Kolumnen

Inside Wall Street Die Löhne purzeln

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Absolventen einer Universität bei einer Job-Messe: Viele US-Bürger blicken einer düsteren Zukunft entgegen.

(Foto: REUTERS)

Von Detroit bis New York: Die neue Zuversicht ist kaum zu übersehen. Die Autobauer feiern ihr Comeback, die Arbeitslosenquote sinkt. Es gibt nur einen Haken. Die Erträge der Unternehmen kommen nicht beim Konsumenten an.

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Weniger Gehalt, weniger Ausgaben, weniger Konsum: Die Geldbeutel-Frage erreicht über kurz oder lang auch den Aktienmarkt.

Die Wall Street hat ein starkes Jahr 2010 hinter sich, und auch das neue beginnt mit guten Nachrichten. Das Weihnachtsgeschäft scheint gut gelaufen zu sein, in Detroit feiern die Autobauer den Aufschwung, Alcoa hat starke Zahlen vorgelegt, Analysten sind optimistisch für den Rest der Ertragssaison … selbst auf dem Arbeitsmarkt zeichnet sich eine Wende ab. Die Wall Street feiert, doch der Schein trügt.

Der Arbeitsmarkt ist nach wie vor das größte Problem für die amerikanische Wirtschaft. Nun mag man sich darüber freuen, dass die Arbeitslosenquote im Dezember von 9,8 auf 9,4 Prozent gefallen ist. Doch das ist noch immer ein historisches hohes Niveau. Seit der Weltwirtschaftskrise ist die Arbeitslosigkeit in den USA nur noch Anfang der Achtzigerjahre in solche Höhen vorgestoßen - konjunktureller Optimismus ist also im Moment noch fehl am Platz, der Champagner sollte im Kühlschrank bleiben.

Zumal die Daten der Statistiker umstritten sind und immer wieder kritisiert werden. Ein leichtes Auf, ein leichtes Ab, das zeigt nicht unbedingt einen nachhaltigen Trend. Monat für Monat fallen hunderttausende Amerikaner aus der Arbeitsmarktstatistik, weil ihre Bezüge auslaufen und sie auch nicht mehr aktiv nach einer Beschäftigung suchen.

Erschreckend für den US-Konsum

Doch abgesehen von all diesen Abweichungen gibt es noch einen weiteren Grund, warum selbst positive Trends am Arbeitsmarkt nicht vorbehaltlos zu feiern sind. Denn während hier und da wieder eingestellt wird, zeichnet sich ein erschreckender Trend für die Arbeitnehmer ab: Die Löhne und Gehälter fallen dramatisch. Mehr als ein Drittel aller neu eingestellten Amerikaner verdienen zurzeit mindestens 20 Prozent weniger als vor der Krise.

Damit ändert sich die Arbeits- und Lebensqualität für einen großen Teil der Bevölkerung. Viele arbeiten heute nicht mehr, um ihren Lebensstandard zu verbessern, sondern in erster Linie um nicht komplett abzustürzen.

Der liberale Blog "Huffington Post" bringt Beispiele: Michelle Feliz, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern, verdient statt ihrer bisherigen 42.000 Dollar nur noch 37.000 - ein Minus von 12 Prozent, das die Frau in eine kritische Lage bringt. Sie verdient zu wenig, um die Kita für ihren Sohn und neue Kleider für ihre Tochter zu kaufen, aber gerade zu viel, um auf staatliche Unterstützung - etwa durch Lebensmittelmarken - zurückgreifen zu können.

Auf dem Weg ins Billiglohnland

Statistisch gesehen sind wohlgemerkt Männer die Hauptbetroffenen. In einigen männerlastigen Branchen, etwa am Bau oder in der Industrie, sind die Löhne am deutlichsten gefallen.

Die Erholung in Corporate America, die Unternehmen in allen Sektoren zu neuen Rekordgewinnen getrieben hat und sich wohl auch in der laufenden Ertragssaison zeigen wird, schlägt damit nicht bis auf den Arbeitsmarkt durch. Vielmehr sitzen die Unternehmen auf ihrem Geld - auf höheren Einnahmen und auf billig Geliehenem - und tun sich schwer, die flüssigen Mittel in ihre Belegschaft zu investieren. Das zahlt sich für manche Firma aus, vor allem an der Börse, wo der Blick der Investoren eben auf die "bottom line" zielt.

Langfristig tut man sich indes keinen Gefallen. Denn sinkende Löhne und Gehälter und geringerer Wohlstand auf breiter Basis werden die Konsumfreude der Amerikaner auf lange Zeit senken. Das wiederum wird sich auf die Nachfrage auswirken - und letzten Endes doch wieder auf die Gewinne in Corporate America.

Quelle: ntv.de

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