Wirtschaft

Moskaus neue TankstelleRussland kauft sein Rohöl aus Indien zurück - als raffiniertes Benzin

22.07.2026, 14:47 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Von der Benzinkrise sind inzwischen etwa 90 Prozent der russischen Regionen betroffen. (Foto: IMAGO/ITAR-TASS)

In Russland werden Benzin und Diesel knapp. Der drittgrößte Ölproduzent der Welt muss zu ungewöhnlichen Maßnahmen greifen: Die russische Regierung kauft Benzin aus seinem eigenen Rohöl teuer aus Indien zurück.

Benzin und Diesel behält Russland gerade lieber für sich selbst. Weil die Ukraine die russischen Raffinerien angreift, wird der Treibstoff im Land knapp. Das gibt inzwischen auch Präsident Wladimir Putin offen zu. Vizeregierungschef Alexander Nowak hat auf einer Sitzung Anfang Juli angekündigt, nach Benzin auch keinen Diesel mehr exportieren zu wollen. So könne die Versorgung des heimischen Marktes verbessert werden. "Außerdem werden wir im Juli mit dem Import von Erdölprodukten beginnen", kündigt Nowak an.

Im eigenen Land ist nicht mehr viel zu holen. Oberst Markus Reisner spricht im ntv.de-Interview von einem "Schaden von über 43 Prozent an der russischen Erdölindustrie". Die heimische Benzinproduktion kann nur 65 Prozent der Nachfrage decken. Deshalb hat Russland damit angefangen, den Kraftstoff woanders einzukaufen. Pro Monat sollen 400.000 Tonnen Benzin aus verschiedenen Ländern herangeschafft werden. 60.000 Tonnen davon in Indien.

Führende russische Energiekonzerne wie Rosneft, Gazprom Neft und Lukoil haben bei indischen Raffinerien angeklopft und dort nach Benzin gefragt, berichtet die Nachrichtenagentur Reuters. Mindestens eine Ladung indisches Benzin sei demnach aktuell per Schiff auf dem Weg nach Russland. Ein Tanker unter kamerunischer Flagge sei Mitte Juni an einem Hafen im Nordwesten Indiens mit 42.000 Tonnen Benzin beladen worden. Etwa 15 Tage später habe es vor Ägypten eine Schiff-zu-Schiff-Umladung auf einen anderen Tanker gegeben. Um den 26. Juli herum soll der Tanker mit dem indischen Benzin Russland erreichen, laut Marine Traffic einen Hafen ganz im Norden auf der Halbinsel Kola. Das Schiff fährt demnach unter omanischer Flagge.

Auch ein zweiter Tanker mit indischem Treibstoff ist laut Reuters schon unterwegs, offenbar auf derselben Route. An Bord sind schätzungsweise 30.000 bis 40.000 Tonnen Benzin. Beide Tanker gehören Russlands Schattenflotte an, berichtet das ukrainische Portal Ekonomiczna Prawda. Laut dem Bericht gehört das erste Schiff einem indischen Unternehmen, das im Auftrag von Rosneft Öl transportiert. Das zweite Schiff gehört Unternehmen, die mit der staatlichen Reederei Sowcomflot verbunden sind.

Indien ist ein guter Kunde Russlands

Das Benzin stammt laut dem Bericht aus der indischen Raffinerie Nayara Energy. Wirklich indisch ist sie aber längst nicht mehr: Das Unternehmen dahinter gehört zu 98 Prozent einem russischen Konsortium unter Führung des Staatskonzerns Rosneft - und bezieht russisches Öl. Die indischen Behörden sagen zwar, indische Unternehmen liefern keinen Treibstoff an Russland, Moskau könne aber indisches Benzin von Händlern kaufen.

Das Kuriose ist: Zwischen Indien und Russland gibt es bereits einen regen Handel mit Rohöl. Indien ist gern gesehener Kunde der Russischen Föderation. Dort kauft es über die Hälfte seines Rohöls ein: im Juni eine Rekordmenge von 2,7 Millionen Barrel Rohöl pro Tag, im Mai waren es laut Reuters noch 2,13 Millionen Barrel.

Dies liegt daran, dass Indien Lieferengpässe aus dem Nahen Osten ausgleichen muss. Bisher waren der Irak, Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate wichtige Zulieferer. Einen anderen Grund sieht Bloomberg in den ukrainischen Angriffen auf die russische Energie-Infrastruktur: Russland kann sein Öl nicht verarbeiten und muss es exportieren. Immerhin ist die Russische Föderation der drittgrößte Ölproduzent der Welt. Die Benzinproduktion ist heruntergefahren. Moskau leitet das ungenutzte Öl um, das hat im Juni zu Rekordexporten geführt.

Somit kauft Russland sein eigenes Rohöl aus Indien zurück - als raffiniertes Benzin; dafür zahle es einen Aufpreis, schreibt das ukrainische Portal Euromaidan. Demnach bekommen Importeure seit Juni per Gesetz eine Subvention, die an den Benzinpreis auf dem indischen Markt gekoppelt ist.

"Super" aus Kasachstan

Um die leeren Tanks der Russinnen und Russen wieder zu füllen, importiert Moskau zum ersten Mal auch Benzin vom Nachbar Kasachstan. Diesen Monat sind rund 1000 Tonnen in eine Region in Zentralrussland geliefert worden, berichtet Reuters. Insgesamt 50.000 Tonnen Kraftstoff will die ehemalige Sowjetrepublik im Juli und August an Russland liefern. Es geht um die Benzinsorte AI-95, diese entspricht dem europäischen Superbenzin.

Das kasachische Benzin ist begehrt: Viele Russen sind auf der Suche nach einer Tankfüllung über die Grenze gefahren. Auch der Kraftstoffschmuggel mithilfe von Zusatztanks und Kanistern aus dem Nachbarland hatte zugenommen. Kasachstan hat deshalb Polizeiposten eingerichtet, die kontrollieren, ob illegal Treibstoff nach Russland geschafft wird, und die Grenze faktisch dichtgemacht.

Kasachstan hat aktuell mehr Benzin, als es selbst verbrauchen kann, obwohl eine der vier Raffinerien im Land von Ende Juni bis Mitte Juli wegen planmäßiger Wartungsarbeiten ausgeschaltet war.

Moskauer tanken belarussisches Benzin

Auch von einem anderen Nachbarland lässt sich Russland aushelfen: Von seinem Verbündeten Belarus hat Moskau im Juni so viel Benzin und Diesel bekommen wie noch nie. Täglich werden bis zu 6000 Tonnen Benzin geliefert. Nicht zum ersten Mal braucht Russland belarussischen Treibstoff: seit Beginn des Ukraine-Kriegs hatte es mehrmals mehr Kraftstoff eingekauft, um nach ukrainischen Drohnengriffen Engpässe zu überbrücken.

Mit dem belarussischen Treibstoff versucht der Kreml vor allem die Region Moskau vor Engpässen zu schützen. Auch Kraftstoff aus Sibirien und dem Ural ist in Richtung russische Hauptstadt umgeleitet worden, berichtet Reuters. Insgesamt mehrere hunderttausend Tonnen. In und um Moskau hat sich die Lage anscheinend inzwischen wieder stabilisiert - Diesel und Benzin sind keine Mangelware mehr.

Ob die Treibstoffimporte aber ganz Russland helfen können, mit dem Benzinmangel zurechtzukommen, ist zweifelhaft: Der 400.000-Tonnen-Import aus Indien, Belarus und Kasachstan deckt gerade mal ein Drittel des monatlichen Bedarfs in Russland. Treffend drückt es Benjamin Triebe von der "Neuen Zürcher Zeitung" aus: "Solange die Ukrainer schneller russische Raffinerie-Kapazitäten zerstören, als die Russen sie reparieren können, geht dieses Problem nicht aus der Welt."

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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