehmen, bleibt der tatsächliche Preis für Aloquin verborgen. Zwar verlangen viele Versicherungen Zuzahlungen von ihren Kunden, um dazu anzuhalten möglichst günstige Medikamente zu wählen. Doch Novum Pharma bietet wie andere Hersteller auch, den Patienten Erstattungen oder Rabatte, so dass sie auch die Zuzahlung nicht selbst tragen müssen. Nur wenige Versicherungen haben bislang Medikamente wie Aloquin wegen exzessiver Preise ganz aus ihrem Leistungskatalog gestrichen.

Pharmabosse bleiben unbeeindruckt

Trotz aller Empörung und weitreichender Forderungen, etwa die Preise künftig staatlich festzulegen, herrschte im Kongress bei der Anhörung von Mylan-Chefin Bresch Ernüchterung, ob das Problem bald in den Griff zu bekommen sei. Die Managerin, deren Vater selbst Abgeordneter für die Demokraten im Senat sitzt, behauptete, bei der der Preiserhöhung für den EpiPen sei es nicht um Gewinnmaximierung gegangen, und das Unternehmen wolle zudem finanziell schwachen Patienten entgegenkommen. Viele Abgeordnete hatten jedoch nicht den Eindruck, dass die massive Kritik die Pharmabosse irgendwie beeindrucke. "Nachdem Mylan hier unsere Schläge einsteckt, werden die in ihren Privatjets zurückfliegen und dabei die ganze Zeit lachen", resümierte ein Abgeordneter aus dem Repräsentantenhaus.

Quelle: n-tv.de