Kolumnen

Raimund Brichta Angst frisst Aktien auf

Die USA verlieren ihr Spitzenrating, die Kurse rauschen in den Keller. Aus Sicht von Telebörse-Moderator Raimund Brichta ist das Rennen aber noch nicht entschieden. An seinem Kursziel für den Dax von 8000 Punkten hält er deshalb fest.

Raimund Brichta

Raimund Brichta

Endlich gibt es eine Erklärung dafür, warum die Börsen seit Tagen verrückt spielen: Einige Akteure haben offenbar im Vorfeld Wind davon bekommen, dass den USA die beste Bonitätsnote entzogen werden soll. Ein solches Durchsickern ist nichts Ungewöhnliches, denn so eine Entscheidung wird von langer Hand vorbereitet, mehrere Personen sind damit befasst. In diesem Fall war sogar das US-Finanzministerium vorab in Besitz der Unterlagen, die letztlich zur Entscheidung geführt haben. In einer solchen Situation brauchen nur einige an der Börse entsprechend zu handeln, selbst wenn sie den Grund ihres Handelns nicht nennen, und schnell hat sich mit Nachahmern und Computer-Trendfolgern ein explosives Gemisch gebildet, das die Kurse abstürzen lässt.

Nicht zuletzt diesen Wirkungszusammenhängen, die im Einzelnen niemals rekonstruierbar sind, ist es schließlich zu verdanken, dass die Börsen generell wie ein Seismograph funktionieren, der sogar in der Lage ist, bei manchen Ereignissen im Voraus auszuschlagen. Dies hat auch etwas Gutes. Denn damit ist ein Teil der Kursreaktionen bereits vorweggenommen. Die jetzt zu erwartenden Kursverluste könnten also geringer ausfallen als ohne diese Vorwarnung.

Ziel 8000 plus

Welche Auswirkungen haben die Börsenturbulenzen nun auf meine Einschätzung zur Börsenlage? Das ist eine Frage, die mir in den vergangenen Tagen sehr oft gestellt wurde. Um es vorweg zu nehmen: Die Entscheidung zwischen mittelfristig gut und mittelfristig böse ist nach meinem Urteil noch nicht gefallen - auch wenn zahlreiche Börsenkommentatoren derzeit einen anderen Eindruck vermitteln. Im Klartext: sogar mein "Ziel 8000 plus" für den DAX, das ich im vergangenen Herbst ausgab, lege ich momentan noch nicht ad acta. Dies mag Ihnen zwar verwegen erscheinen, lässt sich aber leicht begründen.

Damals war der DAX gerade aus jener Problemzone oberhalb von 6.000 Punkten nach oben ausgebrochen, die ihn lange festgehalten hatte und in die er nun wieder eingetaucht ist. Ich schrieb im Herbst: "Ungefährlich, ja sogar wünschenswert wäre es dagegen, wenn es noch einmal einen Rückschlag auf das Ausbruchsniveau zwischen 6.300 und 6.400 Punkten gäbe – unter Umständen auch erst nach Erreichen des Zwischenzieles von 7.000. Wenn es so käme und der Dax danach wieder nach oben abdrehen würde, wäre das sogar eine lehrbuchmäßige Bestätigung des jüngsten Ausbruchs."

Bis jetzt ist nichts anderes passiert als eben jener "Rückschlag auf das Ausbruchsniveau". Und selbst, wenn der DAX in den nächsten Tagen vorübergehend weiter fallen sollte, wäre das noch kein Beinbruch, sofern er sich danach wieder rasch fängt. In diesem Zusammenhang möchte ich daran erinnern, dass es sich bei der erwähnten Problemzone um jenen Kursbereich handelt, der im Jahr 2008 im Anschluss an die Lehman-Pleite nach unten durchbrochen worden war. Vor Lehman lag der DAX darüber, nach Lehman lag er darunter - ein Umstand, der die Bedeutung dieser Zone unterstreicht.

Die Funktionsweise der Problemzone ist dabei denkbar einfach. Sie wirkt wie ein Hindernis, das nicht so leicht aus dem Weg zu räumen ist - und zwar sowohl nach oben (wie im vergangenen Jahr) als auch nach unten. Mit anderen Worten: Um diese Barriere zu überwinden, bedarf es besonders intensiver Börsenkräfte. Deshalb warte ich jetzt erst einmal in aller Ruhe ab, ob der augenblickliche Schwung nach unten stark genug dafür ist. Die Börse wird dies früh genug zeigen.

Und um auch das noch klarzustellen: Mir geht es nicht darum, recht oder unrecht zu haben. Letztlich entscheidet darüber ohnehin die Börse, also jene heterogene Masse, die sich aus allen Anlegern und Spekulanten zusammensetzt. Es geht mir nur darum, das Börsengeschehen möglichst sorgfältig - und vor allem unvoreingenommen - zu analysieren. Angst und Gier sind dabei stets hinderlich. Denn sie verstellen den Blick fürs Wesentliche,

meint Ihr Raimund Brichta

Quelle: n-tv.de

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