Kolumnen

Inside Wall Street Flash-Crash per Twitter

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Dieser unwahre Tweet sorgte für einen Kurseinbruch an der Wall Street.

(Foto: dpa)

Turbulenzen an der US-Börse: Eine gefälschte Twitter-Nachricht über einen angeblichen Anschlag auf US-Präsident Obama schickt die Wall Street kurzzeitig auf einen Sturzflug.

Bomben im Weißen Haus, zwei Explosionen, Präsident Obama verletzt … für einen kurzen Moment sorgte der Twitter-Dienst der weltgrößten Nachrichtenagentur AP in dieser Woche für Unruhe, bis klar war, dass hier Hacker am Werk waren. Die Schreckensmeldungen waren frei erfunden, in Washington war alles ruhig und die meisten US-Amerikaner bekamen von der Kommunikationspanne gar nichts mit. Anders an der Wall Street, wo der Dow Jones einen "Flash Crash" erlebte.

Binnen Sekunden ging es für die US-Märkte auf Steilflug. Aus einem stabil anmutenden Plus – die Blue Chips hatten seit Stunden mit dreistelligen Gewinnen notiert – rutschte der Index ins Minus, sieben Minuten später waren die Verluste wieder gutgemacht. Einige Trader wischten sich Schweißperlen von der Stirn, dann war auf dem Parkett der New Yorker Wall Street wieder Alltag angesagt. Der Handel endete knapp drei Stunden später ohne weitere Vorkommnisse mit einem stabilen Plus.

Trotzdem ist der Flash Crash nach dem AP-Tweet mehr als eine Anekdote. Er ist ein weiterer Beweis für die Instabilität an den Märkten, an denen längst der Hochfrequenzhandel dominiert. Der baut nicht auf langfristige Strategien, sondern auf Volatilität – da kann man von Gerüchten profitieren, von einzelnen Tweets, auch wenn sie erfunden sind.

War an der Börse früher die langfristige Strategie eines Unternehmens ausschlaggebend für den Verlauf des Aktienhandels, ist es heute der rasche Ein- und Ausstieg cleverer Algorithmen, die über Plus und Minus bestimmen. Vor Jahren hätte ein Tweet – wohl die unzuverlässigste Form von Nachricht überhaupt – die Kurse nicht berührt, heute ist die Kurzbotschaft eines Users ein mächtiges Instrument. Vielleicht das mächtigste überhaupt.

Eine Teilschuld an der zunehmenden Bedeutung von Twitter an den Märkten hat die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC, die jüngst Twitter als offizielles Medium zugelassen hat, auf dem Unternehmen Quartalsberichte, Analysen und sonstige marktwichtige Nachrichten veröffentlichen dürfen. Das hat Twitter auch in konservativen Kreisen eine gewaltige Glaubwürdigkeit beschert, die unverdient ist. Denn so sehr Twitter als soziales Netzwerk in manchen Fällen den etablierten Nachrichten gedient hat und so sehr Twitter in Krisengebieten ohne Zugang für die großen Medien einen gewissen Nachrichtenfluss ermöglicht, so groß ist doch die Gefahr, dass über einen unkontrollierten Dienst Falschmitteilungen gesendet werden – versehentlich oder absichtlich mit dem Ziel, zu manipulieren.

Diese Möglichkeit kommt nun zu einer Zeit, in der Anleger an einem langfristigen Anlagehorizont nicht mehr interessiert sind, sondern Entscheidungen über ihr Portfolio hektisch und mit Blick auf schnelle Gewinne treffen. Ein Anschlag auf das Weiße Haus hätte auf das Kauf- und Verkaufsverhalten eines langfristig investierten Anlegers – beispielsweise Warren Buffet – keinerlei Auswirkung. Der moderne Anleger indes reagiert sofort, verkauft in großem Stil und schickt die Märkte steil nach unten. "Es ist erstaunlich, wie schnell der Markt heute auf gute oder schlechte Nachrichten reagiert", sagt Sal Arnuk von Themis Trading. Und Ben Willis, einer der dienstältesten Händler an der Wall Street, kritisiert die Wandlung eines Marktes, in dem Käufer und Verkäufer "nicht länger Liquidität liefern, sondern lediglich den Markt verwundbar" machen.

Peter Sorrentino von Huntington Asset Advisors sieht eine große Gefahr in den neuen Handelsstrukturen. "Es könnte eine neue Form von Terrorismus geben, die darauf zielt, unsere finanziellen Institutionen und das Vertrauen der Bevölkerung zu untergraben." Auch Ed Skyler, früherer Berater des New Yorker Bürgermeisters Michael Bloomberg und heute im Management der Citigroup, fürchtet, dass kriminelle Elemente hinter Aktionen stecken, die die Märkte verunsichern. "Das ist kein Streich und kein Spaß. Und wenn das FBI die Täter stellt, wird ihnen das Lachen auch vergehen."

Quelle: n-tv.de

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