Wirtschaft

Don Quichote am Zuckerhut Real-Stärke als Problem

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Brasiliens Wirtschaft kämpft mit starkem Real.

(Foto: picture alliance / dpa)

Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff warnt seit Monaten vor einem "Tsunami" billigen Geldes. Sie geißelt die Notenbank-Politik einiger Industriestaaten gar als "Währungskrieg". Für ihre harsche Kritik gibt es driftige Gründe.

Wirtschaftlich hat Brasilien einige gestandene Industrienationen bereits überholt. Beim Wechselkurs des Real will das südamerikanische Schwellenland allerdings auf die Bremse treten, um die heimische Exportwirtschaft zu stützen. Brasilien werde die Marke von zwei Real je Dollar "mit allen Mitteln" verteidigen, sagte ein Insider der Regierung. Eine Möglichkeit wäre der Kauf von US-Dollar durch die Notenbank, ergänzte ein anderer. Sollte dies ohne Wirkung bleiben, werde das Finanzministerium mittels Steuer-Erhöhungen auf Kapital-Zuflüsse eingreifen. Seit Anfang Juli pendelt der Kurs des Dollar zwischen 2,005 und 2,05 Real.

Sobald eine Währung aufwertet, verteuern sich die Produkte des betroffenen Staates im Ausland - was wiederum die Ausfuhr belastet. Brasilien gehört bei zahlreichen Agrar-Rohstoffen wie Kaffee, Sojabohnen oder Zitrus-Früchten zu den Top-Exporteuren der Welt.

"Hot Money"

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Präsidentin Rousseff warnt vor Monaten vor einem "Tsunami" billigen Geldes.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die neue Flut billigen Notenbank-Geldes aus Europa, Asien und den USA wird Brasilien wohl dennoch überrollen. Denn das aufstrebende Schwellenland bietet Investoren besser verzinste Geldanlagen. Der Zufluss dieses "Hot Money" genannten Kapitals treibt den Wechselkurs des Real in die Höhe und wird dadurch für die heimische Export-Wirtschaft zum Problem. Die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff warnte bereits vor Monaten vor einem "Tsunami" billigen Geldes und geißelte die Notenbank-Politik einiger Industriestaaten als "Währungskrieg".

Experten zeigen sich jedoch skeptisch, ob die Politik Erfolge erringen wird. "Die brasilianische Regierung wird nicht so leicht aufgeben, aber sie kämpft einen aussichtslosen Kampf", sagte Anlage-Strategin Kathryn Rooney Vera von BullTick Capital Markets. Da die jüngste Lockerung der US-Geldpolitik (QE3) sehr aggressiv ausfalle, bleibe die Nachfrage nach brasilianischen Investments sicher hoch.

Die US-Notenbank will so lange Immobilienpapiere im Volumen von monatlich 40 Milliarden Dollar aufkaufen, bis sich die Lage am US-Arbeitsmarkt aufhellt. Die ersten beiden Runden des sogenannten Quantitative Easing (QE) hatte die Fed zeitlich begrenzt.

Die ersten Auswirkungen von QE3 sind schon spürbar: Den Daten der brasilianischen Notenbank zufolge flossen zwischen dem 10. und dem 14. September netto 1,03 Mrd. Dollar ins Land, nach einem Abfluss von 575 Mio. Dollar in der Vorwoche.

Brasilien im Dilemma

Das einstige Boom-Land Brasilien hat zuletzt aber einiges von seinem Glanz eingebüßt. Der nachlassende Rohstoff-Hunger des wichtigsten Handelspartners China macht der Export-Industrie zu schaffen. In diesem Jahr wird die Wirtschaft voraussichtlich weniger als zwei Prozent wachsen.

Um die heimische Konjunktur anzukurbeln, könnte die Notenbank Analysten zufolge einen Anstieg der Inflation auf bis zu sechs Prozent von derzeit 5,2 Prozent zulassen. Diese Rate liegt immer noch innerhalb ihrer Zielspanne, die bis 6,5 Prozent reicht.

Doch das würde bei den Investoren Zweifel am Willen der Notenbank zur Begrenzung der Inflation schüren. Die Banco Central do Brasil könnte dann gezwungen sein, zwischen einer Zinserhöhung und einer Aufwertung des Real wählen zu müssen. "Viele unserer Klienten gehen davon aus, dass die Regierung die Währung aufwerten lassen muss, um Zinserhöhungen hinauszuzögern", schreiben die Analysten Claudio Irigoyen und Marcos Buscaglia von Bank of America/Merrill Lynch in einer Studie. Ein höherer Wechselkurs macht Importe billiger und hilft dabei, die Teuerung im eigenen Land zu bremsen. "Inflation ist die Achilles-Ferse Brasiliens", fügen die Experten hinzu.

Auch aus Sicht des Citibank-Strategen Sidney Yoshihiro befindet sich Brasilien in einer aussichtslosen Lage. "Im Kampf zwischen der brasilianischen Notenbank und der Welt sollte man auf die Welt setzen. Die Notenbank wird zunächst die Zwei-Real-Linie verteidigen, dann die 1,98/1,97-Real-Marke und so weiter."

Quelle: ntv.de, Hakan Ersen, rts