Kolumnen

Inside Wall Street Börsianer fürchten Rückschlag

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Derzeit domimieren an der Wall Street die grünen Vorzeichen.

(Foto: AP)

Der Dow Jones durchbricht die 17.000 Punkte, die USA erleben ein Job-Wunder und die Ertragssaison beginnt mit einem Knaller. Doch während die Kurse steigen, werden die Warnungen vor einem Rücksetzer lauter.

An der Wall Street versuchen täglich viele Stimmen, sich Gehör zu verschaffen - unter ihnen sind Bullen wie Bären. Einige haben längst erkannt, dass es nur sensationelle Meinungen ins Fernsehen schaffen, am besten Weltuntergangsfantasien oder Dow-Zwanzigtausend-Geschwafel ... insofern ist es nicht immer leicht, sich im Meinungsdschungel zurechtzufinden.

Dow Jones
Dow Jones 28.518,11

Nicht schlecht ist für gewöhnlich die Kolumnisten-Mannschaft bei Marketwatch.com, einer führenden US-amerikanischen Finanz- und Börsenseite, die zum Murdoch-Imperium gehört und mit dem Wall Street Journal verschwistert ist. Schon damit ist klar: Hier schreibt man vor allem für den Markt und nicht dagegen, man sorgt für gute Stimmung wie ein Cheerleader auf dem Börsenparkett. Pompoms hoch und los geht's ... aber halt: In den letzten Tagen fällt auch bei Marketwatch der Blick nach vorne ein wenig düster aus. Zu Wochenbeginn fanden sich auf der renommierten Seite gleich vier Kolumnen mit derselben These: Der Dow Jones ist viel zu hoch geklettert, ein massiver Kurssturz steht unmittelbar bevor.

"Der aktuelle Bullenmarkt ist der vierstärkste seit 1929" schreibt David Weidner über die Rallye, in deren Verlauf sich die US-Börsen im Wert etwa verdreifacht haben. Doch im Gegensatz zu anderen Bullenmärkten habe der aktuelle ohne jede fundamentale Bindung an die US-amerikanische Wirtschaft stattgefunden und habe eher vom finanziellen Engagement "einiger weniger, reicher Marktteilnehmer" profitiert. Diese wiederum hätten Geld in den Markt gesteckt, da aufgrund niedriger Zinsen andere Investmentarten nicht attraktiv schienen. Hingegen hätten sich Durchschnittsverdiener aus dem Markt zurückgezogen. Weniger als 45 Prozent der US-amerikanischen Haushalte sei aktuell investiert, so Weidner - vor zehn Jahren waren es noch 65 Prozent.

"Ende des Bullenmarktes"

Auch Irwin Kellner, Chef-Volkswirt von Marketwatch und früherer Volkwirtschaftsprofessor an der New Yorker Hofstra Universität, spricht von einer "Blase". Wenn gute Nachrichten und schlechte Nachrichten gleichermaßen für Kurssprünge nach oben sorgten, sei es an der Zeit, Geld aus dem Markt abzuziehen, so Kellner. Die Wall Street verhalte sich seit geraumer Zeit irrational und reflektiere nicht, was sich in der Wirtschaft abspiele. Vielmehr habe die Fed mit ihrer Zinspolitik Aktien geradezu empfohlen - das klingt wie bei Weidner. Sobald die Zinsen steigen, so Kellner, "würde ich an der Wall Street nicht unter einem offenen Fenster vorbeilaufen".

"Ein weiteres Zeichen für das sichere Ende des Bullenmarktes" sieht der renommierte Newsletter-Autor Mark Hulbert in der rapide sinkenden Zahl der Aktienrückkäufe bei US-amerikanischen Unternehmen. Zur Zeit investierten Firmen nur rund 23 Milliarden Dollar monatlich in den Rückkauf eigener Papiere. Vor einem Jahr war der monatliche Durchschnitt mehr als doppelt so hoch. Das lässt darauf schließen, dass die Unternehmen ihre eigenen Aktien aktuell nicht für günstig halten – warum nicht? Klarer Fall: Das Potenzial nach oben ist begrenzt, das Risiko nach unten nicht.

Und dann wäre da noch Michael Sincere, Autor zahlreicher Bücher zu Börsen- und Marktthemen. Bei 17.000 Punkten stehe man quasi ganz oben auf einem Berg - "und dann geht es in allen Richtungen nach unten." Sincere sieht für alle Bullen eine klare Warnung in der Inflationsrate. Der Verbraucher bekomme die Teuerung bereits zu spüren, da vor allem Lebensmittel zuletzt zugelegt hätten. Für den Experten ist es nur eine Frage von Monaten, bis die Fed einschreitet. Bis dahin sieht er für den breiten Markt ein Aufwärtspotenzial von 5 Prozent, aber ein Risiko von bis zu 25 oder 30 Prozent nach unten.

Vier Experten, vier Warnungen - und das auf einer marktfreundlichen Webseite, die mit dem konservativen Wall Street Journal kooperiert. Selbst optimistische Leser muss diese Häufung nachdenklich stimmen. Und wenngleich sich nach wie vor niemand darauf festlegen will, wann der große Kurssturz kommt, so sind sich die meisten Experten einig: Der große Einbruch droht. Bald.

Quelle: ntv.de