Wirtschaft

Angst vor Pandemie drückt Börsen So schadet das Coronavirus der Wirtschaft

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Paramilitärische Polizei steht an einem Eingang des geschlossenen Bahnhofs Hankou in Wuhan.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das neuartige Virus in China verunsichert Investoren. Erinnerungen an Sars Anfang des Jahrtausends werden wach. Die Seuche sorgte damals in der Luftfahrt-, Konsum- und Tourismusbranche für Milliardeneinbußen. Welchen Schaden wird die Wirtschaft diesmal erleiden?

Der neuen tödlichen Lungenkrankheit in China sind weitere Menschen zum Opfer gefallen. Die Regierung in Peking hat die besonders schwer betroffene Millionenmetropole Wuhan praktisch abgeriegelt. Wer kann, kauft sich einen Mundschutz - in vielen Städten sind sie bereits ausverkauft. Finanzmarktteilnehmer sind angesichts der Schlagzeilen nervös. Erinnerungen an die tödliche Seuche Sars, die 2002 und 2003 grassierte, werden wach. Es wächst die Sorge vor ähnlichen Folgen für die Konjunktur. Dass das Coronavirus Bremsspuren in der Weltwirtschaft hinterlassen dürfte, darin sind sich Experten einig. Die Frage ist, in welcher Größenordnung. Entscheidend dürfte sein, wie schnell China diesmal die Gefahr einer Ausbreitung bannt. Vor 17 Jahren stand das Krisenmanagement Pekings deswegen massiv in der Kritik.

Hier ein Überblick über den aktuellen Stand und Folgen der Corona-Krise sowie Parallelen zu Sars:

Handelt es sich bereits um eine internationale Krise wie bei Sars?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat bei einem Krisentreffen am Mittwoch noch keine internationale Notlage ausgerufen, aber sie ist in Alarmbereitschaft. Der sogenannte internationale Gesundheitsnotstand wurde in Folge der Sars-Epidemie Anfang des Jahrtausends entwickelt. Bislang wurde er fünf Mal ausgerufen - 2009 wegen Schweinegrippe, 2014 wegen Polio und Ebola, 2016 wegen des Zika-Virus und im vergangenen Jahr erneut wegen der Ebola-Epidemie in Afrika.

Was kosten Pandemien die Weltwirtschaft?

Die Ökonomen Victoria Fan, Dean Jamison und Lawrence Summers haben 2017 untersucht, wie hoch der erwartete jährliche Verlust durch das Risiko einer Pandemie - einer länder- wie kontinentübergreifenden Ausbreitung einer Krankheit - weltweit sein dürfte. Sie kommen auf etwa 500 Milliarden Dollar. Das hört sich nach viel an, entspricht aber weniger als einem Prozent der globalen Einkünfte.

Eine Untersuchung der Commission on a Global Health Risk Framework for the Future schätzt, dass pandemische Krankheitsfälle die Weltwirtschaft im 21. Jahrhundert insgesamt über sechs Billionen Dollar kosten werden - das wären durchschnittlich 60 Milliarden Dollar pro Jahr.

Laut dem Handelsexperten Rolf Langhammer vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) kostete die Sars-Pandemie weltweit etwa ein Prozent Wachstum. Der Ökonom führt das vor allem auf die damals noch sehr starke chinesische Wirtschaft zurück, die noch Wachstumszahlen von zehn Prozent vorzuweisen hatte. Weil die Konjunktur in China mittlerweile angeschlagen sei, könne das Coronavirus deutlichere Bremsspuren hinterlassen, warnt Langhammer. Das neue Virus sei nicht das einzige Risiko für die Weltwirtschaft. Auch der Handelskonflikt mit den USA und die Schweinegrippe würden Wachstum kosten.

Der Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Volker Treier, hebt ebenfalls das ungünstige Timing hervor. "Chinas Wirtschaft erholt sich gerade von dem unruhigen Jahr 2019", sagt der Ökonom. Die Wirtschaft wuchs im vergangenen Jahr wegen der Handelskonflikte so langsam wie seit fast drei Jahrzehnten nicht mehr.

Wie reagieren die Börsen?

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Aus Angst vor einer Pandemie gehen Anleger in Deckung, es herrscht aber keine Panik. Der Dax hat sich am Donnerstag etwas weiter von seinem Mitte der Woche erreichten Rekordhoch entfernt. (Hier im Börsen-Tag finden Sie die Marktentwicklungen). "Die Furcht vor einer flächendeckenden Ausbreitung des Virus stiehlt den Anlegern derzeit die Freude über die jüngste Rekordmarke auf dem Frankfurter Börsenparkett", sagte Marktanalyst Timo Emden. Der Portfoliomanager bei der Vermögensverwaltung QC Partners, Thomas Altmann, sieht in der Zurückhaltung der Investoren eher Gewinnmitnahmen, weil "die Börsen zu schnell zu stark gestiegen" seien. "In einem solchen Umfeld reicht ein neuer Risikofaktor wie das Coronavirus, um eine erste Verkaufswelle auszulösen." Grundsätzlich ist die Sorge über den Ausbruch des Virus bei Anlegern in Asien derzeit größer.

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Nimmt man Sars als Gradmesser für Corona und die Börse, gilt Entwarnung. Langhaltende Kurseinbußen sind nicht zu befürchten. Nachdem die chinesischen Behörden den Ausbruch von Sars im Jahr 2003 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gemeldet hatten, entwickelte sich der Aktienindex MSCI für China zwar zunächst schlechter als in anderen Ländern, machte den Rückstand aber in nur sechs Monaten wieder wett. Das heißt, auch beim Coronavirus ist nicht automatisch mit längerfristigen Auswirkungen zu rechnen.

Welche Branchen sind betroffen?

Einzelne Branchen und Unternehmen spüren die Folgen trotzdem stärker als andere. Bei Pandemien geraten tendenziell immer wieder Fluggesellschaften unter Druck. Luxus- und Konsumgüterhersteller haben ebenfalls das Nachsehen. Während des Sars-Ausbruchs gingen auch die Umsätze im chinesischen Einzelhandel deutlich zurück, den Verbrauchern verging schlicht die Lust am Shoppen. Im Moment verhält es sich ähnlich. Auch aktuell stehen auf der Verkaufsliste Papiere von Luftfahrt- und Reiseunternehmen wie Easyjet oder Intercontinental Hotels. Aktien von Luxusgüter-Herstellern wie Kering, LVMH oder Hermes, die stark vom China-Geschäft abhängig sind, geben ebenfalls nach.

China Life Insurance
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Anfang der Woche gerieten in Asien auch die Aktien von Versicherern unter Druck. Der Kurs von China Life Insurance stürzte annähernd sechs Prozent ab. Aufgrund der Pandemieängste könnte laut dem Handelshaus Axicorp die Nachfrage nach Reiseangeboten deutlich abnehmen.

Bei Sars habe die Luftfahrt und der Tourismus "zwei Jahre in Folge" gelitten, zitiert die Deutsche Welle den Luftverkehrsexperten von Deutsche Bank Research, Eric Heymann. Der Luftverkehr sei zu der Zeit nur wenig gewachsen, "und im Tourismus hat man sogar einen Rückgang der Touristenzahlen gesehen". Der internationale Luftverkehrsverband IATA beziffert den wirtschaftlichen Schaden durch Sars im Jahr 2003 mit zehn Milliarden Dollar für die eigene Branche. Die Aktienkurse haben sich damals allerdings auch schnell wieder erholt.

Was bedeutet das Virus für Flughäfen und Airlines?

Hunderte von Millionen Chinesen stehen kurz vor Reiseantritt, denn es beginnen die Feiertage zum chinesischen Neujahrsfest. Peking hat zwar große Neujahrsfeiern abgesagt, aber Reisebeschränkungen gibt es nicht. Insofern sind Flughafenbetreiber und Airlines - nicht nur China - in Habachtstellung.

Bei der Fluggesellschaft Cathay Pacific dürfen Flugbegleiter zum Schutz vor einer Infektion Gesichtsmasken tragen. Am Londoner Flughafen Heathrow gibt es separate Bereiche für Passagiere, die aus Regionen kommen, die von dem Virus betroffen sind. Die deutschen Flughäfen sehen sich für den Umgang mit Verdachtsfällen des Coronavirus ebenfalls gut gerüstet. Man habe detaillierte Notfallpläne mit klaren Abläufen und stehe in engem Kontakt mit den Behörden, erklärte der Branchenverband ADV.

"Die Flughäfen und Länder reagieren nun schneller als in der Vergangenheit", zitiert die Deutsche Welle den Luftfahrtexperten Heinrich Großbongardt. Andererseits aber sei der Verkehr von und nach China stark gewachsen, von daher sei das Risiko einer Verbreitung in dieser Hinsicht größer.

Wie reagieren Rohstoff- und Devisenmarkt?

Auch bei Rohstoff-Anlegern macht sich derzeit Angst vor wirtschaftlichen Folgeschäden breit. Die Preise für Rohöl und Industriemetalle wie Kupfer und Nickel fielen am Donnerstag auf die tiefsten Stände seit teilweise knapp zwei Monaten. Auch die Terminkontrakte auf chinesisches Eisenerz verbilligten sich deutlich. "Die Investoren konzentrieren sich auf das Coronavirus in China und darauf, wie es die Rohstoffnachfrage beeinflussen könnte", kommentierten die Analysten des Bankhauses ANZ. Nicht umsonst heißt es: Hustet Chinas Konjunktur, bekommt die Welt einen Schnupfen. "Falls das Virus nicht eingedämmt werden kann, muss sich der Markt über die daraus entstehenden Abwärtsrisiken für die chinesische Wirtschaft sorgen", heißt es in einer Analyse der Commerzbank.

Steigende Lagerbestände, die Spekulationen auf eine geringere Nachfrage feuern den Preisverfall zusätzlich an. Am Ölmarkt waren die Bestände in der vergangenen Woche nach Daten des privaten Anbieters API um 1,6 Millionen Barrel gestiegen, erwartet worden war ein Rückgang. Die Nordseesorte Brent verbilligte sich zuletzt um bis zu 1,8 Prozent auf 62,08 Dollar je Fass und sank damit auf den tiefsten Stand seit Anfang Dezember. US-Leichtöl der Sorte WTI fiel gleichzeitig um 2,1 Prozent auf 55,57 Dollar.

Angesichts der beunruhigenden Schlagzeilen trennen sich Anleger auch von der chinesischen Landeswährung Yuan. Der Dollar steigt im Gegenzug um 0,3 Prozent auf 6,9351 Yuan. Hoch im Kurs steht bei Investoren dafür der japanische Yen. Er gilt traditionell als sicherer Anlagehafen.

Quelle: ntv.de, mit Reuters