Marktberichte

Tiefster Stand seit Februar 2011 Anleger starren auf Gold

Der Goldpreis setzt seinen Abwärtstrend zu Wochenbeginn fort. Die Edelmetall-Notierung testet nicht nur die 1400-Dollar-Marke, sie reißt sie mit Karacho. Immer mehr Banken zeichnen ein negatives Bild, manche sprechen gar von einer Blasenbildung. Die Verunsicherung wächst.

Was ist bloß mit dem Goldpreis los? Daran dass es mit dem Preis bereits seit Oktober 2012 fast nur noch abwärts geht, hatte man sich fast schon gewöhnt, seit Freitag der Vorwoche hat die Abwärtsbewegung aber eine neue Qualität erreicht. Im Handel ist zeitweise von Panik die Rede und davon, dass der Goldmarkt endgültig einen Stimmungsumschwung vollzogen hat und zu einem Bärenmarkt geworden ist, nachdem der Goldpreis im Vergleich zu seinem Allzeithoch von 1921 Dollar im September 2011 mehr als 20 Prozent verloren hat.

Nachdem vor dem Wochenende die 1500er Marke fiel, war zu Wochenbeginn die 1400er Marke an der Reihe. Von Oktober bis zum Donnerstag der Vorwoche verbilligte sich die Feinunze von 1790 Dollar um gut 7 Prozent auf rund 1561 Dollar. Allein am Freitag brach der Preis dann um weitere 5,3 Prozent ein, erst am europäischen Abend schwächt sich die Abwärtsbewegung ab. Im Tagestief war die Feinunze für gut 1355 Dollar zu haben, knapp 10 Prozent unter Vortagesniveau und der tiefste Stand seit Februar 2011. Die Berichte über Explosionen in Boston ließen den Goldpreis dagegen nahezu unberührt.

Kaum Erklärungen

Noch dramatischer sieht es beim Silber aus. Hier belief sich das Minus seit Oktober bis zum vergangenen Donnerstag auf 20 Prozent. Seitdem ist der Silberpreis um weitere gut 16 Prozent abgestürzt. Aktuell wird das Metall vom Tagestief wieder etwas erholt mit 23,62 Dollar gehandelt. Gold war zuletzt im März 2011 so billig zu haben wie derzeit, das aktuelle Tief beim Silber reicht sogar zurück bis Oktober 2010.

Marktbeobachter tun sich mit Erklärungen für die plötzlich so stark beschleunigte Abwärtsbewegung schwer. Einen einzelnen Auslöser für die Kurseinbrüche gibt es nicht, stattdessen scheint es die derzeitige Gemengelage zu sein, die viele Anleger zunehmend skeptisch werden lässt, ob sie im Gold noch richtig positioniert sind.

Und die Goldfonds?

Nach Meinung der Marktexperten von Heraeus sind angesichts der Heftigkeit der Marktbewegung andere preisbeeinflussende Faktoren wie die jüngsten enormen Abflüsse von börsennotierten Goldfonds nebensächlich. Deren Bestände befänden sich inzwischen aber auf dem tiefsten Stand seit Anfang 2012.

Auch bei der Commerzbank teilt man diese Ansicht. Der Abverkauf laufe über den Futures-Markt. An der Warenterminbörse in New York (COMEX) seien am Freitag fast doppelt soviele Kontrakte gehandelt worden wie im Durchschnitt seit Jahresbeginn. Somit hätten auf dem Papier gut 1.140 Tonnen Gold den Besitzer gewechselt, mehr als die gesamte jährliche Goldnachfrage von Indien oder China.

Die Rolle Japans

So unbefriedigend es klingen mag, es dürften in erster Linie technische Faktoren sein, die für die Talfahrt verantwortlich sind. Erfahrungsgemäß bewegt sich der Goldpreis nämlich sehr rasch und sehr stark nach unten. Kommt er also erst mal ins Trudeln, verstärkt sich die Bewegung quasi selbst, wenn Goldhalter aussteigen getreu dem Motto, dass die ersten Verluste die geringsten sind.

Eine Rolle dürfte dabei auch die japanische Geldpolitik spielen. Wie die Experten von Heraeus bemerken, steht die Goldpreisentwicklung in Yen in starkem Kontrast zu den Goldpreisen in Dollar und Euro. Der durch die japanische Geldpolitik massiv geschwächte Yen habe den Goldpreis für die Japaner binnen einer Woche um 10 Prozent auf den höchsten Stand seit 33 Jahren steigen lassen. Das habe viele Japaner veranlasst, Goldvorräte zu Geld zu machen.

Die Bank of Japan hatte ihre monatlichen Anleihekäufe jüngst auf rund 54 Mrd. Euro fast verdoppelt und wirft damit jetzt fast so üppig Geld auf den Markt wie die US-Notenbank. Doch statt Gold zu kaufen, verkaufen die Japaner es. Das steht im Gegensatz zu dem, was in den ersten drei Jahren nach dem Start der "Quantitative-Easing"-Strategie der US-Notenbank im Jahr 2008 passierte, als eine Flucht in Gold zu einer Preisverdopplung führte.

"Der Preisverfall wurde durch das Unterschreiten wichtiger charttechnischer Marken, die zu Anschlussverkäufen führten, noch verstärkt, kommentiert die Commerzbank die Entwicklung am Goldmarkt. In besonderem Maße dürfte das für das Silber gelten, dessen  Markt noch enger ist, weshalb die Preisausschläge noch stärker ausfallen.

"Margin Calls"

Eine verschärfende Rolle spielen in diesem Zusammenhang die Sicherheitsleistungen (Margin Calls), die solche Anleger hinterlegen müssen, die Kapital zur Verfügung stellen, mit dem sie auf einen steigenden Goldpreis spekulieren. Nimmt die Volatilität zu und dreht der Markt gegen sie, sind sie gezwungen, diese Sicherheitsleistungen zu erhöhen, andernfalls werden ihre Goldpositionen verkauft. Genau das hat Marktexperte Frank McGhee von Integrated Brokerage Services beobachtet. Demnach wurden Investoren von ihren Brokern aufgefordert, ihre Margin Calls zu erhöhen.

McGhee spricht in diesem Zusammenhang von weiterem Eskalationspotenzial. Dabei drohe dem Handel die Kontrolle des Goldmarktes zu entgleiten und von den Risikoabteilungen bei den Brokern übernommen zu werden.

Markt ist in Sorge

Im Handel wird die Flucht der Anleger aus dem Edelmetall unter anderem mit Sorgen begründet, dass die US-Notenbank ihre expansive Geldpolitik früher als bislang erwartet allmählich wieder straffen könnte. Immer wieder gibt es beispielsweise Spekulationen darüber, dass die monatlichen Käufe von Staatsanleihen im Volumen von 85 Milliarden Dollar eher früher als später auslaufen werden. Bislang ist das Programm zeitlich noch unbegrenzt.

Weniger glaubhaft klingen dagegen die ebenfalls als Auslöser des Goldabsturzes vorgebrachten mutmaßlichen Goldverkäufe Zyperns. Diese sind vom Umfang her mit geschätzt 400 Mio. Euro viel zu klein, als dass sie eine derart negative Wirkung auf den Goldpreis entfachen dürften.

"Die Panik setzt sich fort"

Der jüngste Dämpfer für die Edelmetallpreise kam am Montag aus China, wo das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal mit 7,7 Prozent etwas schwächer ausgefallen ist als mit 8,0 Prozent erwartet. Da China als zweitgrößter Goldaufkäufer weltweit gilt, trüben die Daten die bereits schlechte Stimmung am Goldmarkt weiter ein. Das Horten von Gold gelte in China als Gradmesser der Wohlstands, mithin könne ein schwächeres Wachstum hier negative Konsequenzen nach sich ziehen, heißt es.

"Die Panik setzt sich fort", sagte Edelmetallexperte David Govett von Marex Spectron. "Die Umsätze und die Preisausschläge sind heftiger als alles, was ich seit langer, langer Zeit in Asien erlebt habe. Wir sprechen hier von einem Markt, der zehn Jahre lang bullisch war und der sich nun in einen Bärenmarkt wandelt".

Auf der Suche nach Begründungen stolpert man unterdessen über eine ganze Reihe aktueller negativer Goldpreisprognosen. Die Analysten von Societe Generale riefen dabei sogar das Ende des Goldzeitalters aus, aber auch die Credit Suisse, JP Morgan und die Deutsche Bank warteten mit negativen Goldpreisszenarien auf. Und die aktuelle Entwicklung scheint ihnen recht zu geben.

Die Analysten fürchten, dass sich eine Preisblase gebildet hat, die zu platzen beginnt. In den vergangenen zehn Jahren hätten die Anleger den Goldpreis kräftig nach oben getrieben. Vor allem seit der Finanzkrise sei die Goldrally von Ängsten gespeist worden, dass die aggressiven geldpolitischen Lockerungen der großen Zentralbanken zu einer kräftigen Inflation führen könnten, betont die Societe Generale. Gold gilt bei vielen Anlegern als sicherer Hafen in Zeiten anziehender Inflation.

Doch genau diese Preissteigerungen sind bislang nicht eingetreten und zeichnen sich auch nicht ab, weder in den USA, noch in Europa und auch nicht in Japan, wo sich die Notenbank jüngst sogar selbst ein Inflationsziel von 2 Prozent gesetzt hat. Somit gilt das vielleicht wichtigste Kaufargument für das Gold derzeit nicht.

Bei der Schweizer Privatbank Pictet hat man schnell reagiert und den Goldbestand im Portfolio von 7 Prozent zu Beginn des Jahres auf derzeit nur noch rund 4 Prozent reduziert. Gold sei zwar noch eine Absicherung im Portfolio, es habe allerdings beträchtlich an Bedeutung verloren, erläutert Pictet-Experte Bhaskar Laxminarayan.

Zielwert: 1270 Dollar

Für besondere Aufmerksamkeit sorgte Goldman Sachs, wo man innerhalb von sechs Wochen zweimal die Prognosen für den Goldpreis senkte. Bis zum Jahresende rechnet Goldman Sachs nun mit einem Rückgang bis auf 1450 Dollar je Feinunze. Ende Februar waren es noch 1600 Dollar und davor 1.810 Dollar. "Trotz der anhaltenden Risiken in der Eurozone und zuletzt schwächeren US-Daten hat der Goldpreis auf diese Entwicklungen kaum reagiert", heißt es von den Analysten weiter. "Da unsere Ökonomen nur mit geringen Auswirkungen der Zypern-Krise rechnen und es trotz der zuletzt schwachen US-Daten weiter zu einer deutlicheren Konjunkturerholung im zweiten Halbjahr 2013 kommen sollte, erachten wir einen stärkeren Anstieg des Goldpreises als eher unwahrscheinlich".

Bis zum Jahresende 2014 rechnen die Experten sogar mit einem Rückgang des Goldpreises bis auf 1270 Dollar je Feinunze. Die Societe Generale geht für 2013 von einem Durchschnittspreis von 1500 Dollar je Feinunze Gold aus. Bis zum Jahresende sehen die Experten das Gold bei 1375 Dollar.

Einig sind sich Analysten, dass ein steigender Aktienmarkt den Goldpreis weiter unter Druck setzen wird. Der neuerliche Wertverlust unterstreiche das aktuell geringe Interesse der Anleger am Goldmarkt, sagt UBS-Analyst Joni Teves. Die Zypernkrise klinge ab und die bessere Stimmung des Marktes sei an steigenden Aktienkursen und geringeren Risikoprämien für Staatsanleihen der Euro-Krisenstaaten ablesb

Quelle: ntv.de, ddi/DJ