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Das Gehirn des großen Physikers, als es noch ganz war. Kurze Zeit später zerteilte es Thomas Harvey in 240 Würfel.
Das Gehirn des großen Physikers, als es noch ganz war. Kurze Zeit später zerteilte es Thomas Harvey in 240 Würfel.(Foto: National Museum of Health and Medicine, Chicago)
Samstag, 18. April 2015

Gestohlen, zerlegt, verteilt : Die Odyssee von Einsteins Gehirn

Albert Einstein, der wohl berühmteste Wissenschaftler überhaupt, stirbt am 18. April 1955 in Princeton. Eine Grabstätte gibt es nicht. Wie Einstein es wollte, wird sein Leichnam verbrannt und die Asche verstreut. Das Gehirn des Genies jedoch hat zuvor ein Arzt gestohlen.

Schon zu Lebzeiten war Albert Einstein ein Star. Er revolutionierte die Physik und unser Verständnis von Raum und Zeit. Gerade mal 26 Jahre alt, veröffentlichte er seine bahnbrechendsten Werke. Bis heute gehören die spezielle und die 1915 vorgestellte allgemeine Relativitätstheorie zu den Grundpfeilern der modernen Physik. Nach seinem Tod wurde der Nobelpreisträger zur Pop-Ikone – nicht zuletzt wegen seiner pazifistischen Einstellung und seiner Bemühungen um den Weltfrieden.

Albert Einstein im Alter von 70 Jahren. Wieso war er ein solches Genie? Der Pathologe Thomas Harvey hoffte, im Gehirn Einsteins auf diese Frage eine Antwort zu finden.
Albert Einstein im Alter von 70 Jahren. Wieso war er ein solches Genie? Der Pathologe Thomas Harvey hoffte, im Gehirn Einsteins auf diese Frage eine Antwort zu finden.(Foto: imago stock&people)

Es war der 18. April 1955, als Einstein starb. Im Alter von 76 Jahren erlag er in einem Krankenhaus in Princeton, USA, inneren Blutungen. Ein Aneurysma, das ihm schon lange buchstäblich Bauchschmerzen bereitet hatte, war gerissen. Eine Grabstätte sollte es für den berühmten Physiker nicht geben. Wie Einstein es wollte, wurde sein Leichnam verbrannt und die Asche an einem unbekannten Ort verstreut. Die Augen und das Gehirn des Genies aber gingen andere Wege: Sie wurden gestohlen.

Einsteins Augen liegen im Safe in NYC

Thomas Harvey, der Pathologe, der unmittelbar nach Einsteins Tod durch eine Obduktion feststellte, woran dieser gestorben war, entschied eigenmächtig, das Gehirn des hochintelligenten Mannes zu behalten. Er sägte Einsteins Schädel auf und entnahm ihm den Denkapparat. Auch Einsteins Augen raubte der Mediziner. Die gab er Henry Abrams, dem Augenarzt des Wissenschaftlers. Bis heute liegen die Augen von Albert Einstein in einem Safe in New York City.

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Mit Einsteins Gehirn dagegen hatte Harvey noch etwas vor. Was, das erzählte er dessen Sohn, nachdem der Organraub ein paar Tage später aufgeflogen war. Harvey rang Hans Albert Einstein die Erlaubnis ab, das Gehirn des legendären Physikers wissenschaftlich untersuchen zu dürfen. Verriet es etwas darüber, wie man ein Genie wurde? Diese Frage wollte Harvey beantworten. Seine Ergebnisse sollten in renommierten Fachzeitschriften erscheinen.

200 Würfel in zwei Einmachgläsern

Harvey hatte nun also Einsteins Hirn, seinen Job aber war er los. Fortan musste sich der Pathologe als Fabrikarbeiter durchschlagen. Dass er das Rätsel um die Besonderheiten des einsteinschen Denkapparates jemals selbst würde lösen können, war ein von vornherein zum Scheitern verurteiltes Projekt. Harvey war kein Hirnspezialist. Er musste Experten finden, die ihm diese Aufgabe abnahmen. Um Einsteins Gehirn in wissenschaftlichen Kreisen großzügig an den Mann bringen zu können, zerteilte er es sorgfältig. Er schnitt es in rund 240 kleine Würfel, ein jeder etwa einen Kubikzentimeter groß. Ungefähr ein Sechstel des Gehirns schenkte er Einsteins Hausarzt, Harry Zimmerman. Den Rest füllte Harvey in zwei mit Formalin gefüllte Einmachgläser. Die stellte er in seinem Haus in Princeton in den Keller.

Tatsächlich versuchte Harvey dann und wann, Hirnforscher für den Inhalt der Einmachgläser zu interessieren. Ohne Erfolg. Im Wesentlichen war er mit Anfragen von Reportern beschäftigt, unter denen sich der ungewöhnliche Organklau herumgesprochen hatte. Immer wieder erklärte Harvey, dass er in ein bis zwei Jahren seine Untersuchungsergebnisse veröffentlichen werde – eine Aussage, die er 40 Jahre lang wiederholte.

Außergewöhnlicher Mann, unspektakuläre Anatomie

Nun Teil einer Ausstellung: kleine, dünne Scheibchen von Einsteins Gehirn auf Objektträgern.
Nun Teil einer Ausstellung: kleine, dünne Scheibchen von Einsteins Gehirn auf Objektträgern.(Foto: REUTERS)

In diesen vier Jahrzehnten ging Einsteins Gehirn einige Male auf Reisen. Als Harvey bei seiner Frau auszog und Princeton verließ, vergaß er das wertvolle Organ. Erst als ihn seine Frau darauf aufmerksam machte und damit drohte, es zu entsorgen, holte Harvey das zerkleinerte Gehirn zu sich nach Kansas. In einer Cidre-Kiste verstaute er die Einmachgläser. Die Kiste stopfte er unter einen Bierkühler.

Dann, 1985, fand Harvey endlich eine Forscherin, die Einsteins Gehirn unter die Lupe nahm: Marian Diamond von der University of California in Berkeley. Die Ergebnisse, mit denen Diamond bald darauf aufwartete, waren jedoch alles andere als spektakulär. Ihre Studie stieß methodisch und inhaltlich auf Kritik. Wäre es nicht ausgerechnet das Gehirn des weltberühmten Physikers gewesen, das sie beschrieb, hätte wohl kaum jemand von ihren Resultaten Notiz genommen.

1990 zog Harvey zurück nach Princeton, 1996 fand er nochmals eine Forscherin, die Interesse hatte am einsteinschen Denkapparat. Es war die kanadische Neuroforscherin Sandra Witelson. Sie bekam 50 Gewebewürfel von dem Organ, also etwa ein Fünftel seiner ursprünglichen Masse, und veröffentliche bald darauf neue, wenig stichhaltige Theorien über die in den Augen einiger Forscher gar nicht so besondere Anatomie des genialen Physiker-Gehirns.

Brocken in der Tupperschüssel

Eine App des National Museum of Health and Medicine, Chicago, erlaubt es Hobbyforschern, Teile von Einsteins Hirn wie bei einem Blick durchs Mikroskop zu untersuchen.
Eine App des National Museum of Health and Medicine, Chicago, erlaubt es Hobbyforschern, Teile von Einsteins Hirn wie bei einem Blick durchs Mikroskop zu untersuchen.(Foto: Marketwire)

1997, Harvey war inzwischen 84 Jahre alt, entschied er sich, Einsteins Enkelin Evelyn in Kalifornien zu besuchen. Mit dem Auto durchquerte er die USA. Vorne saß sein Fahrer, der Journalist Michael Paterniti. Hinten im Kofferraum fuhren Einsteins eingelegte Gehirnstückchen mit – in einer Tupperschüssel. Harvey wollte sie Einsteins Enkelin zeigen, er spielte sogar mit dem Gedanken, sie ihr zu überlassen. Aber: Der Inhalt der Schüssel erinnerte die Frau an dickflüssige Hühnersuppe. Sie lehnte ab.

So landete das Denkorgan des angesehenen Physikers nach 42 Jahren endlich wieder in der Pathologie in Princeton - bei Harveys Nachfolger. Thomas Harvey starb zehn Jahre später, 2007. Im Jahr 2010 übergaben seine Erben alles, was von Einsteins Hirn noch übrig war, dem National Museum of Health and Medicine in Chicago. Auch 14 Fotos vom intakten, noch nicht zerlegten Hirn, das außer Harvey niemand zu sehen bekommen hatte, befanden sich in dessen Fundus und gingen an das Museum über. Später erwarb auch das Mütter Museum in Philadelphia einige Portionen von Einsteins Hirn - in Scheibchen geschnitten und auf Objektträger gezogen. Die sind seit 2013 in der dortigen Dauerausstellung zu sehen.

Als App: Scheibchenbilder von Einsteins Gehirn

Die Fotos vom kompletten Hirn des großen Wissenschaftlers animierte die Forschung abermals dazu, die Besonderheiten der einsteinschen Schaltzentrale zu bestimmen und so womöglich den Ursprung seiner Genialität zu entdecken. 2012 und 2013 wurden dazu neue Ergebnisse in der Fachzeitschrift "Brain" veröffentlicht. Selbst im App Store sind Bilder von Einsteins Gehirnteilchen mittlerweile zu haben.

Das also war das bewegte Schicksal des einsteinschen Denkorgans. Die so unglaubliche wie wahre Geschichte wurde bereits mehrfach zu Papier gebracht: Carolyn Abraham beschrieb sie in "Possessing Genius: The Bizarre Odyssey of Einstein's Brain"; Brian Burrell hielt sie in "Postcards from the Brain Museum" fest und auch Michael Paterniti, der Thomas Harvey und Einsteins Gehirn von Princeton nach Kalifornien chauffiert hatte, schildert seine unvergessliche Reise in einem Buch: "Driving Mr. Albert. A Trip Across America with Einstein’s Brain" ist 2001 bei Rowohlt auf Deutsch erschienen: "Unterwegs mit Mr. Einstein".

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Quelle: n-tv.de