Marktberichte

Typisches Herdenverhalten? Dax sucht das Weite

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Wieso treten alle ausgerechnet jetzt die Flucht an?

(Foto: Pixelio/Raviege)

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Wie gewonnen, so zerronnen. Die Gewinne eines Jahres sind weg.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Schlittern die USA wieder in die Rezession? Zwingt die Euro-Schuldenkrise auch Italien und Spanien in die Knie? Diese beiden Fragen sorgen in aller Welt weiter für heftige Marktreaktionen. Die anhaltenden Konjunktur- und Schuldensorgen bescheren dem deutschen Leitindex einen der größten Wochenverluste in seiner über zwanzigjährigren Geschichte. Ratlosigkeit herrscht bei den Analysten bei der Frage, ob der Tiefpunkt damit erreicht ist oder ob die Talfahrt möglicherweise noch weitergeht.

Die Erleichterung über die besser als erwartet ausgefallenen US-Arbeitsmarktdaten hat am Freitag nur kurz gewährt. Nach einer kurzen Verschnaufpause setzte sich der Ausverkauf an den internationalen Aktienmärkten fort.

Dax
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Der Dax, der sich als Reaktion auf die Zahlen kurzzeitig ins Plus vorgearbeitet hatte, fiel wenig später wieder um 2,8 Prozent zurück auf 6236 Punkte. Damit landete er nur über seinem Auftakttief bei 6236 Punkten. Auf Wochensicht brach das Börsenbarometer um knapp 13 Prozent ein. Der MDax sank am Freitag um knapp 1,0 Prozent auf 9135,22 Punkte und der TecDax verlor 0,9 Prozent auf 717,76 Punkte.

Der EuroStoxx50 gab 1,4 Prozent auf 2378 Zähler nach. An der Wall Street büßte der US-Standardwerteindex Dow Jones seine Anfangsgewinne wieder ein und notierte 1,1Prozent schwächer bei 11.265 Stellen.

Überraschend gute Daten vom US-Arbeitsmarkt reichten am Freitag nur für ein kurzes Strohfeuer. In der weltgrößten Volkswirtschaft wurden im Juli zwar mehr neue Stellen als im Vormonat und von Analysten erwartet geschaffen. Experten äußerten sich aber dennoch skeptisch. "Ich würde nicht sagen, dass ein Rückfall in die Rezession damit komplett vom Tisch ist", sagte Michael Gapen, US-Ökonom bei Barclays Capital. Die Sorge vor einer weltweiten Rezession und einer Ausweitung der europäischen Schuldenkrise gewann schnell wieder die Oberhand und drückte die Märkte erneut ins Minus.

Kein Grund zur Panik?

In der Bewertung der immensen Kursstürze gehen die Meinungen der Analysten weit auseinander. Einige Marktbeobachter halten die Panik für übertrieben. "Es gibt keine Gründe, die den erneuten Verkaufsdruck erklären könnten", sagte ein Börsianer. "Die Anleger sind einfach hyper-nervös."

Andere halten gegen und führen dabei eine ganze Palette an Gründen auf, die die Kurseinbrüche erklären: So seien die Frühindikatoren für die US-Wirtschaft alles andere als ermutigend. Zudem dürften die Probleme der Euro-Schwergewichte Italien und Spanien nicht unterschätzt werden. Ratlosigkeit herrscht bei der Frage, ob der Tiefpunkt an den Börsen schon erreicht wurde.

Der Chefvolkswirt der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer rät bei n-tv alle Konjunkturprognosen auszusetzen. Er sieht die Politik maßgeblich in der Pflicht, endlich eine überzeugende Lösung der Euro-Schuldenkrise zu finden und damit die Märkte zu beruhigen: "Es hängt nichts mehr an der Wirtschaft. Was passieren wird, liegt jetzt an Brüssel, an Berlin, Rom, Athen. Es hängt nichts mehr an der Wirtschaft." Optimistischer ist Hans-Jörg Naumer, Kapitalmarktanalyst bei Allianz Global Investors. Er glaubt schon jetzt an eine baldige Erholung: "Es scheint eine Art Sommergewitter zu sein und wir können immer noch auf stabileres Börsenwetter im Spätsommer hoffen."

Typisches Herdenverhalten?

Einig sind sich die Experten darin, dass der aktuelle Absturz viel mit Psychologie zu tun hat. Anders als etwa nach der Atomkatastrophe von Fukushima im März 2011, der Lehman-Pleite 2008 oder dem 11. September 2001 gibt es kein isoliertes Ereignis, das die Panikreaktion ausgelöst hat. Stattdessen baute sich langsam eine Lawine auf, die inzwischen die Aktienmärkte mit sich gerissen hat. "Die massiven Kurseinbrüche erinnern stark an ein typisches Herdenverhalten, das ist immer das Signal einer massiven Übertreibung", sagt Naumer.

Der Verlauf ähnelt dem Crash am Rohöl-Markt im Mai. Damals war der Ölpreis fünf Tage in Folge um insgesamt 13 Prozent gefallen. Einen eindeutigen Auslöser gab es auch seinerzeit nicht. Eins haben die Kursstürze aber gemeinsam: in beiden Fällen spielten Computer-generierte Aufträge eine wichtige Rolle. Sobald die ersten charttechnischen Marken unterschritten wurden, mischten Computerprogramme mit und beschleunigten mit automatisierten Verkaufsorders den Preisverfall.

Ein Minus von 13 Prozent hat der Dax in den vergangenen acht Handelstagen inzwischen auch angehäuft. So viel hatte er zuletzt nach den Anschlägen auf das World Trade Center verloren.

US-Börsen lassen hoffen

Wie schnell sich die Stimmung nun drehen kann, zeigten am Freitagnachmittag die Arbeitsmarktdaten aus den USA. Ein für die weltgrößte Volkswirtschaft immer noch geringer Stellenaufbau reichte aus, um den Aktienmarkt zumindest kurzzeitig ins Plus zu hieven. So kurz vor dem Wochenende hielt der Mut der Anleger zwar nicht lange an, weil niemand ein Risiko eingehen wollte.

Sollten aber kommende Daten die Hoffnung auf eine Wirtschaftsbelebung schüren, sehen Börsianer Chancen auf eine Erholung am Finanzmarkt. "Wenn sich die Stimmungsindikatoren der Einkaufsmanager aus dem verarbeitenden und dem nicht-verarbeitenden US-Gewerbe über der wichtigen Marke von 50 Punkten halten, beginnt bereits im August die Jahresendrally", sagt Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. Sollten die Konjunkturbarometer dagegen auf eine schrumpfende Wirtschaft hindeuten, sei dies eingepreist.

EuroStoxx fällt zehnten Tag in Folge

Der Ausverkauf ließ den Börsenwert der weltweit größten gelisteten Unternehmen binnen weniger Tage um mehrere Billionen Dollar schrumpfen. Die Marktkapitalisierung aller im MSCI World Index notierten Unternehmen verringerte sich in der laufenden Woche um 2,5 Bio.  Dollar. Dies entspricht rechnerisch in etwa der Wirtschaftsleistung Frankreichs.

Auf europäischer Ebene richteten die Anleger ihre Aufmerksamkeit auf Italien und Spanien. Die Risikoaufschläge (Spreads) für die zehnjährigen Bonds der beiden hoch verschuldeten Staaten erreichten im Vergleich zu den entsprechenden Bundestiteln zeitweise neue Rekordhochs. Im Laufe des Tages entspannte sich die Lage dort etwas. Börsianer spekulierten über Anleihe-Käufe der Europäischen Zentralbank (EZB).

Deren Chef Jean-Claude Trichet hatte am Vortag die Bereitschaft der Notenbank zu solchen Schritten signalisiert. EU-Währungskommissar Olli Rehn betonte zudem, Spanien und Italien seien auf Kurs, ihre Defizit-Ziele zu erreichen und würden keine Not-Kreditprogramme benötigen. Die Risikoaufschläge am Anleihemarkt seien durch die Fundamentaldaten nicht gerechtfertigt. Der Bund-Future, der infolge der starken Nachfrage nach Bundesanleihen vorübergehend auf ein Elf-Monats-Hoch gestiegen war, notierte am Nachmittag 37 Ticks im Minus bei 132,44 Punkten.

Franken und Gold fliegen weiter hoch

Der als sicher geltende Schweizer Franken markierte zum Euro ein neues Rekordhoch und stand zum Dollar kurz davor. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) drohte mit weiteren Eingriffen, um den Höhenflug des Frankens zu stoppen. Auch die japanische Währung stand hoch im Kurs - trotz einer jahrzehntelangen konjunkturellen Stagnation und der Dreifach-Katastrophe von Erdbeben, Tsunami und Atom-Unglück in diesem Jahr. Ungeachtet einer erneuten Intervention der Bank von Japan fiel der Dollar um knapp ein Prozent auf 78,42 Yen. "Die japanische Wirtschaft ist stark", erklärte Marktanalyst Heino Ruland von Ruland Research. "Man traut ihr zu, dass sie den hohen Schuldenberg langfristig abtragen kann."

Die Antikrisen-Währung schlechthin - Gold - verteuerte sich am Freitag ebenfalls. Eine Feinunze (31,1 Gramm) des Edelmetalls kostete bis zu 1669,60 Dollar und lag damit nur noch rund zwölf Dollar unter ihrer bisherigen Bestmarke. 

Quelle: n-tv.de, ddi/rts/DJ