Wirtschaft

"Historische Verschiebung"Zu wertvollsten Börsenkonzernen zählt nur noch ein deutscher

03.07.2026, 10:16 Uhr
00:00 / 06:42
Bildschirme-zeigen-Finanzwerte-auf-dem-Parkett-der-New-Yorker-Boerse-an
Acht der zehn wertvollsten börsennotierten Unternehmen der Welt kommen aus den USA. (Foto: picture alliance/dpa/AP)

Die USA geben im Ranking der wertvollsten Unternehmen den Ton an. Besonders Techkonzerne wie Nvidia und die Google-Mutter Alphabet führen die Liste an. Der KI-Siegeszug beschert ihnen massive Kursgewinne.

Die USA dominieren mit dem KI-Boom die Riege der wertvollsten Börsenkonzerne der Welt - und Deutschland fällt zurück. Nur Siemens schafft es nach einer Studie der Beratungsgesellschaft EY in die Liste der Top 100 der teuersten Börsenunternehmen. Der Münchner Dax-Konzern landet auf Platz 72. Zu Jahresbeginn waren auch SAP und Allianz im Ranking vertreten, sie fielen aber zum Endes des ersten Halbjahres auf Platz 114 und 115.

Die USA profitieren von ihren starken Techkonzernen und der Euphorie um künstliche Intelligenz. Acht der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt kommen aus Amerika. Die Marktkapitalisierung der weltgrößten Unternehmen aus dieser Branche sei seit Jahresbeginn um 30 Prozent auf 35,2 Billionen Dollar gestiegen, ergab die EY-Untersuchung. "Genauso stark legten Industrieunternehmen zu, von denen viele als KI-Infrastruktur-Titel gelten, da sie am Bau von Rechenzentren beteiligt sind", erklärten die Experten von EY.

Insgesamt habe der Börsenwert der weltweit 100 größten Konzerne um 18 Prozent auf 61,9 Billionen Dollar zugelegt. Hinter der Tech-Branche folgt die Rohstoffbranche mit einem Plus von 27 Prozent. Konsumgüterhersteller und Finanzunternehmen legten den Angaben nach hingegen nur um ein Prozent zu, Kommunikations- und Medienunternehmen büßten sogar an Wert ein (minus acht Prozent).

Neuling SpaceX auf Platz sechs

Angeführt wird das Ranking vom Chiphersteller Nvidia, dessen Börsenwert zum Stichtag 30.6. bei rund 4,8 Billionen Dollar lag. Es folgen die Google-Mutter Alphabet (4,3 Billionen), Apple (4,2 Billionen) und Microsoft (2,8 Billionen). Börsenneuling SpaceX schaffte es mit einem Börsenwert von 2,25 Billionen Dollar auf Rang sechs. Der taiwanische Chip-Auftragsfertiger TSMC (1,196 Billionen Dollar) folgte direkt dahinter als erster nicht amerikanischer Wert.

Jenseits des Technologiesektors schaffte es lediglich der Ölkonzern Saudi Aramco (1,681 Billionen Dollar) unter die Top Ten. Der erste europäische Wert findet sich mit ASML auf Rang 20. Der niederländische Chip-Zulieferer verbesserte sich mit einem Börsenwert von 756,8 Milliarden Dollar um drei Plätze. Insgesamt kommen nur 16 der Unternehmen aus Europa.

Deutlich abwärts ging es für SAP (178,8 Milliarden Dollar). Der Walldorfer Softwarekonzern, vor Jahresfrist noch die europäische Nummer eins, rutschte im Gesamtklassement auf Platz 114 ab. Siemens hatte einen Börsenwert von 247,5 Milliarden Dollar. Unter den Top 100 kommen allein 56 Unternehmen aus den USA. Es folgen China mit zwölf sowie Großbritannien und Japan (je fünf).

"Wir erleben derzeit eine historische Verschiebung der Kräfteverhältnisse an den Weltbörsen", sagt Henrik Ahlers, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY Deutschland. "Unternehmen, denen Anleger eine führende Rolle in der KI-Wertschöpfungskette zutrauen, werden mit enormen Bewertungsaufschlägen belohnt." Das gelte für Chipkonzerne, Plattformanbieter sowie Anbieter von Clouds und Rechenzentren.

"Die Zeit drängt" für Europa

Auch wenn es Warnungen vor einer KI-Blase gebe: "Europa muss aufpassen, bei einer Schlüsseltechnologie nicht erneut strukturell ins Hintertreffen zu geraden." Zentrale Bremsfaktoren seien die zersplitterten Kapitalmärkte in Europa und eine schwächere Risikokapitalkultur. "Die größten Player sitzen weiterhin vor allem in den USA und zunehmend auch in Asien. Europa hingegen spielt bei der Entwicklung bislang nur eine Nebenrolle - und der Abstand droht weiter zu wachsen."

Die KI-getriebenen Umbrüche an den Weltbörsen könnten sich in den kommenden Monaten fortsetzen, erklärte Ahlers weiter. Weitere große Börsengänge von KI-Unternehmen könnten das Gewicht der USA zusätzlich erhöhen und die regionale Konzentration an den Kapitalmärkten weiter verstärken. "Für Europa bedeutet das: Die Zeit drängt. Es reicht nicht, gute Forschung und starke industrielle Anwender zu haben", mahnte der EY-Deutschlandchef. Entscheidend sei, ob aus technologischer Kompetenz auch "skalierbare Geschäftsmodelle, große Kapitalmarkterfolge und weltweit führende Unternehmen entstehen".

Auch Deutschland gelinge es zu selten, Wachstumsfirmen an die Börse zu bringen und zu Tech-Champions zu entwickeln. "Dass Deutschland als drittgrößte Volkswirtschaft der Welt nur noch mit einem Unternehmen in den Top 100 vertreten ist, muss uns Sorgen machen", sagt Ahlers. 2007 waren es laut EY noch sieben deutsche Konzerne.

Deutschland sei stark in industrieller Exzellenz und Ingenieurkompetenz, doch an der Börse werde derzeit vor allem Tech-Kompetenz honoriert. Auch die Krise der Autoindustrie wirke sich aus - die Aktien der deutschen Hersteller stehen unter Druck. Dennoch gebe es Positivbeispiele: So kletterte Siemens Energy im Ranking von Platz 168 auf 128 mit einem Börsenwert von 162 Milliarden Dollar. Infineon sprang von Rang 401 auf Platz 185, der Börsenwert verdoppelte sich auf 121 Milliarden Dollar.

Quelle: ntv.de, mwa/AFP/dpa/rts

SAPSpaceXKünstliche IntelligenzDeutschlandSiemensTechnologiekonzerneUSAAppleAktienkurseNvidiaMicrosoftDeutsche Börse