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Monsterwelle rekonstruiert480-Meter-Tsunami in bei Touristen beliebtem Alaska-Fjord

07.05.2026, 17:54 Uhr
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Ein Erdrutsch in Alaska löst eine gigantische Flutwelle aus, die fast 500 Meter hoch schwappt. Forscher machen den Klimawandel für solche Naturextreme verantwortlich. Der Anstieg des Tourismus in polaren Regionen könnte das Risiko für Menschen erhöhen.

Für ein Kreuzfahrtschiff auf Gletschertour wäre es der Albtraum schlechthin: Nach einem gewaltigen Erdrutsch in einem Fjord von Alaska spült eine Flutwelle am gegenüberliegenden Hang fast 500 Meter hoch. Der nachfolgende Tsunami entlang des stark gewundenen Fjords rasiert noch in neun Kilometern Entfernung eine bewaldete Insel nahezu kahl. Todesfälle gibt es nicht, obwohl der Tracy Arm Fjord in Süd-Alaska im Sommer mehrmals täglich von Kreuzfahrtschiffen angesteuert wird. 

Ein internationales Forschungsteam rekonstruiert den spektakulären Vorfall, der sich im vergangenen August zutrug, im Fachjournal "Science". Solche Ereignisse würden in der Arktis mit dem Klimawandel und dem Rückzug der Gletscher häufiger, mahnen die Wissenschaftler.

Durch Erdrutsche verursachte Tsunamis könnten in Fjorden extrem hohe Flutwellen hervorrufen, schreibt die Gruppe um Dan Shugar von der kanadischen University of Calgary. Seit 1925 seien 27 Ereignisse registriert worden, bei denen die Flutwelle auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht mindestens 50 Meter hoch geschwappt sei. Berühmt ist insbesondere der Tsunami von 1958 in Lituya Bay in Süd-Alaska, wo die Welle gegenüber der Gerölllawine über einen 530 Meter hohen Kamm schwappte.

64 Millionen Kubikmeter Gestein stürzen ab

Nur wenig niedriger war die nun untersuchte Welle am hinteren Ende des Tracy Arm Fjords, der an den South Sawyer Glacier grenzt. Am Morgen des 10. August 2025 um 05.26 Uhr donnerten bei dem Erdrutsch mindestens 64 Millionen Kubikmeter Gestein aus bis zu 1000 Metern Höhe in den Fjord, wie das Team berechnet. Sie ließen auf der gegenüber liegenden Seite eine Welle bis zu 481 Metern die Wände hoch schwappen.

Danach raste eine anfangs rund 100 Meter hohe Welle mit etwa 70 Metern pro Sekunde - das entspricht gut 250 Kilometern pro Stunde - durch den etwa 50 Kilometer langen und 1,3 Kilometer breiten, von steilen Wänden flankierten Fjord. Auf der neun Kilometer entfernten bewaldeten Insel Sawyer Island rasierte dieser Tsunami den Großteil der Bäume ab.

Auf der 55 Kilometer entfernten Insel Harbor Island lagerte an jenem Morgen eine Kajak-Gruppe, die mit dem Schrecken davonkam: Die immer noch sieben Meter hohe Welle riss ein Kajak und große Teile der Ausrüstung mit sich. In der Stadt Juneau, per Wasser etwa 130 Kilometer entfernt und weit jenseits des Fjords gelegen, stieg der Wasserpegel eine Stunde nach dem Erdrutsch um 40 Zentimeter.

Erderwärmung als Ursache vermutet

Für den Erdrutsch macht das Forschungsteam vor allem die Erderwärmung verantwortlich. Der Rückzug von Gletschern und das Auftauen von Permafrostzonen destabilisiere Hänge und erhöhe in der gesamten Arktis das Risiko für Erdrutsche deutlich. Auch am Ende des Tracy Arm Fjords habe sich der South Sawyer Gletscher in den vergangenen Jahrzehnten kilometerweit zurückgezogen und sei stark ausgedünnt.

Gleichzeitig steige der Tourismus in solchen Regionen deutlich, sowohl durch Freizeit-Outdoor-Aktivitäten als auch durch Kreuzfahrtschiffe. In Alaska sei die Zahl der Kreuzfahrtschiff-Passagiere von einer Million im Jahr 2016 auf 1,6 Millionen im Jahr 2025 gestiegen. "Obwohl der Tracy Arm-Tsunami keine Todesfälle verursacht hat, unterstreicht der Vorfall die Gefahren von Erdrutschen in vielbefahrenen Küstenzonen in polaren und subpolaren Regionen", schreibt die Gruppe. Touristen in solchen Gebieten würden dadurch zunehmend gefährdet.

Das Ereignis weckt Erinnerungen an einen Tsunami im Juni 2017 im Karrat Fjord im Westen von Grönland: Diese Welle war ausgelöst worden durch ein Erdbeben und einen darauffolgenden Erdrutsch von 50 Millionen Kubikmetern Gestein. Die Welle erreichte die etwa 30 Kilometer entfernte Siedlung Nuugaatsiaq und tötete dort vier Menschen.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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