Wirtschaft
Mittwoch, 12. Mai 2010

Inside Wall Street: "Fat Finger" oder "Perfect Storm"?

Lars Halter, New York

Seit Tagen wird gerätselt, wer oder was den Tagescrash an den US-Börsen ausgelöst hat. Weil eine Fehlerquelle nach der nächsten ausfällt, soll der Markt nun wirksamere Bremsen bekommen.

(Foto: REUTERS)

Fast eine Woche ist es her, dass der Dow-Jones-Index an einem sonnigen Nachmittag plötzlich um rund 1000 Punkte abstürzte, um gleich danach 700 Punkte wieder gut zu machen. Die Tage seither waren turbulent. Die Chefs der wichtigsten Börsen und Behörden beraten über die Ursachen – und können sie nicht finden. Nach wie vor ist nicht erklärt, was das Börsenbeben verursacht hat.

Nur eine Theorie wird immer wieder bestätigt: Der "fat finger" war er nicht. Will heißen: Entgegen erster Spekulationen ist nicht etwa ein Trader inmitten des hektischen Parketttreibens auf seiner Tastatur ausgerutscht. Einen einfachen Tippfehler – etwa den Verkauf von 100 Milliarden statt 100 Millionen Aktien – soll es nach gründlicher Untersuchung des Handels vom Donnerstagnachmittag nicht gegeben haben. Das war zunächst vermutet worden, und dazu dass Anleger den aus einem Tippfehler resultierenden Kurssturz der Griechenland-Krise angelastet und folglich weiter verkauft hätten.

Nun, das alles soll nicht passiert sein. Auch eine ungewöhnliche Verkaufsorder bei Procter & Gamble soll nicht stattgefunden haben. Einen Angriff von Hackern oder gar Cyber-Terroristen schließt man mittlerweile auch aus.

Ausschlussprinzip

Unklar ist hingegen, was denn passiert ist. Mary Shapiro, die Chefin der Börsenaufsicht SEC glaubt, dass "nicht ein einzelnes Ereignis" hinter dem Beinahe-Crash steckte, sondern eine unglückliche Fügung mehrerer Umstände. Das haben in den letzten Tagen mehrere Experten gesagt, für die meisten heißt das "the perfect storm". Das Problem dabei: Diese Formulierung hat in den letzten Jahren für derart viele ungewöhnliche Kursbewegungen herhalten müssen, dass das keiner mehr ernst nehmen kann. TV-Komiker John Stewart meint etwa: "Der ,perfect storm´ ist ein ganz normaler Sturm, aber wir haben ein beschissenes Boot."

Zumindest da stimmen die Experten zu. Das Regelwerk an den US-Börsen scheint selbst den Regulierungsgegnern nicht angemessen sicher zu sein. Lawrence Leibowitz – Vize-Chef der New York Stock Exchange und interessanterweise der Bruder des Komikers Stewart – regt neue Vorschriften an, nach denen die Behörden den Handel auch bei Kursstürzen von weniger als 10 Prozent aussetzen können. Bisher muss der Markt zweistellig einbrechen, um das Parkett für eine Abkühlphase von einer Stunde lahmzulegen.

Auch der republikanische Abgeordnete Spencer Bachus aus Alabama will den Markt verlangsamen. "Wenn unsere Kinder sich nicht benehmen, sagen wir ihnen, sie sollen sich beruhigen", so Bachus – und beruhigen müsse sich auch der Markt, wenn es zu hektisch wird. So sollen Unterbrecher eingebaut werden, die vor allem den rasanten Handel mit elektronischen Systemen verlangsamen und damit in bestimmten Fällen unerwünschte Kettenreaktionen verhindern sollen.

Computer an die Leine

Die Demokraten gehen einen Schritt weiter und wollen den rasanten elektronischen Handel besteuern und damit die Zahl der Transaktionen einschränken.

Welche Regulierungen letztlich durchsetzbar sind, wird sich – wie in Washington üblich – wohl erst in mehreren Monaten zeigen. Völlig klar ist aber bereits, dass die Börse neue Regeln braucht. Doch kritische Beobachter wissen das nicht erst seit letzter Woche.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de