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Ein Buch durch die Nacht Du bist, was du schläfst

Langschläfer aufgepasst: Ein Buch liefert Argumente dafür, den Wecker zu ignorieren. Für erotische Träume sollte man allerdings besser wach bleiben.

Wer dieses Buch gelesen hat, könnte hinterher klüger sein – wer bei der Lektüre einschläft, allerdings auch. In "Du bist, was du schläfst" (Piper Verlag) erklärt Tobias Hürter, warum wir schlafen, und was dabei mit uns geschieht. Seine Botschaft: Schlafen macht schlau. Schlank werden wir dabei entgegen anders lautender Buchtitel zwar nicht, schöner aber sehr wohl.

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Die Forschung findet immer mehr Erstaunliches über das Phänomen Schlaf heraus.

Eine Nacht lang begleitet Hürter den Leser vom Gähnen am Abend bis zum Aufwachen am nächsten Morgen. Dabei beschreibt er nicht nur die Prozesse in Gehirn und Körper, sondern behandelt auch Themen wie Schnarchen, Träumen und Schlafwandeln. Seine Erkenntnisse belegt er mit wissenschaftlichen Studien und Theorien verschiedener Experten. Sigmund Freuds Traumdeutung spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Erkenntnisse renommierter Schlafforscher.

Sein Tipp bei Einschlaf-Schwierigkeiten: Vorm Zubettgehen einfach mal die Haare föhnen. "Genauer gesagt, es kommt darauf an, wie heiß das Gehirn wird", schreibt Hürter. Im Vorderhirn haben wir nämlich eine winzige Gruppe von Einschlafneuronen, die auf Hitze reagieren. Weil der Körper eine steigende Temperatur mit Wachheit verbindet, müsse man sich zum Einschlummern allerdings wieder abkühlen. "Zuerst wärmer, dann kühler ist das Einschlafrezept."

Warum wir im Schlaf klüger werden

Warum wir im Schlaf klüger werden? Ganz einfach: Das Gehirn räumt auf. Vom Hippocampus – sozusagen der Zwischenstation für neue Eindrücke – befördert es wichtige Erinnerungen dauerhaft in die Großhirnrinde, schreibt Hürter. Wer gelerntes Wissen vertiefen möchte, kann das Gehirn beim Einschlafen sogar auf ein gewünschtes Thema vorbereiten, erklärt er. "Legen Sie das Physikbuch unter ihr Kopfkissen. Es wirkt."

Der Autor – eigentlich Journalist und studierter Philosoph – zitiert den Schlafforscher Robert Stickgold, demzufolge das Gehirn in der REM-Phase neue Erinnerungen anpasst. Dann kann es zum Beispiel passieren, dass wir im Traum wieder zur Schule gehen, obwohl wir längst erwachsen sind. Zudem ist der präfontale Cortex – Sitz des Sinnes für Moral – deaktiviert. Unsere Träume sind deswegen frei von Tabus.

Was wir träumen, wenn wir träumen

Wer dabei jedoch an Freuds These der sexdurchtränkten Träume denkt, liegt falsch: "Nicht mehr als jeder zehnte Männertraum hat sexuellen Gehalt", berichtet der Autor, "bei Frauen sogar nur jeder dreißigste." Das Kopfkino am Tag sei also deutlich spannender.

Tatsächlich sind es eher Verfolgungsjagden, die uns im Schlaf auf Trab halten – immerhin das häufigste Traummotiv "über alle Zeiten und Kulturen hinweg". Hürter verweist auf den Neuroforscher Jonathan Wilson von der Rockefeller University in New York. Seine These: Träume sind unser Überlebenstraining.

Warum wir ohne die nächtliche Auszeit nicht überleben können oder was genau der Grund für Schlafwandeln und Träumen ist, kann der Autor aber letztlich nicht beantworten. Bei vielen der aufgeworfenen Fragen verweist er lediglich auf verschiedene Forschungsansätze. Einen guten Überblick über das Thema liefert das Buch aber dennoch.

Dass der Autor selbst ein leidenschaftlicher Träumer ist, zeigt sich in seinem Kapitel über das Aufwachen. Darüber schreibt er: "Es fühlt sich ein bisschen so an, wie aus dem Kino auf die Straße zu treten."

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Quelle: ntv.de, dpa