Wirtschaft

Umstrittene Bonitätsprüfer Ratingagenturen unter Beschuss

Ratingagenturen haben es derzeit nicht leicht: Aus allen Richtungen hagelt es Kritik. Nicht immer ist sie berechtigt, doch die Agenturen haben selbst Schuld.

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An der Börse in Athen geht es nach dem Urteil von S&P abwärts.

(Foto: REUTERS)

Die Eurozone hat nicht nur ein Problem, sondern viele. Griechenland steht am Abgrund, Spaniens Schwierigkeiten wachsen, in Portugal und Irland sieht es nicht besser aus – im Gegenteil. Als ob das nicht schon schlimm genug wäre, stufen Ratingagenturen die Zahlungswürdigkeit angeschlagener Länder ab,verteuern damit die Aufnahme dringend benötigter Kredite und schränken die Handlungsfähigkeit der Regierungen ein. Im Falle Griechenlands ist es besonders extrem: Nachdem die Agentur S&P die Anleihen Griechenlands als Ramsch einstuft, bekommt das Land keinen Kredit mehr.

Vor diesem Hintergrund stecken die Ratingagenturen derzeit viel Prügel ein. "Wir sollten das Wohl Europas nicht von den Rating-Agenturen abhängig machen", sagt der Wirtschaftsweise Peter Bofinger der "Welt". "Die Ratingagenturen haben von Beginn der Finanzkrise an versagt - warum sollte sich die Europäische Zentralbank in dieser kritischen Phase überhaupt noch auf ihr Urteil verlassen?"

Banken, die sich bei der EZB Geld leihen, können Staatspapiere als Pfand hinterlegen – Voraussetzung ist allerdings, dass diese von den führenden Ratingagenturen - Standard & Poor's (S&P), Fitch und Moody's - nicht zu schwach bewertet werden. Griechische Banken stehen jetzt vor diesem Problem.

Undurchsichtige Methoden

"Wir hängen zu sehr am Tropf der Rating-Agenturen", sagt Clemens Fuest, Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats des Bundesfinanzministeriums. Das Urteil der Ratingagenturen werde an den Märkten überbewertet. Dennis Snower, Präsident des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW), sieht das ähnlich: "Es kann nicht sein, dass Rating-Agenturen, die die Finanzkrise zu einem großen Teil mitzuverantworten haben, weil sie wertlosen Papieren Bestnoten verliehen haben, immer noch solch eine herausragende Rolle spielen." Zudem sei die Methodik der Rating-Agentur nach wie vor intransparent.

Vor dem Beginn der Finanzkrise hatten die führenden Ratingagenturen komplizierten und hochgefährlichen Finanzinstrumenten Top-Bewertungen gegeben. Seitdem müssen sie sich den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten versagt und Investoren in falscher Sicherheit gewiegt.

Michael Hüther, Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW Köln), geht mit den Ratingagenturen ebenfalls hart ins Gericht: "Die Rating-Agenturen haben wieder einmal geschlafen." Hüther hält ihr Agieren für fragwürdig, weil sie wieder sehr spät gehandelt hätten. Statt nach und nach Griechenland und Portugal herabzustufen, hätten sie mehrere Schritte auf einmal vollzogen und damit Nervosität an den Märkten ausgelöst. Er verlangte, dass Rating-Agenturen künftig ihre Bonitätsbewertungen graduell vornehmen müssten.

Fragwürdiger Zeitpunkt

Nicht nur Ökonomen kritisieren die Agenturen, auch Politiker lassen ihrem Ärger Luft und weisen darauf hin, dass Athen nun keine Staatsanleihen mehr begeben kann. Griechenlands Regierungschef Giorgos Papandreou wählt klare Worte und sieht angesichts der Herabstufung seines Landes die Gefahr eines finanzpolitischen Flächenbrands.

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Auch der Zeitpunkt der drastischen Bonitätssenkungen stößt auf Kritik. "Es ist durchaus fragwürdig, ob das Timing glücklich gewählt ist. Standard & Poor's hätte gut daran getan, zu warten bis alle Fakten auf dem Tisch liegen", sagt der Chefvolkswirt von HSBC Trinkaus und Burkhardt, Stefan Schilbe. Nur wenn klar sei, welche Sparmaßnahmen Griechenland zur Bereitstellung der Milliardenhilfen leiste, könne die Bonität des hoch verschuldeten Landes richtig beurteilt werden, moniert der Ökonom. So könne sich das Problem für Griechenland noch verschärfen, weil bei einer starken Herabstufung institutionelle Investoren wie Versicherer oder Pensionskassen Anleihen des Landes nicht mehr in ihren Depots halten dürfen. "S&P muss sich den Vorwurf gefallen lassen, in einem illiquiden Markt diese Prozesse noch verschärft zu haben", sagt Schilbe.

Agenturen verteidigen sich

Die heftig gescholtenen Agenturen sehen das anders. S&P widerspricht dem Vorwurf, zu spät auf die Probleme der Hellenen reagiert zu haben. Bereits 2004 hätte S&P damit begonnen, das Griechen-Rating herunterzunehmen, betont Kreditanalyst Moritz Krämer. "Das Rating für Griechenland war immer das niedrigste unter den Ländern der Euro-Zone."

Fitch-Deutschland-Geschäftsführer Jens Schmidt-Bürgel weist auf ein Dilemma hin, was den Zeitpunkt einer Neubewertung betrifft. "Wir können es nie allen recht machen, weil Investoren unterschiedliche Interessen haben. Während die einen kritisieren, dass wir zu langsam auf Entwicklungen reagieren, sagen andere, wir würden viel zu schnell herunterstufen und damit wie Brandbeschleuniger wirken", verteidigt er sich. Fakt sei, wenn sich die Lage von Staaten oder Firmen überraschend verändere, müssten die Agenturen handeln.

Rückendeckung für die Herabstufungen erhalten die Agenturen von Wirtschaftsprofessorin Christina Bannier von der Frankfurt School of Finance. "Es hilft niemandem, wenn die Ratingagenturen bescheinigen, dass die Situation in Griechenland nicht so schlimm ist, sich am Ende aber möglicherweise ein Staatsbankrott doch nicht vermeiden lässt", argumentiert sie.

Auch Portfoliostratege Gunnar Stangl von der Commerzbank ist sich sicher, dass die Agenturen genau wissen, was sie mit den Aktionen bewirken: "Sie handeln nach vorgegebenen Kriterien, die seit Jahren gelten. Mit ihren Einstufungen reflektieren sie die wirklichen Zustände, sie denken sich das ja nicht einfach so aus."

Urteile wirken prozyklisch

Ratingagenturen sind Unternehmen, die Schuldpapiere bewerten. Sie wollen Investoren aufzeigen, wie hoch die Ausfallwahrscheinlichkeit von Staatsanleihen ist. Deshalb können sie nicht nur auf volkswirtschaftliche Fundamentaldaten achten. So begründete S&P die Herabstufung von Griechenland und Portugal unter anderem damit, dass die Aussicht auf schärfere Sparmaßnahmen die wirtschaftliche Erholung ausbremse. Die Ratingagentur geht davon aus, dass Athen im Schnitt nur 30 bis 50 Prozent der Verbindlichkeiten begleichen wird. Diesem Urteil kann man folgen, man muss es aber nicht. Allerdings wird in der Regierungskoalition bereits von einer möglichen Umschuldung gesprochen – und damit vom möglichen Verzicht auf Forderungen.

Die Krux mit den Ratingagenturen ist, dass ihr Urteil häufig Trends verstärkt. Herrscht beispielsweise unter Investoren Angst, kann daraus schnell Panik entstehen. Das zeigt sich nicht nur an der gegenwärtigen Schuldenkrise Griechenlands. Während der Finanzkrise haben die vielen plötzlichen Herabstufungen wie ein Brandbeschleuniger gewirkt.

Alternative dringend gesucht

Bewertungen machen durchaus Sinn – allerdings nur dann, wenn sie die Märkte frühzeitig warnen und wenn diese nachvollziehbar und transparent sind. So berechtigt manche Kritik an den Agenturen auch ist: Sie sind nicht für die Probleme Griechenlands verantwortlich. Schuld an der Misere ist Griechenland selbst. Jahrelang wurden falsche Defizitzahlen nach Brüssel gemeldet – und damit das Vertrauen der Märkte verspielt.

Allerdings ist die Macht der Agenturen durchaus ein Problem Standard & Poor's, Moody's  sowie Fitch haben de facto ein Monopol. Außerdem werden sie von den Instituten bezahlt, die sie bewerten. Dass ihnen darum immer wieder fehlende Unabhängigkeit oder Interessenkonflikte vorgeworfen werden, ist verständlich.

Deshalb macht es vielleicht durchaus Sinn, eine unabhängige, europäische Behörde ins Leben zu rufen, die Bonitäten bewertet. Bis es soweit ist, wird es wohl noch Jahre dauern. Bis dahin werden die Märkte dem Urteil der drei großen Agenturen folgen – weil es keine Alternative dazu gibt.

Quelle: n-tv.de, mit rts/dpa/AFP

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