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Folge des Klimawandels? Anzahl der Fischparasiten schwindet stark

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2 von knapp 700 konservierten Fischproben, die auf Parasiten untersucht wurden.

(Foto: Katherine Maslenikov/UW Burke Museum)

Parasiten haben keinen guten Ruf, erfüllen aber wichtige ökologische Funktionen. Dass ihre Vielfalt bedroht ist, ahnte man bereits. Nun zeigt eine erste Bestandsaufnahme einen erschreckenden Trend.

Säugetiere, Vögel, Amphibien, Insekten: Für viele Tiergruppen belegen Studien einen deutlichen Rückgang der Bestände. Nun deutet eine Untersuchung darauf hin, dass auch bestimmte Parasiten ziemlich anfällig für Veränderungen der Umwelt sind. Demnach sinkt im Nordost-Pazifik die Zahl jener Fischparasiten, die von mindestens drei Wirtsspezies abhängen, sehr stark. Als Ursache hinter dem Trend vermutet das Team um Chelsea Wood von der University of Washington in Seattle direkte oder indirekte Folgen des Klimawandels. In den "Proceedings" der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften ("PNAS") fordern sie, Parasiten gezielt zu schützen.

"Obwohl Parasiten die Gesundheit negativ beeinflussen können, leisten sie auch essenzielle ökologische Funktionen für Lebensgemeinschaften und Ökosysteme, indem sie die Bestände von Wirten regulieren, die andernfalls überhandnehmen würden, den Fluss von Biomasse regulieren und die Verbindung zwischen Nahrungsnetzwerken verstärken", schreibt das Team.

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Diese monogenen Würmer (Microcotyle sebastis) wurden aus den Kiemen eines konservierten Felsenfischs seziert.

(Foto: Katie Leslie/University of Washington)

" Leute denken allgemein, dass der Klimawandel zur Ausbreitung von Parasiten führt und dass wir in einer wärmeren Welt mehr Plagen von Parasiten sehen werden", wird Wood in einer Mitteilung ihrer Universität zitiert. "Das mag für manche Arten stimmen, aber Parasiten hängen von Wirten ab, und das macht sie in einer sich verändernden Welt, in der das Schicksal der Wirte umgekrempelt wird, besonders anfällig."

In der Studie untersuchte Woods Team nach eigenen Angaben erstmals empirisch die Entwicklung von Parasiten in einem bestimmten Areal des Pazifiks. Dazu sezierten die Forschenden in Sammlungen von US-Museen in Flüssigkeit konservierte Fische, die aus dem Puget Sound stammten. Das ist eine Meeresbucht, die bei Seattle im Nordwesten des Bundesstaates Washington liegt. Insgesamt untersuchten sie knapp 700 Fische, die im Zeitraum von 1880 bis 2019 gefangen wurden - die meisten davon gehörten acht Arten an.

"Deutlicher Rückgang"

Dabei stießen sie auf mehr als 17.700 mehrzellige Parasiten aus 85 Gruppen. Dazu zählten etwa Gliederfüßer wie kleine Krebstierchen oder sogenannte Hakensaugwürmer. In der Folge konzentrierte sich die Gruppe auf jene Parasiten-Gruppen, die bei mindestens fünf Prozent der untersuchten Individuen einer Fischart auftauchten.

Von diesen Gruppen absolvierten 20 ihren Lebenszyklus - etwa vom Ei über das Larvenstadium bis zum adulten Tier - in nur einer Wirtsart, 21 weitere brauchten dafür zwei verschiedene Wirte. Die übrigen 44 Gruppen brauchten für ihre Entwicklung mindestens drei verschiedene Wirte.

Als die Forschenden die Zahl dieser Gruppen mit dem jeweiligen Fangdatum der Fische abglich, fiel eine Entwicklung auf: Parasiten, die auf einen oder zwei Wirte angewiesen waren, blieben über die Jahre gleichmäßig verteilt. Doch jene, die von drei oder mehr Wirten abhängig waren, schwanden pro Jahrzehnt um durchschnittlich etwa 11 Prozent. "Das ist ein deutlicher Rückgang", sagt Wood. Hinzu kam: Auch neun der zehn Arten, die nach dem Jahr 1980 gar nicht mehr auftauchten, waren von mindestens drei Wirten abhängig.

Komplexer Lebenszyklus

Diese Abhängigkeit von mehreren Wirten - das müssen nicht nur Fische sein - sorgt für einen komplexen Lebenszyklus, der die Parasiten besonders empfindlich macht: Fällt nur ein Wirt aus, wird die gesamte Entwicklung unterbrochen. "In Puget Sound gibt es viele Schwachstellen für Parasiten mit einem komplexen Lebenszyklus", schreibt das Team. "Langzeit-Rückgänge sind dokumentiert für nahe am Meeresboden lebende Wirbellose, Meeresvögel, Lachse und andere Fische sowie für manche Meeressäuger."

Im nächsten Schritt prüfte das Team mögliche Ursachen des Parasiten-Schwunds: Veränderungen der Fischbestände, Wasserverschmutzung und Klimawandel. Am ehesten ließ sich die Entwicklung mit der Wassertemperatur erklären - die war im Puget Sound von 1950 bis 2005 um etwa 1 Grad Celsius gestiegen. Zusätzlich beteiligt sein könnten noch andere Faktoren, die indirekt mit dem Klimawandel zusammenhängen, etwa Sauerstoffmangel, Algenblüten oder die Versauerung der Meere durch die Aufnahme von CO2 im Meer. Pro Grad Celsius beziffern die Forschenden den Rückgang von Parasiten mit komplexem Lebenszyklus auf 38 Prozent.

Mit rund 11 Prozent pro Jahrzehnt übersteige der Parasiten-Schwund deutlich die Rückgänge von nordamerikanischen Vögeln (6,3 Prozent), von Landwirbeltieren weltweit (6,9 Prozent) und von Insekten (8,8 Prozent), schreibt das Team. Unklar sei jedoch, ob die Entwicklung im Puget Sound repräsentativ sei. "Wenn das unbemerkt in einem so gut untersuchten Ökosystem wie Puget Sound passieren kann, dann könnte es auch anderswo geschehen", sagt Wood.

Quelle: ntv.de, Walter Willems, dpa

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