Wirtschaft
Oliver Schmidt, Kronzeuge in der Diesel-Affäre bei VW, sieht sich als Bauernopfer.
Oliver Schmidt, Kronzeuge in der Diesel-Affäre bei VW, sieht sich als Bauernopfer.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 06. Dezember 2017

"Fühle mich missbraucht": Wann wusste VW vom Abgas-Betrug?

Von Hannes Vogel

Oliver Schmidt vertuscht erst für VW den Diesel-Skandal - dann packt er als Kronzeuge aus. Ihm drohen sieben Jahre Haft. Sein Geständnis belastet Martin Winterkorn und VW schwer: Schmidt hat die Chefetage offenbar früher informiert, als sie zugibt.

Als Oliver Schmidt am 7. Januar auf dem Flughafen Miami ankommt, ist er eigentlich auf dem Rückweg vom Urlaub in der Sonne nach Deutschland. Doch statt am Schalter checkt Schmidt an diesem Tag im Gefängnis ein. FBI-Ermittler führen den 48 Jahre alten VW-Manager ab. "Von acht Justizbeamten auf der Toilette festgenommen und dann in Handschellen meiner Frau vorgeführt zu werden, war bis dahin eine der erniedrigensten Erfahrungen meines Lebens", schreibt Schmidt in einem Brief an seinen US-Richter, den die "Bild"-Zeitung veröffentlicht hat.

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Vier Tage nach seiner Verhaftung bekennt sich Volkswagen im Dieselskandal gegenüber der US-Justiz für schuldig und willigt in Strafzahlungen von 4,3 Milliarden Dollar ein. Schmidt und fünf weitere VW-Manager werden angeklagt. Schmidt packt aus und wird zum Kronzeugen der US-Justiz. Im Sommer legt er ein umfassendes Geständnis ab. Heute wird ein US-Gericht das Urteil gegen ihn sprechen. Dem VW-Manager drohen eine Geldstrafe und bis zu sieben Jahre Haft.

"Mein Fahndungsfoto ist weltweit zum Gesicht des Diesel-Skandals geworden", beklagt sich Schmidt im Brief an seinen US-Richter. Er sieht sich als Sündenbock für den jahrelangen Abgas-Betrug. Neben dem Ingenieur James Liang, der bereits im August zu mehr als drei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, ist Schmidt der einzige VW-Mitarbeiter, den die US-Ermittler bislang zu fassen bekommen haben. An die anderen Angeklagten kommt die US-Justiz nicht heran, weil sie sich mutmaßlich in Deutschland aufhalten.

Auch Ex-VW-Chef Martin Winterkorn, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Betrugsverdacht ermittelt, ist weiter auf freiem Fuß. Schmidts Geständnis könnte zusammen mit den Aussagen anderer Kronzeugen zum Verhängnis für ihn und VW werden. Denn es untergräbt ihre zentrale Verteidigungslinie: Dass sie von den illegalen Manipulationen vor Anfang September 2015 nichts wussten.

"Ich fühle mich im Dieselskandal missbraucht"

Schmidt entwickelte bei VW keine Motoren. Er hat auch nicht die Software programmiert, mit der der Konzern über Jahre die Abgaswerte seiner Dieselautos manipulierte. Der Manager war so etwas wie der Tatortreiniger des Konzerns: Als oberster Ansprechpartner belog er die US-Umweltbehörden, als sie anfingen, Fragen über die überhöhten Emissionswerte zu stellen.

Über Monate vertuschte Schmidt im Sommer 2015 die Motor-Manipulationen in Gesprächen mit Alberto Ayala, dem Vizechef der Umweltbehörde Carb - auf Anweisung von oben. "Ich hätte zu dem Treffen gehen und Dr. Ayala sagen sollen, dass es eine Abschalteinrichtung in den VW-Dieselmotoren gibt und VW seit fast einem Jahrzehnt betrügt." Stattdessen "bin ich angewiesen worden, einem Skript und Gesprächsleitfaden zu folgen", der "von Vorgesetzten in der Geschäftsleitung inklusive einem hochrangigen Anwalt abgesegnet wurde", schreibt Schmidt.

"Oliver tut mir leid", sagte sein Gegenspieler Ayala bei der Umweltbehörde Carb der "Zeit". "Ich nehme es Oliver und seinen Kollegen nicht unbedingt als Menschen übel. Meine Abscheu und mein Ärger richten sich gegen den Konzern." Auch Schmidt sieht sich als Opfer, wie er im Brief an seinen US-Richter schreibt. Er fühle sich von seiner eigenen Firma "missbraucht".

"VW hat in den USA beschissen"

Die nennt den Abgas-Betrug bis heute nur "Diesel-Thematik". Und behauptet, der Vorstand und VW-Chef Winterkorn hätten erst Anfang September 2015 Kenntnis von der Manipulationssoftware erlangt. In Schmidts Geständnis, das n-tv.de vorliegt, steht das Gegenteil: "An oder um den 27. Juli 2015 berichteten andere VW-Angestellte dem VW-Management über die Abschalteinrichtung und Schmidt berichtete dem VW-Management über die potenziell ernsthaften finanziellen Konsequenzen für VW, falls die Abschalteinrichtung von der US-Aufsicht entdeckt werden sollte". VW will sich auf Anfrage von n-tv.de nicht dazu äußern.

Auch Bernd Gottweis, einer der engsten Winterkorn-Vertrauten, den die US-Justiz ebenfalls angeklagt hat, soll Schmidts Version gegenüber deutschen Ermittlern bestätigt haben. Gottweis habe Winterkorn bereits am  27. Juli 2015 in einem Telefonat mitgeteilt, dass VW in den USA "beschissen" habe, berichtete die "Süddeutsche Zeitung". Trotzdem sei bei VW nichts geschehen, soll Gottweis laut dem Blatt den Behörden berichtet haben. Winterkorn bestreitet die Vorwürfe.

Vom Mustermanager zum Bauernopfer

Vielleicht wäre VW das brisante Geständnis von Oliver Schmidt erspart geblieben, hätte sich der Autobauer mehr um seinen Schützling bemüht. Denn die Geschichte von Oliver Schmidt und VW war über Jahre eigentlich die Geschichte eines "Bilderbuch-Ingenieurs", schreibt die "Zeit". Schmidt machte schnell Karriere im Konzern, lebte in Michigan den Traum des deutschen Automanagers. Die USA wurden seine zweite Heimat.

Selbst nach dem Auffliegen des Abgas-Betrugs im Sommer 2015 bleibt Schmidt noch lange treuer VW-Mitarbeiter. Anfang 2016 verteidigt er den Konzern sogar bei einer Anhörung zum Diesel-Skandal vor dem britischen Parlament. Doch dann wird ihm die Liebe zu den USA zum Verhängnis. Und sein Vertrauen in Volkswagen. Wie schon viele Jahre zuvor reist Schmidt über den Jahreswechsel in die USA. Anfang Januar schlägt die US-Justiz dann zu.

Für VW könnte Schmidts Verhaftung kaum zu einem ungünstigeren Zeitpunkt kommen: Die Verhandlungen mit dem US-Justizministerium über eine Strafe im Dieselskandal befinden sich auf der Zielgeraden. Mit ihr könnte der Konzern vorerst einen juristischen Schlussstrich unter die Affäre ziehen, wenn auch einen teuren. Doch dabei müsste VW seine Schuld bekennen - und Vorgänge als illegal eingestehen, an denen Schmidt mitgewirkt hat. Für den Manager, der da bereits in Haft sitzt, hieße das nichts Gutes. VW entscheidet sich am Ende für den Deal mit der US-Justiz und gegen Schmidt. Der Konzern opfert seinen ergebenen Diener. Auch dazu will VW auf Anfrage von n-tv.de keine Stellungnahme abgeben.

Quelle: n-tv.de

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