Wissen

"Wunderwaffe" Horten Ho 229Der Nurflügler der Nazis blieb ein Experiment

02.02.2026, 11:51 Uhr
imageVon Gernot Kramper
00:00 / 05:40
German-Horten-Fighter-Aircraft-Two-flying-wings-German-jet-fighter-aircraft-Horten-Ho-229-from-World-War-2
Künstlerische Darstellung zweier Horten Ho 229 über den Wolken. (Foto: IMAGO/Dreamstime)

Sie ist eins der spektakulärsten Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs – dabei kommt sie nie zum Einsatz. Die Horten Ho 229 verbindet Düsenantrieb mit dem radikalen Nurflügler-Design. Doch zwischen visionären Ideen, technischen Grenzen und der Kriegsrealität bleibt das Projekt stecken.

Die Horten Ho 229 ist eines der spektakulärsten Flugzeuge des Zweiten Weltkriegs, obwohl sie nie zum Einsatz kam. Die vermeintliche "Wunderwaffe" des NS-Regimes vereinte zwei für die damalige Zeit revolutionäre Neuerungen: Sie wurde nicht von einem Propeller angetrieben, sondern von zwei Düsentriebwerken, ähnlich wie der erste Düsenjäger der Welt, die deutsche Messerschmitt Me 262. Zusätzlich hatte die Horten eine besondere Form: Sie war ein sogenannter Nurflügler ohne separaten Rumpf.

Die Idee, auf den Rumpf zu verzichten, war fast so alt wie die Luftfahrt selbst. Der deutsche Luft- und Raumfahrtingenieur Hugo Junkers hatte sie bereits 1910 patentiert. Seine Überlegung war einfach: Nur die Flügel sorgten für den notwendigen Auftrieb in der Luft; Rumpf und Seitenruder waren gewissermaßen "Ballast". Würde man ein Flugzeug bauen, das nur aus Flügeln besteht, müsste es überlegene Flugeigenschaften besitzen. In der Praxis ließ sich Junkers' Idee jedoch nicht umsetzen. Ohne Leitwerk und Rumpf war ein Flugzeug kaum zu kontrollieren. Bei einem Strömungsabriss unter den Flügeln drohte es abzustürzen.

In den 1920er Jahren knüpften Walter und Reimar Horten an diese Pläne an. Der Friedensvertrag nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg verbot Deutschland eine eigene Luftwaffe, doch Segelflugvereine blühten auf. Dort begannen die Brüder, ihren ersten Nurflügler zu entwickeln. Als sie starteten, waren sie noch Kinder, doch die Schwierigkeiten des Projekts schreckten die Enthusiasten nicht ab. 1932 hob ihr selbstgebautes Flugzeug erstmals vom Boden ab.

Der Durchbruch kam 1943. Zwei Jahre zuvor hatte die Messerschmitt Me 262 mit ihren Düsentriebwerken den ersten Flug absolviert. Sie war als Jagdflugzeug entwickelt worden, doch Adolf Hitler verlangte einen Jagdbomber, der so schnell war, dass feindliche Maschinen ihn nicht einholen konnten. Daher wurde die Me 262 zu einem improvisierten Bombenflugzeug umgebaut. Gleichzeitig forderte der Chef der Luftwaffe, Hermann Göring, einen reinen Kampfbomber. Dieser sollte eine Bombenlast von einer Tonne über 1000 Kilometer transportieren und eine Geschwindigkeit von 1000 Kilometern pro Stunde erreichen. Die Höchstgeschwindigkeit der Me 262 lag jedoch bei 870 Kilometern pro Stunde.

Anzeige
Horten Ho 229: Der legendäre Nurflügel
45
34,90 €

Mit einem konventionellen Design waren diese Anforderungen nicht erfüllbar. Hier kamen die Horten-Brüder ins Spiel. Sie sollten den Langstreckenbomber Ho 229 entwickeln und griffen dabei auf Ideen des unkonventionellen Flugzeugkonstrukteurs Alexander Lippisch zurück, der das Raketenflugzeug Me 163 entwickelt hatte und später in den 1960er Jahren Ekranoplane – sogenannte Bodenflugzeuge – konzipierte.

Die Horten-Brüder verwendeten langgestreckte Flügel und verzichteten auf den konventionellen elliptischen Querschnitt. Stattdessen setzten sie auf einen glockenförmigen Flügel, der die Stabilitätsprobleme des Nurflüglers deutlich reduzierte. Der erste Prototyp, ein Segelflugzeug ohne Triebwerke, absolvierte am 1. März 1944 einen Testflug. Der zweite Prototyp mit einem Triebwerk startete am 2. Februar 1945 zum offiziellen Erstflug. Die vorgesehenen Jumo-004-Triebwerke waren unzuverlässig und wartungsintensiv, was die Serienproduktion zusätzlich erschwerte. Bei einem weiteren Versuchsflug am 18. Februar stürzte die Maschine ab, wobei der Testpilot ums Leben kam. Der dritte Prototyp, die Ho 229 V3, hob nie ab.

Dass eine Serienproduktion die Vorzüge des Konzepts in der Praxis hätte umsetzen können, ist unwahrscheinlich. Es fehlten etwa geeignete Triebwerke. Die eigentliche Leistung der Horten-Brüder liegt nicht in den Superlativen, mit denen ihr Flugzeug hätte glänzen können, sondern in ihrer Fähigkeit, die aerodynamischen Probleme des Nurflüglers mit den damaligen Mitteln zu meistern. Russ Lee vom Smithsonian Air and Space sagte in einer BBC-Dokumentation: "Um eines dieser Dinger zum Fliegen zu bringen, musste man den Flügel die ganze Arbeit machen lassen, und am Ende hatte man ein Flugzeug, das sich genauso gut verhielt wie ein konventionelles Flugzeug mit Leitwerk."

Anzeige
Geheimprojekte der Luftwaffe: 1939 - 1945
16
29,90 €

Das Ende des Dritten Reiches beendete die Entwicklung. Den US-Amerikanern fielen die Prototypen in Thüringen in die Hände. Die Horten-Brüder wurden zum Verhör nach London gebracht. Der V3-Prototyp gelangte nach Amerika, wo man Rußspuren fand, die darauf hindeuteten, dass die Triebwerke gestartet worden waren. Ein Beweis, dass die Maschine abhob, fehlt jedoch.

In den letzten Jahrzehnten wurde das Konzept des Nurflüglers wieder hochaktuell. Der Verzicht auf Rumpf und Seitenruder erhöht nicht nur den Auftrieb, sondern verringert auch den Radarschatten. Flugzeuge wie die US-amerikanische B-2 Spirit, die B-21 Raider oder die Northrop YB-49 sowie die russische Suchoi S-70 griffen das Konzept auf. Auch Chinas Kampfjets der sechsten Generation sind allesamt Nurflügler.

Dieser Text erschien in einer längeren Version zuerst bei stern.de.

Quelle: ntv.de

MilitärFlugzeugeZweiter Weltkrieg