Kolumnen

Die Erben Gordon Gekkos Die Wall Street und die Gier

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(Foto: REUTERS)

Bei vielen Banker und Händlern an der Wall Street gilt Gier noch immer als Tugend, die Filmfigur Gordon Geko als Vorbild. Daran hat auch die Finanzkrise wenig geändert.

Ein warmer Morgen im Herbst 2009. Auf dem Weg an die Wall Street fällt mein Blick auf das Schaufenster der Buchhandlung Borders, einen Steinwurf von der Börse entfernt. Beworben wird "Is greed good? – Ist Gier gut?", die Autobiographie von Gordon Gekko. Den sehe ich im Eingangsbereich an einem Tisch sitzen, und dann stehe ich plötzlich vor Oliver Stone. Die Dreharbeiten für den zweiten Teil seiner "Wall Street"-Saga hatten gerade begonnen.

"Is greed good?" Die Frage hatte Gordon Gekko eigentlich schon im ersten Teil klar beantwortet, und auch zwei Jahrzehnte im Gefängnis brachten den legendären Investor bekanntlich nicht zum Umdenken. Sein Geist weht immer noch im New Yorker Finanzviertel. Auf dem Parkett der New York Stock Exchange erzählt man sich heute noch von den ersten Dreharbeiten in den Achtzigern, im zweiten Teil tauchten zahlreiche prominente Gesichter auf: Maria Bartiromo, Jim Cramer, die ganze Expertenriege des US-Senders CNBC. Auch ich war damals mit dabei: In einem Hörsaal der Fordham University durfte ich als Statist einer Vorlesung von Gordon Gekko lauschen - es ging, wieder einmal, um Gier. Die Szene eröffnet den Film "Money Never Sleeps", führte mich aber nicht in eine große Hollywood-Karriere.

Für andere war der Film durchaus entscheidend für die eigene Karriere. Ein Großteil der Banker und Trader an der Südspitze Manhattans gibt unumwunden zu, dem fiktiven Gekko in die Welt der Hochfinanz gefolgt zu sein. Sie bewundern ihn noch immer, stehen damit aber nahezu alleine, wie eine aktuelle Umfrage von "Vanity Fair" zeigt. Das Lifestyle-Magazin untersucht in seiner jüngsten Ausgabe nicht weniger als den Charakter des amerikanischen Volkes und kommt zu einem überraschenden Schluss: Nur 19 Prozent der Befragten finden Gier tatsächlich gut, überwältigende 78 Prozent lehnen Gier ab.

Gierig sind die anderen

Das heißt nicht, dass man Gier nicht hinter jeder Ecke vermutet. Am gierigsten gelten den Amerikanern die Lobbyisten in Washington, gefolgt von Anwälten, den Agenten von Film- und Sportstars und letztlich Bankern. Dass Politiker überwiegend von Gier getrieben sind, fürchten 74 Prozent der Amerikaner, und gierig findet man auch Stars, die ihre Hochzeitsfotos für teures Geld an den Boulevard verhökern.

Das Selbsturteil der meisten Befragten fällt milde aus – allzu gierig scheint der Durchschnitts-Ami nicht zu sein. Eine teure Diamantkette aus dem Erbe der Großmutter würden 87 Prozent der Befragten behalten, nur 12 Prozent würden sie verkaufen, um das schnelle Geld zu machen. Mit einem Roulettegewinn von 5000 Dollar würden 76 Prozent den Tisch verlassen, 21 Prozent würden zumindest die Hälfte einstecken - nur 3 Prozent würden weiterzocken. Und wenn jemand anders das Dinner bezahlt, dann würden 76 Prozent dasselbe bestellen wie sonst auch, 31 Prozent würden sogar auf ein günstigeres Mahl ausweichen. Nur 3 Prozent würden extra teuer essen... das sind dann wohl Gordon Gekko und seine Leute. Die finden Gier ja gut, stehen damit aber immer mehr alleine.

Quelle: n-tv.de

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