Marktberichte

Börsen-Ausblick Anleger brauchen Leidensfähigkeit

422d9a0118fce1c2b6c551d2c09fb78f.jpg

Seit den Höchstkursen vom Februar wurde an den Börsen etwa so viel Kapital vernichtet, wie Deutschland innerhalb von vier Jahren erwirtschaftet.

(Foto: dpa)

Die Furcht vor den wirtschaftlichen Folgen der Coronavirus-Krise treibt Anleger in die Flucht. Panikverkäufe sorgen für massive Kursverluste. Nun stellt sich die Frage: Wann ist der Tiefpunkt endlich erreicht?

Die vergangenen Tage werden in die Finanzgeschichte eingehen. Ein schwarzer Börsentag jagte den anderen. Die Coronavirus-Epidemie zieht ihre Kreise und versetzt viele Investoren in Angst und Schrecken. Der Dax verzeichnete eine katastrophale Woche. In den vergangenen Tagen brach der deutsche Leitindex um insgesamt fast 20 Prozent ein. Dabei erlitt er am Montag und Donnerstag mit knapp acht und rund zwölf Prozent zwei der größten Tagesverluste seiner Geschichte.

Dax
Dax 9.570,82

Weltweit schrumpfte die Marktkapitalisierung der Aktienbörsen im Vergleich zu den Hochs von Mitte Februar um rund 18 Billionen Dollar. Zur Einordnung: Dies entspricht der US-Wirtschaftsleistung eines knappen Jahres oder mehr als dem Vierfachen des deutschen Bruttoinlandsproduktes.

Und wie geht es weiter? Nach Ansicht von Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank, steht und fällt die Stimmung mit der Zahl der Infizierten. Sie sei die Messlatte für den Kurse am Kapitalmarkt - nicht etwa die klassischen Konjunkturdaten. Kater geht davon aus, dass der Höhepunkt der Ausbreitung - und damit der Tiefpunkt der Kurse - in Europa schneller erreicht wird als in den USA. Eine schwere weltweite Rezession und ein damit verbundener Anstieg von Unternehmensinsolvenzen erscheint derzeit unausweichlich.

Zinssenkung erwartet

Im Blick stehen vor diesem Hintergrund die Notenbanken. Für viele blieben die geldpolitischen Entscheidungen, die EZB-Chefin Christine Lagarde am Donnerstag verkündete, hinter den Erwartungen zurück. Zwar weitet die Europäische Zentralbank ihre Anleihenkäufe für das laufende Jahr um 120 Milliarden Euro aus, wovon insbesondere Unternehmen profitieren sollen. Mit günstigen Langfristkrediten will sie außerdem Banken dazu bewegen, kleine und mittelgroße Unternehmen mit Geld zu versorgen. Doch angesichts der Wucht der Krise hatten Börsianer und zahlreiche Ökonomen auf weitergehende Schritte gehofft.

Auch in der kommenden Woche bleiben die Notenbanken im Fokus. In den USA war die Federal Reserve zuletzt mit einer Senkung des Leitzinses vorgeprescht, deren Effekt weithin verpuffte.

Wenn Fed-Chef Jerome Powell am Mittwochabend erneut vor die Presse tritt, dürfte der Leitzins dem Vernehmen nach abermals nach unten korrigiert worden sein: Nach der überraschenden US-Zinssenkung um einen halben Prozentpunkt Anfang März rechnen Investoren mit einem weiteren Schritt in der selben Größenordnung. Dann läge der Schlüsselsatz bei fast null Prozent, und auch die US-Notenbank hätte ihren Spielraum nahezu aufgebraucht.

Es scheint fraglich, welchen effektiven Nutzen eine weitere Zinssenkung hätte, meint etwa Michael Hewson vom Analysehaus CMC Markets. Mehr billiges Geld allein könne das Problem nicht beheben. Sollten diese Maßnahmen und die bisherigen kurzfristigen Geldspritzen nicht ausreichen, werde die US-Notenbank sicher wieder längerfristige Anleihen aufkaufen, prognostizieren derweil die Experten der Commerzbank. Angesichts der bereits rekordniedrigen Bond-Renditen sei der Effekt aber begrenzt.

Bundesregierung verspricht Hilfe

Gefordert sind nicht nur die Notenbanken, sondern vor allem die Politik. Kanzlerin Angela Merkel kündigte an, die Bundesregierung werde alles Notwendige tun, um die Wirtschaft in dieser besonderen Lage zu stabilisieren. Auch EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen betonte: "Wir werden alles Mögliche unternehmen, die Europäer und die europäische Wirtschaft zu stützen." Sie kündigte an, dass die EU-Regeln so großzügig wie möglich ausgelegt werden, damit die 27 Mitgliedsstaaten selbst ihren Unternehmern und Bürgern finanziell unter die Arme greifen können - so wie es auch Deutschland jetzt vorhat. Das gilt sowohl für den Stabilitäts- und Wachstumspakt, der Schulden- und Defizitdeckel vorgibt, als auch für EU-Beihilferegeln, die unter normalen Umständen Subventionen für Unternehmen stark beschränken.

In den USA kündigte US-Präsident Donald Trump zwar ein Konjunkturprogramm an, blieb Details dazu bislang aber schuldig. Er werde es schwer haben, seine Pläne durch den Kongress zu bekommen, sagte Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden bei der Deutschen Bank. Die oppositionellen Demokraten wollten mit eigenen Vorschlägen ihre Chancen im laufenden Präsidentschaftswahlkampf verbessern. "Der Markt wird also vermutlich noch länger auf umfangreiche Unterstützung aus der Politik warten müssen."

Lufthansa unter Druck

Mit Spannung wird an der Börse erwartet, wie Unternehmen mit der um sich greifenden Verunsicherung umgehen. Und auf welcher Grundlage sie ihre Prognosen formulieren. Einen Anfang macht am Montag der Versicherungskonzern Talanx, Mehrheitseigner bei der Hannover Rück. Bereits seit Februar ist bekannt, dass der Versicherungskonzern 2019 einen Rekordgewinn einfahren konnte. Ungewiss bleibt noch, in welchem Umfang er seine Aktionäre beteiligt.

Am Mittwoch beziehungsweise am Donnerstag rücken mit Rheinmetall und Lufthansa zwei Traditionsunternehmen in den Fokus, die ihr Zahlenwerk für 2019 vorstellen. Beide stehen unter Druck. Rheinmetalls Ergebnis lag zwar über den Erwartungen der Analysten, jedoch dürfte das Coronavirus den Rüstungskonzern zu schaffen machen. Positiv dürfte sich auswirken, dass die Auftragsbücher in der wichtigen Rüstungssparte eher langfristig angelegt sind.

Anders ist es bei der Lufthansa. Der durch den Coronavirus empfindlich getroffenen Luftfahrtbranche wurde erst zur Nacht auf Donnerstag der nächste Nackenschlag verpasst: Nach dem von Trump verfügten Einreisestopp für Europäer aus dem Schengen-Raum bricht die wichtige Route über den Nordatlantik fast gänzlich weg. Wegen der ausbleibenden Nachfrage musste der Luftfahrtkonzern seine Flüge bereits zuvor drastisch zusammenstreichen.

Den anstehenden Konjunkturdaten blicken Börsianer mit unterschiedlichem Interesse entgegen. Spannend seien vor allem die Stimmungsindikatoren, da sich beispielsweise bei der US-Industrieproduktion (Dienstag) die Auswirkungen der Coronavirus-Krise noch nicht niederschlügen. Im Fokus lägen die Konjunkturbarometer der Fed von New York (Montag) und der Fed Philadelphia (Donnerstag). Für Letzteres sagen Experten einen Rückgang auf von 36,7 auf 28 Punkte voraus.

Einen noch dramatischeren Einbruch erwarten sie beim ZEW-Index (Dienstag), der die Stimmung der deutschen Börsianer widerspiegelt. Den Prognosen zufolge müssen Anleger mit einem Absturz von plus 8,7 auf minus 23,4 Punkte rechnen. Das wäre der größte Rückgang seit 1998.

Quelle: ntv.de, jga/rts/dpa/DJ