Marktberichte

Italien-Krimi an der Börse Dax gibt weiter nach

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Gab schon bessere Tage an der Börse: De Dienstag im Dax.

REUTERS

Am Tag nach der Italienwahl herrscht große Unsicherheit am deutschen Aktienmarkt: Mit Blick auf die unklaren Perspektiven und ein mögliches Abrücken vom Reformkurs in Rom ziehen sich die Anleger auf breiter Front zurück. Selbst starke Daten aus den USA können

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Der Mann, der die Börsen weltweit durcheinander bringt: Silvio Berlusconi gewinnt den Senat.

(Foto: REUTERS)

Am Tag nach der Italienwahl stehen Anleger vor einer unübersichtlichen Situation: In der drittgrößten Volkswirtschaft droht eine politische Hängepartie. Ob es zu einer Fortsetzung des Reformkurses kommt ist angesichts der schwierigen Mehrheitsverhältnisse unklar. Ein Wiederaufflackern der Schuldenkrise steht im Raum.

Vor diesem Hintergrund konnten selbst unerwartet freundliche Konjunkturdaten aus den USA den deutschen Aktienmarkt nicht aus der Verlustzone heben. Der Leitindex Dax geht am Dienstag mit einem Abschlag von 176 Zählern oder 2,26 Prozent bei 7597,11 Punkten aus dem Handel. Damit weiteten sich die Kursverluste im Tagesverlauf weiter aus. Der Nebenwerteindex MDax beschloss den Handelstag 1,06 Prozent im Minus bei 13.002,89 Zählern. Der TecDax verlor in einem allgemein stark verunsicherten Umfeld 1,04 Prozent auf 903,41 Punkte.

"Es sieht so aus, als verabschiedeten sich amerikanische Investoren von ihren europäischen Investments", sagte ein Händler. "Auch vonseiten der Fed gibt es keine neuen Einschätzungen, die man negativ auslegen könnte", sagte er zur Anhörung von Fed-Chef Ben Bernanke vor dem Bankenausschuss des US-Senats. In normalen Zeiten wäre auch zu erwarten gewesen, dass die unerwartet freundlichen Konjunktursignale den Markt stützen dürften.

Wie im Tagesverlauf bekannt wurde, ist das Verbrauchervertrauen in den USA im Februar deutlich höher ausgefallen als erwartet. Auch der Eigenheim-Absatz im Januar fiel besser als prognostiziert aus. Zugleich verteidigte Bernanke die Null-Zins-Politik und die Anleihe-Käufe der Fed zur Stimulierung der Wirtschaft - alles Hinweise, die Anleger üblicherweise als Kaufimpulse verstehen.

Diesmal liegen die Dinge anders: Nach der Italien-Wahl sehen sich Börsianer mit ungemütlichen Aussichten auf eine politische Hängepartie im hochverschuldeten Italien konfrontiert. "Die Krise ist zurück", fassten die Analysten der Royal Bank of Scotland (RBS) ihre Einschätzung der Lage zusammen. Ähnlich urteilte Commerzbank-Analyst Ulrich Leuchtmann. "Eine stabile Regierung, die eine konstruktive Europa-, Stabilitäts- und Reformpolitik durchsetzen könnte, ist nur schwer vorstellbar."

Bei den zweitägigen Wahlen hatte das reformorientierte Mitte-Links-Bündnis von Pier Luigi Bersani zwar eine hauchdünne Mehrheit im italienische Abgeordnetenhaus erreicht. Allerdings zeichnete sich in der gleichberechtigten zweiten Kammer, dem Senat, ein Patt mit dem Mitte-Rechts-Bündnis des ehemaligen Ministerpräsidenten und Sparkurs-Gegners Silvio Berlusconi ab. "Der Sieger heißt: Unregierbarkeit", titelte die römische Tageszeitung "Il Messagero" am Morgen nach der Wahl.

Am Vortag hatten die Anleger am deutschen Aktienmarkt noch vor Schließung der Wahllokale auf ein europafreundliches Wahlergebnis gesetzt. Die voreilige Zuversicht mussten einige Investoren bitter büßen. Händler Andreas Lipkow von Kliegel & Hafner kommentierte: "Selbst nach den positiven Aussagen von Fed-Chef Bernanke gelang dem Dax die Erholung nicht. Die Wirrungen rund um den Wahlausgang in Italien wiegen zu schwer." Kurserholungen seien von institutionellen Anlegern für den Abbau von Aktienpositionen genutzt worden und drückten auf den Gesamtmarkt. Daran dürfte sich laut Lipkow auch in den kommenden Tagen wenig ändern.

Abwärts ging es im Dax vor allem für die Finanzwerte: Europaweit standen die Aktien der Banken weit oben auf der Verkaufsliste. Am unteren Ende des Leitindex gaben die Titel der Deutschen Bank 4,9 Prozent ab. Commerzbank verloren knapp 3 Prozent. An der Börse in Mailand mussten die Aktien der Intesa SanPaolo nach starken Kursverlusten zeitweise sogar vom Handel ausgesetzt werden.

Die Aktien der Allianz zogen sich um 2,8 Prozent zurück. Für die Titel der Deutschen Börse ging es am Tag nach den von Gerüchten befeuerten Kursturbulenzen 2,7 Prozent nach unten.

Abseits aller politischen Diskussionen konnten sich Anleger mit weiteren Ergebnissen aus der ersten Reihe der deutschen Unternehmenslandschaft beschäftigen. Mit Blick auf BASF hieß es, die vorgelegten Zahlen blieben weitgehend im Rahmen der Erwartungen. Allerdings sei der operative Gewinn vor Sonderposten im vierten Quartal geringer ausgefallen als erwartet. BASF-Papiere gingen als zweitschwächster Wert nach der Deutschen Bank mit minus 4,5 Prozent aus dem Handel.

Einzig und allein zwei Namen konnten sich am Dienstag auf der Liste der Dax-Gewinner halten: Fresenius und Fresenius Medical Care (FMC) - beides Titel, die als besonders defensiv gelten - lagen am Tag der Zahlenvorlage seit den Morgenstunden duchweg im Plus. Beim Mutterkonzern Fresenius schien der Rekordgewinn aus dem vergangenen Jahr die Anleger zu überzeugen. Der Gesundheitskonzern hatte nach einem 22-prozentigen Gewinnsprung die Dividende zum 20. Mal in Folge angehoben. Die Aktien stemmen sich gegen den negativen Markttrend und schlossen an der Dax-Spitze 2,7 Prozent im Plus. "Alle Divisionen trugen zur Steigerung von Umsatz und Gewinn bei", lobte LBBW-Analyst Timo Kürschner. Auch 2013 wolle Fresenius dynamisch wachsen. Die Dialyse-Tochter FMC stellt sich wegen möglicher Einschnitte im US-Gesundheitssystem dagegen auf Gegenwind im laufenden Jahr ein. Die Aktien notierten 1,5 Prozent fester.

Mit Angaben zur Höhe der Ausschüttung zieht Bayer Aufmerksamkeit auf sich: Der Pharma- und Chemiekonzern will seinen Anteilseignern für das vergangene Jahr eine auf 1,90 Euro je Aktie erhöhte Dividende zahlen. "Wir wollen unsere Aktionäre auch in diesem Jahr an der guten Geschäftsentwicklung von Bayer teilhaben lassen", sagte Vorstandschef Marijn Dekkers. Die Ausschüttungssumme steige von 1,36 Mrd. Euro im Vorjahr auf aktuell 1,57 Mrd. Euro. Geschäftszahlen für das vergangene Jahr will das Leverkusener Traditionsunternehmen am kommenden Donnerstag vorlegen. Für das Jahr 2011 hatten Bayer-Aktionäre eine um 15 Cent auf 1,65 Euro angehobene Dividende erhalten. Der Konzern hat für die Ausschüttung in der Vergangenheit stets einen Zielkorridor von 30 bis 40 Prozent des bereinigten Gewinns je Aktie genannt. Bayer-Aktien gaben in einem insgesamt sehr schwachen Gesamtmarkt 1,3 Prozent ab.

Europaweit gingen die Kurse an den großen Börsen angesichts der unsicheren Perspektiven in Italien auf Talfahrt. Vor allem die Sorge, dass Italien von seinem unter dem bisherigen Ministerpräsidenten Mario Monti eingeschlagenen Sparkurs abweichen könnte, belastete die Märkte. "Wir stehen vor einem Patt mit allen Folgen für die Politik und die Reform-Fortschritte", sagte Commerzbank-Zinsstratege Michael Leister. "Die Italiener haben klargemacht, dass sie keine Befürworter der Sparmaßnahmen und Struktur-Reformen sind, die für Italien mittelfristig notwendig sind."

Der Leitindex der Mailänder Aktienbörse MIB brach um 4,9 Prozent ein und schloss bei 15.552 Punkten auf dem niedrigsten Stand seit zweieinhalb Monaten. Parallel dazu sackte der Terminkontrakt auf die italienischen Staatsanleihen in der Spitze um gut vier Prozent auf 107,89 Zähler ab. Das ist einer der größten Tagesverluste seiner Geschichte. Im Gegenzug stieg die Rendite für die zehnjährigen Bonds auf 4,9 Prozent von 4,371 Prozent am Vortag.

Der Italien-Schock riss die Börsen des ebenfalls hoch verschuldeten Spanien mit in die Tiefe. Der Leitindex Ibex verlor 3,2 Prozent, die Rendite der zehnjährigen spanischen Staatsanleihen stieg auf 5,383 von 5,13 Prozent. Der EuroStoxx50 beendete den Tag mit einem Abschlag von 3,1 Prozent bei 2570 Punkten. Ein Ende der Talfahrt sei auch für die kommenden Wochen und Monate nicht in Sicht, sagte Derivatehändler Mike Turner von XBZ. Nach Daten der Derivatebörse Eurex deckten sich Anleger mit Put-Optionsscheinen auf den EuroStoxx50 ein, mit denen sie auf weiter fallende Kurse wetteten.

Europaweit waren die Finanzwerte, die üblicherweise besonders sensibel auf alle Nachrichten rund um die Schuldenkrise reagieren, die größten Verlierer. Der Index für die Banken der Eurozone rutschte um 5,2 Prozent ab. Zu den Schlusslichtern zählten hier die italienische Bank Intesa Sanpaolo, deren Aktien zeitweise um bis zu 12,2 Prozent einbrachen. Daraufhin verbot die italienische Börsenaufsicht bis einschließlich Mittwoch Leerverkäufe von Intesa-Aktien. Dabei handelt es sich um Wetten auf einen weiteren Kursverlust. Als größter Verlierer im Bankenindex gingen die Aktien der Banco Popolare mit minus 10,5 Prozent aus dem Handel.

In Frankreich notierte der CAC 40 in Paris 2,67 Prozent schwächer als am Vortag, in London lag der "Footsie" 1,34 Prozent unter Vortagesniveau. An den US-Börsen, die bereits am Vortag wegen des sich abzeichnenden Wahlausgangs in Italien gen Süden gedreht hatten, tendierten die Indizes uneinheitlich. Der Dow Jones mit den 30 Standardwerten stieg um 0,4 Prozent auf 13.832 Punkte. Der breiter gefasste S&P 500 verlor dagegen 0,1 Prozent auf 1485 Zähler. Der Composite-Index an der Nasdaq sank um 0,3 Prozent auf 3108 Punkte.

An den Anleihemärkten halfen die guten Daten aus den USA den angeschlagenen italienischen Bonds ebenfalls nicht. Die zehnjährigen Papiere notierten 3,75 Punkte im Minus, was die Rendite auf 4,85 (Vorabend 4,37) Prozent in die Höhe sausen ließ. Anleger flüchteten in die als sicher geltenden deutschen Staatsanleihen oder in Gold. Der Goldpreis stieg um etwa ein halbes Prozent auf gut 1600 Dollar. Die Ölpreise bröckelten.

Am deutschen Rentenmarkt sank die durchschnittliche Rendite börsennotierter Bundeswertpapiere von 1,26 Prozent am Vortag auf 1,18 Prozent. Der Rentenindex Rex stieg um 0,30 Prozent auf 134,50 Punkte. Der Bund-Future legte um 0,19 Prozent auf 144,74 Punkte zu.

Der Euro kam unter Druck: Die Europäische Zentralbank (EZB) setzte den Referenzkurs auf 1,3077 (Montag: 1,3304) Dollar fest. Der Dollar kostete damit 0,7647 (0,7517) Euro.

Quelle: n-tv.de, mmo/DJ/dpa/rts

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