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Anshu Jain "Regenmacher" aus Indien

Cricket-Spieler brauchen einen langen Atem. Die Matches dauern im Extremfall mehrere Tage. Anshu Jain kennt das - der Top-Investmentbanker und neue Co-Chef der Deutschen Bank spielt leidenschaftlich gerne Cricket. Einen langen Atem beweist der Inder auch im Job.

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Anshu Jain

(Foto: REUTERS)

Seit vielen Jahren schon gilt Anshu Jain als Kronprinz für Vorstandschef Josef Ackermann. 2009 kam der Investmentbanker überraschend nicht zum Zuge, aber nun scheint sein größter Karriereschritt zu klappen. Zumindest teilweise: Denn Jain soll - voraussichtlich mit Deutschland-Chef Jürgen Fitschen - ein Partner zur Seite gestellt werden.

Dabei hätte Jains größtes Manko den Weg an die Konzernspitze fast verhindert. Der in London lebende und arbeitende Banker spricht kaum Deutsch, und ihm fehlen die Drähte ins politische Berlin. Er hat sich hierzulande in den vergangenen Jahren rar gemacht. Dass Jain wie Ackermann in nächtlichen Sitzungen Seite an Seite mit der Bundesregierung über Bankenrettungen verhandeln kann, ist schwer vorstellbar. Doch der Chef des größten deutschen Geldhauses ist nun einmal qua Amt der Repräsentant der deutschen Finanzbranche. "Jain kann man sich in der Rolle nur schwer vorstellen", sagt ein Insider. Daher gehe es nicht ohne Partner, der die Außendarstellung der Bank übernehme.

In London zu Hause

Jains Talent für Analysen und den richtigen Zusammenbau von Finanzprodukten zollen Kenner seit Jahren Respekt. Der studierte Ökonom, so heißt es, habe eine natürliche Gabe fürs Geschäft. Dennoch hat er vor allem in Deutschland nicht nur Unterstützer. Kritiker warfen ihm Mitte des vergangenen Jahrzehnts vor, der massive Ausbau des Investmentbankings verdränge zunehmend das klassische, heimische Geschäft der Kreditvergabe an die Industrie. Mit der "Arroganz eines Hochbegabten" habe er Gräben zwischen London und Frankfurt ausgehoben.

Jain ist auch die hiesige Kultur fremd. Das zeigt der 100-prozentige Investmentbanker bei jedem seiner seltenen öffentlichen Auftritte in Deutschland. So fragte ihn ein Journalist nach einer Bankenkonferenz in Frankfurt einmal: "Sprechen Sie Deutsch?" Jain lächelt verlegen und antwortet entlarvend: "I'm not going to go there." Auf Deutsch: "Darauf lasse ich mich nicht ein." Dann eilt er davon und reagiert auf keine weiteren Journalistenfragen.

Was für ein Kontrast zu seinem Image im angelsächsischen Raum und in der Investorengemeinde. Das Fachmagazin "Financial News" kürte den Analytiker Mitte 2010 zur einflussreichsten Persönlichkeit der europäischen Finanzindustrie. Zusammen mit seinem Team von Händlern und Investmentbankern - in der Branche "Anshus Armee" genannt - erwirtschaftet er von London aus mehr als 80 Prozent der Gewinne des größten deutschen Geldhauses. Sie bewegen jeden Tag Milliardensummen an den Aktien-, Anleihe-, Devisen- und Rohstoffmärkten. Das Magazin "The Economist" bezeichnete Jain einmal als "indischen Bond-Junkie", bankintern gilt der verheiratete Vater zweier Kinder schlicht als "Regenmacher".

Trotz Milliardenverlusten in der Finanzkrise hat Jain das Investmentbanking vergleichsweise gut durch die Krise gebracht - Staatshilfen brauchte die Bank nicht. Allerdings sind heute noch einige Klagen aus der Zeit der Krise anhängig, die die Bank teuer zu stehen kommen können - vor allem in den USA, dem Mutterland des Investmentbankings.

Cricket als Leidenschaft

Der deutschen Öffentlichkeit ist das Kapitalmarktgeschäft eher suspekt. Jain und Konsorten werden hierzulande immer wieder als Kasino-Banker oder Spekulanten bezeichnet, die an den Märkten mit Kundengeldern zocken. Wenn man Jain live erlebt, bekommt man einen anderen Eindruck: Der Einkommens-Multimillionär mit seinen jungenhaften Zügen wirkt bescheiden und bodenständig, seine Unterlagen transportiert er gerne im Rucksack. Neben Cricket ist seine Leidenschaft die Tierfotografie. Mit teuren Autos durch die Gegend zu rasen, ist nicht sein Ding. Dabei verdiente er 2010 einschließlich aller Boni rund zwölf Mio. Euro - drei Mio. Euro mehr als Ackermann.

Über Jains Herkunft ist wenig bekannt. Geboren wurde er 1963 im nördlichen indischen Bundesstaat Rajasthan, sein Vater gehört der Religion des Jainismus an, die sich unter anderem Gewaltlosigkeit auf die Fahnen geschrieben hat. In der Hauptstadt Neu-Delhi besuchte er eine Privatschule, bevor er an der Universität Delhi Volkswirtschaft studierte und später in den USA seinen Master in Finanzen machte.

Jain arbeitete zunächst als Börsenmakler. Sein größter beruflicher Mentor war Edson Mitchell, mit dem er 1995 von Merrill Lynch zur Deutschen Bank wechselte. Als dieser Ende 2000 bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, rückte Jain in die Top-Riege der damals von Ackermann geführten Investmentbank-Sparte auf. Kurze Zeit später gehörte er dem erweiterten Vorstand an. Dabei sammelte er Erfahrungen mit einer Doppelspitze. Denn er verantwortete das Investmentbanking lange zusammen mit Michael Cohrs, der allerdings vor einem Jahr den Hut nahm. Damit rückte Jain zum Alleinherrscher über die wichtigste Sparte des Geldhauses mit 16.000 Mitarbeitern auf. Sein langer Atem hat sich also schon einmal ausgezahlt. Insider rechnen damit, dass der ehrgeizige Banker in ein paar Jahren alleine an der Spitze der Bank stehen wird - Deutsch soll er bereits lernen.

Quelle: n-tv.de, rts

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23.04.09