Wirtschaft

Nicht nur wegen Ukraine-Krieg Teure Lebensmittel? "Kosten werden weiter steigen"

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Beim Lebensmitteleinkauf achten viele Menschen angesichts der Preisentwicklung nun noch mehr auf den Preis.

(Foto: picture alliance / SvenSimon)

Butter für drei, Hackfleisch für fünf Euro: Die Lebensmittelpreise steigen und steigen. Der Ukraine-Krieg und die hohen Energiekosten sind aber nicht die einzigen Gründe. Die Produzenten werden auch von den großen Lebensmittelketten unter Druck gesetzt.

Butter, Käse und Babymilch sind mittlerweile so teuer, dass viele Läden in Großbritannien sie mit Sicherheitsetiketten bekleben, als Diebstahlschutz. Immer öfter werden Grundnahrungsmittel in britischen Supermärkten gestohlen. Immerhin kostet Butter in Großbritannien mittlerweile schon um die sechs Euro.

Auch in Deutschland steigen die Preise rasant. Zwar ist man hierzulande noch weit unter dem britischen Niveau, aber ein Stück Butter für drei Euro ist keine Seltenheit. Auch für Öl, Kaffee oder Milch müssen wir deutlich mehr bezahlen.

Das allerdings ist nicht erst seit Beginn des Ukraine-Kriegs so. "Einen etwas überdurchschnittlichen Preisanstieg haben wir jetzt schon sehr lange, also mindestens zehn Jahre", sagt Stefanie Sabet, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie im ntv-Podcast "Wieder was gelernt". Die Corona-Pandemie und der Krieg hätten für einen sprunghaften Anstieg der Preise gesorgt. "Die Ausnahmesituation in den Lieferketten hatte niemand auf dem Plan."

Gas teurer, Rohstoffe knapp

Innerhalb eines Jahres sind Lebensmittel im Juni um fast 13 Prozent teurer geworden. Vor allem Speiseöl, Fleisch, Brot, Molkereiprodukte und Eier kosten viel mehr als noch vor einem Jahr. Öl hat sich um über 40 Prozent verteuert.

Dass Nahrungsmittel mehr kosten, liegt auch am Angriff Russlands auf die Ukraine, aber nicht nur. Der Krieg hat die Lage zwar noch einmal verschlimmert. Viele andere Faktoren kommen aber dazu.

Die Hersteller müssen momentan selbst viel mehr ausgeben, um produzieren zu können. Auch für sie ist Energie teurer geworden. Insbesondere die Milch- und Fleischproduktion seien auf Gas angewiesen, sagt Stefanie Sabet. "Langfristig gesehen haben wir Kostensteigerungen aufgrund immer höherer Anforderungen in der Produktion und Erzeugung. Das hat zum einen mit den Ansprüchen der Verbraucher zu tun, aber auch mit dem Umbau der Landwirtschaft und der Produktion hin zu den Klimazielen." Die Corona-Pandemie habe für Verknappungen bei vielen Rohstoffen und bei Verpackungen gesorgt.

Weltmarktpreis für Getreide gestiegen

Vor allem bei Sonnenblumenöl und Getreide gibt es durch den Krieg einen Engpass. Die Ukraine ist der größte Sonnenblumenöl-Lieferant der Welt. Und auch beim Getreide gehört das Land zu den weltgrößten Exporteuren. Seit Kriegsbeginn kann das Land aber nur einen Bruchteil der Ernte in andere Länder verkaufen, weil Russland die Frachtschiffe nicht durch das Schwarze Meer lässt. Dazu kommt, dass Indien wegen der Hitzewelle im Land kein Weizen mehr exportiert.

Getreide ist zur Mangelware geworden. Der Getreidepreis ist gestiegen. Auch bei uns. "Wir sind nahezu autark bei Brotgetreide in Deutschland. Wir sind da nicht von Importen abhängig. Aber der Weltmarktpreis hat natürlich angezogen, weil am Weltmarkt weniger zur Verfügung stand, da die Ukraine ausgefallen ist", erläutert Stefanie Sabet. Auch die deutschen Getreidepreise orientieren sich am Weltmarkt.

Brot bald doppelt so teuer?

Die Lebensmittelpreise werden in den nächsten Monaten noch weiter steigen, hat eine Umfrage des ifo-Instituts ergeben. Fast jeder befragte Einzelhändler für Nahrungs- und Genussmittel plant demnach höhere Preise.

Bei Brot und Brötchen könnte bald ein Aufschlag von 10 bis 20 Prozent kommen. Damit rechnet die Bäckerei Lieken, der zweitgrößte Großbäcker Deutschlands. Für Mehl müsse die Firma dieses Jahr den doppelten Einkaufspreis zahlen. Und auch mehr zahlen für Erdgas, Verpackungsmaterialien und Personal. Der Bauernverband Schleswig-Holstein erwartet sogar, dass sich der Brotpreis verdoppeln wird. Brot und Brötchen haben sich im Juni um 12,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat verteuert.

Auch Stefanie Sabet erwartet noch saftigere Preise als jetzt. Das liege aber nicht an den Herstellern. "Die Kosten werden definitiv steigen. Das kann ich Ihnen sicher sagen. Was der Handel dann damit macht, kann ich Ihnen aber nicht sagen." Der Handel hebe oder senke eigenmächtig die Preise.

Verkaufspreis bildet Preissteigerungen nicht immer ab

Die Preise, die wir im Supermarkt am Ende auf dem Kassenzettel sehen, zeigen nicht die tatsächlichen Kosten. Die Hersteller schlagen nicht alle Mehrkosten auf den Preis auf. Obwohl sie, wie auch die Verbraucher, erheblich höhere Gas- und Stromkosten haben. Dazu kommen die Mehrkosten etwa für Personal und Verpackungen.

"Die Kostensteigerungen sind locker im zweistelligen Bereich, wenn sie sich nicht sogar verdoppelt oder verdreifacht haben. Solche Preissteigerungen sehen wir auf der Endverbraucher-Ebene gar nicht. Das wird natürlich versucht, auch abzufedern", erklärt Sabet im Podcast.

Konzerne bestimmen Supermarktpreise

"Wieder was gelernt"-Podcast

"Wieder was gelernt" ist ein Podcast für Neugierige: Warum wäre ein Waffenstillstand für Wladimir Putin vermutlich nur eine Pause? Warum fürchtet die NATO die Suwalki-Lücke? Wieso hat Russland wieder iPhones? Mit welchen kleinen Verhaltensänderungen kann man 15 Prozent Energie sparen? Hören Sie rein und werden Sie dreimal die Woche ein bisschen schlauer.

Alle Folgen finden Sie in der ntv-App, bei Audio Now, Apple Podcasts und Spotify. "Wieder was gelernt" ist auch bei Amazon Music und Google Podcasts verfügbar. Für alle anderen Podcast-Apps können Sie den RSS-Feed verwenden.

Die großen Lebensmittelhändler bestimmen am Ende die Preise. Vier große Konzerne teilen sich drei Viertel des Marktes auf. Edeka mit den Netto-Supermärkten, Rewe mit Penny, die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören, und Aldi. Mit ihnen müssen die Hersteller die Preise verhandeln. Diese sind für eine gewisse Zeit lang verbindlich.

Bei den Verhandlungen mit den Produzenten lassen sich die Händler nicht in die Karten schauen, sagt Stefanie Sabet. "Wir haben harte Verhandlungen mit dem Einzelhandel, der letztendlich die Lebensmittel an den Endverbraucher verkauft. Das, was eben nicht weitergegeben werden kann, geht zulasten der Erträge der Erzeuger und Produzenten. Bis zu einem gewissen Maß können Unternehmen das ertragen, ab einem gewissen Maß wirtschaftlich aber nicht mehr."

"Brauchen klare Aussagen zu Gas-Versorgung"

Die steigenden Preise für Lebensmittel belasten besonders Rentner, Alleinerziehende und Familien mit wenig Geld. Der Ansturm bei den Essensausgabestellen der Tafeln in Deutschland ist so hoch wie nie. Unter anderem der Sozialverband VdK und die Verbraucherzentrale fordern deshalb, die Mehrwertsteuer bei bestimmten Grundnahrungsmitteln vorübergehend abzuschaffen, für Obst, Gemüse und Hülsenfrüchte.

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Stefanie Sabet hält das für keine gute Idee. Das würde mehr Kosten verursachen als sparen, weil die Unternehmen ihre Systeme komplett umbauen müssten. Wichtiger wäre eine Planbarkeit bei der Energieversorgung. "Wir brauchen zumindest klare Aussagen, womit unser Sektor rechnen kann und womit nicht. Wo wir in der Gas-Versorgungskette stehen", fordert Sabet. Um Kosten zu senken, wäre zudem ein ausreichendes Angebot auf den Agrar-Rohstoffmärkten wichtig.

Nicht nur in Deutschland sind Lebensmittel teuer: Viele Menschen werden es jetzt im Urlaub im Ausland merken, dass sie dort noch viel mehr für Essen ausgeben. Vor allem in den östlichen EU-Ländern sind die Preise stark angestiegen. An der Spitze der Liste steht Litauen: Im April sind Lebensmittel im Vergleich zum Vorjahr dort um fast ein Viertel teurer geworden. Auch in Griechenland und Spanien haben die Preise ordentlich angezogen. In Italien und Frankreich sind die Preise zwar auch gestiegen, aber immerhin nicht so stark wie in Deutschland.

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Quelle: ntv.de

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