Wirtschaft

Euro-Retter spielen mit dem Feuer So soll der EFSF helfen

Mit heißer Nadel stricken die Euro-Retter an einem möglichst großen Auffangnetz für Europas hoch verschuldete Länder. Die Euro-Staatenlenker wollen dafür auch möglichst viele Investoren mit ins Boot holen und so an ihre Milliardengarantien den Hebel ansetzen. Doch Hebel ist nicht gleich Hebel.

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(Foto: REUTERS)

Ohne massive staatliche Garantien stünden mehrere hoch verschuldete europäische Staaten vor dem finanziellen Kollaps. Das hätte dramatische Folgen in unabsehbarem Ausmaß für alle Nachbarstaaten, das Finanzsystem und die europäische Gemeinschaftswährung. Weil aber die Fähigkeit und auch die Bereitschaft der Politik schwindet, in immer kürzerer Zeit immer noch größere Rettungsschirme mit eigenen Mitteln zu spannen, gehen nun die Finanzmagier ans Werk. Auf unterschiedlichen Wegen wollen sie mehr aus dem vorhandenen Geld machen, also die Feuerkraft des EFSF vergrößern.

Ein so genannter Hebel soll her, um mit den eigenen 440 Milliarden Euro in die Billionen-Euro-Liga vorzustoßen. Eine Billion Euro – das ist nicht nur eine Zahl mit sagenhaften zwölf Nullen, sondern auch die Summe, mit der am Ende im Zweifel in voller Höhe gehaftet wird, ohne Wenn und Aber. Nicht von Deutschland und den übrigen Euro-Staaten, wohl aber von all jenen, die sich am Rettungsspiel beteiligen. Ob Banken, Pensionskassen oder Staatsfonds, jeder Investor wird seine Beteiligung am Rettungsschirm nicht in demütiger Staatsräson blind riskieren. Vielmehr wird er für die Gefahr, sein Geld nicht wiederzusehen, einen für ihn angemessenen Preis verlangen. Der fällt umso größer aus, je weniger sich die Euro-Staaten an einem Zahlungsausfall beteiligen.

Wie genau der Rettungsschirm eingesetzt werden soll, darüber wurde und wird in Europa intensiv gestritten. Ein Weg, bei dem wie von Frankreich gefordert die Europäische Zentralbank direkt mit einbezogen worden wäre, ist mittlerweile vom Tisch. Auf der Agenda stehen derzeit zwei Hebel-Modelle, die im Zweifel auch kombiniert eingesetzt werden sollen.

Versicherungsmodell

Grundgedanke ist, dass der Rettungsfonds EFSF privaten Investoren wie Banken eine Teilausfallgarantie gibt, wenn sie bei der Ausgabe neuer Staatsanleihen von Schuldenländern zugreifen. Damit sinkt das Risiko der Investoren bei einer Staatspleite, im Gegenzug fallen die Zinsen, die das Land den privaten Investoren zahlen muss.           

Technisch würde die Garantie über ein gemeinsam mit der Anleihe von dem Euro-Staat ausgegebenes Teil-Schutz-Zertifikat gegeben. Das Zertifikat würde zwar im Paket mit der Anleihe verkauft, wäre am Markt aber als Wertpapier frei handelbar.            

Zur Absicherung des Zertifikats würde der EFSF dem Land einen Kredit geben, von dem das Land wiederum EFSF-Anleihen kauft. Diese Anleihen würden dann als Sicherheit für das Zertifikat auf einen Treuhänder übertragen. Geht das Land pleite, kann der Investor das Zertifikat dort einlösen.

Risiko: Kann ein gestütztes Land sein Geld trotz der Unterstützung durch den EFSF nicht mehr vollständig zurückzahlen, würde zuerst die Garantie der Euro-Staaten zum Ausgleich der Verluste fällig. Nur für alle darüber hinausgehenden Verluste müssten die privaten Investoren selbst geradestehen. Weil die Euro-Staaten damit immer als erste in der vollen Haftung stehen, steigt ihr Risiko, dass ihr Geld aufgezehrt wird.

Zweckgesellschaftsmodell

Ziel ist es, zusätzliches privates Kapital von innerhalb und außerhalb der Euro-Zone zu mobilisieren, um die direkten Hilfs-Ressourcen des EFSF zu vergrößern. Dazu werden Zweckgesellschaften ("Special Purpose Investment Vehicel", SPIV) gegründet, die Anleihen eines schwachen Euro-Landes kaufen können, und zwar sowohl direkt bei den Staaten bei der Auflage neuer Anleihen (am so genannten Primärmarkt) oder an den Börsen (dem so genannten Sekundärmarkt).

Das Geld für diese Käufe sammelt jede Zweckgesellschaft bei Investoren ein. Dabei können sie zwischen mehreren Risikoklassen wählen. Investoren mit großer Risikobereitschaft würden dann schneller und stärker als andere bei einem Ausfall zur Kasse gebeten, dafür kassieren sie aber auch höhere Zinsen.

Risikoscheuere Anleger verlangen weniger Zinsen, ihr Geld ist dafür jedoch auch erst bei einem sehr großen Schuldenschnitt beziehungsweise einer Staatspleite gefährdet. Der Rettungsfonds kommt bei dieser Lösung ins Spiel, um mögliche Erstverluste bis zu einem bestimmten Prozentsatz abzusichern. Diese Klasse geringen Risikos könnte für langfristig orientierte Käufer von Staatsanleihen wie Versicherungen besonders interessant sein.

In der Bankenkrise 2008 gelangten solche Zweckgesellschaften zu trauriger Berühmtheit: Als Collateralized Debt Obligations, kurz CDO, waren es genau solche Konstruktionen über Zweckgesellschaften mit unterschiedlichen Risikogruppen, die mit Beteiligungen am US-Immobilienmarkt bei den Banken für Angst und Schrecken sorgten.

Auch für Staatsfonds und andere institutionelle Investoren außerhalb der Euro-Zone könnte das SPIV-Modell attraktiv sein, ebenso für Risiko-Kapital-Fonds, die bereit wären, im Gegenzug für höhere Renditechancen größere Risiken auf sich zu nehmen.

Risiko: Investoren suchen nicht immer nur Renditechancen, sondern insbesondere im Falle von Staatsfonds auch nach politischem Einfluss. So könnte etwa ein Land wie China als Kapitalgeber den Spieß umdrehen und im Gegenzug für seine Investitionen Zugeständnisse etwa in der Handelspolitik einfordern. Um im Bild zu bleiben, säßen Investoren hier möglicherweise am längeren Hebel.

Ob Versicherung oder Zweckgesellschaft, entscheidend für die Risiken und Nebenwirkungen eines jeden Hebels sind am Ende die knochentrockenen Details. Die werden jedoch erst nach dem EU-Gipfel ausgearbeitet. Erst, wenn alle Fakten auf dem Tisch liegen, steht fest, wie groß der tatsächliche Hebel ausfällt und wer sich am Ende an der Feuerkraft des Rettungsschirms verbrennen kann.

Quelle: n-tv.de, mit rts

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