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(Foto: Grit Onnen © SPSG)
Samstag, 28. April 2012

Ganz anders und doch groß: Friedrich II. - die Homestory

Ob es Popstars sind, Sportgrößen oder Regierende: Das Persönlich-Private im Leben der Prominenz interessiert die Menschen. Beim Blick hinter die Kulissen treten unvermutete Wahrheiten zu Tage. Das ist auch bei Friedrich II. nicht anders. Mit "Friederisiko", der großen Ausstellung im Neuen Palais in Potsdam, lässt ihn die Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten in neuem Licht erscheinen: als Monarch mit Stärken – und zahlreichen Schwächen. n-tv.de sprach mit Dr. Jürgen Luh, dem wissenschaftlichen Leiter der Ausstellung.

n-tv.de: Herr Luh, wie gelangt man heute noch - mehr als 220 Jahre nach seinem Tod - zu einem neuen Friedrich-Bild?

Fakten zur Ausstellung

"Friederisiko" ist die größte jemals von der Stiftung Preußischer Schlösser und Gärten gezeigte Ausstellung. Sie erstreckt sich im Neuen Palais über rund 6000 Quadratmeter. 70 Räume sind zum Teil erstmals zu besichtigen.
Die Ausstellung nähert sich Friedrich II. aus insgesamt zwölf Blickwinkeln: Im Schloss sind die Themen Ruhm und Risiko, Verhältnisse, Tagesgeschäft, Horizonte, Dynastie, der Modeaffe, Europa und die Welt, Entwicklungspolitik, Königsbilder, Wettstreit sowie Körper und Seele angesiedelt. Das zwölfte Thema, Blütezeit, führt die Besucher durch den ans Neue Palais angrenzenden Park Sanssouci.
Die Ausstellung ist bis zum 28. Oktober 2012 zu sehen. Geöffnet ist täglich außer Dienstag von 10-19 Uhr, Freitag und Samstag von 10-20 Uhr.
Der Eintritt kostet 14 Euro, ermäßigt 10 Euro. Im Preis enthalten ist ein 100 Seiten starkes Begleitheft sowie ein Audioguide, letzteren gibt es speziell auch für Kinder ab 6 Jahren.

Jürgen Luh: Wir haben 2007 begonnen, uns gedanklich mit der "Friederisiko"-Ausstellung auseinanderzusetzen, und wir wollten Friedrich von Anfang an aus dem umkämpften Widerspruchsgerede - War er gut? War er böse? War er ein Kriegsherr? War er ein toleranter Mensch? – herausnehmen. Wir wollten uns vielmehr der Person, seiner Persönlichkeit, seinem Charakter nähern. Dazu haben wir Konferenzen ins Leben gerufen, eine ganze Konferenzreihe veranstaltet, die Anfang nächsten Jahres mit einer Bilanz abgeschlossen wird und zu der wir vor allem jüngere Wissenschaftler eingeladen haben. Die gehen noch ins Archiv, die stellen aus ihrer Zeit heraus andere Fragen an das Thema "Friedrich", sie gehen anders damit um, unbelasteter von der Vergangenheit.

Es ist also vor allem der unverstellte Blick, der zu neuen Einschätzungen führt? Oder erschlossen sich zudem neue Quellen?

Auch heute noch sind längst nicht alle Quellen ausgewertet, die es von Friedrich gibt. Er ist jemand, der viel hinterlassen hat. Wir haben jetzt zusammen mit dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz die Schatullrechnungen Friedrichs herausgegeben. Das sind – salopp gesagt – seine privaten Kontoauszüge. Da steht drin, wie viel Geld er wofür ausgegeben hat. Und man kann sehen: Aha, doch nicht so sparsam wie immer behauptet. Wenn er etwas haben wollte, hat er sich das gekauft. Und wenn das luxuriös war, hat er sich auch das genommen. Er hat sich gute Dinge geleistet. Teuerste Tabaksdosen, bis zu 11.000 Taler eine. Kirschen: Er hat bis zu 3 Taler für eine einzige Kirsche ausgegeben. Das muss man im Verhältnis sehen: Offizierswitwen hat er Renten ausgestellt, das waren 2 Taler im Jahr. Friedrich hatte also durchaus etwas für Luxus übrig. Er hat auch Unmengen von Wein bestellt und konsumiert, ebenso Champagner. Und da hieß es doch immer, er hätte so wenig getrunken. Man findet also noch immer Neues über ihn heraus.

Welche Rolle spielte das Neue Palais für Friedrich? Warum findet die Ausstellung dort statt?

Bilderserie

Das Neue Palais ist für Friedrich – mehr als Sanssouci – ein Vermächtnis. Sanssouci sind seine Jugendjahre. Aber das Neue Palais ist das, was Friedrich von sich überliefert wissen wollte. In diesen Räumen steckt außerordentlich viel von seinen Ideen und der Art und Weise, wie er lebte. In einem neutralen Ausstellungsraum würde man Friedrichs Leben wahrscheinlich chronologisch Revue passieren lassen, von der Wiege bis zur Bahre. Das Neue Palais jedoch bietet sich dafür an, ganz andere Schwerpunkte zu setzen und Gewichtungen vorzunehmen. Wir gehen in der Ausstellung systematisch thematisch vor. Wir nähern uns Friedrich hier durch elf verschiedene Themenbereiche. Das führt zu vielen Überraschungen und neuen Perspektiven.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Ja, nehmen wir den Bereich "Dynastie", Feste und Gäste. Der antwortet auf die Fragen: Wer war hier im Schloss? Wie wollte Friedrich seine Gäste beeindrucken? Was wollte er ihnen an Aussage mitgeben? In den entsprechenden Räumen kann man sehen: Friedrich hatte etwas für Ironie und Sarkasmus übrig. Die Gemälde an den Wänden zeigen sehr freizügige Darstellungen aus der Mythologie, viel nacktes Fleisch, nackte Männer, nackte Frauen. Friedrich kaufte die Bilder aus Wien, aber nur, weil Maria Theresia, seine österreichische Gegenspielerin, sie nicht in ihrem Schloss und den Räumen ihres Mannes haben wollte. Friedrich spielte also mit einer feinsinnigen Ironie. Gleichzeitig wagte er einen Seitenhieb auf Maria Theresia. Denn diese Anekdote wurde natürlich nicht geheim gehalten, sondern erzählt. Da weiß man gleich: Friedrich hielt Maria Theresia für eine prüde Frau. Er dagegen war offen und zeigte die Bilder im Schloss. Und zwar jedem. Denn sie schmücken das Untere Fürstenquartier, dort wurden die Gäste einquartiert. Die konnten also gar nicht anders, als die Bilder zur Kenntnis zu nehmen.

Soll die Ausstellung die bisherige Friedrich-Wahrnehmung um einzelne Facetten ergänzen? Oder ergibt sich für die Besucher, die alle elf Themenbereiche gesehen haben, tatsächlich ein kohärentes, neues Friedrich-Bild?

Jedes einzelne Thema liefert ein Bild von Friedrich zu diesem einen Aspekt. Jedes Thema steht also für sich, unabhängig von den anderen. Doch wer sich alle Themenbereiche anschaut, wird merken, dass sie sich wie ein Mosaik zu einem neuen Gesamtbild zusammensetzen.

Sonst im Louvre, jetzt im Neuen Palais: der nackte Voltaire von Pigalle, 1776.
Sonst im Louvre, jetzt im Neuen Palais: der nackte Voltaire von Pigalle, 1776.(Foto: Coyau / Wikimedia Commons / CC-BY-SA-3.0 & GFDL)

Bleibt Friedrich auch in der ehrlichen Einschätzung, um die es der Ausstellung geht, der Große?

Er ist immer noch ein großer Monarch, aber er ist eben niemand, der auf einem Sockel stehend strahlt. Er hat vieles getan, was – vorsichtig formuliert – unschön ist. Im Themenbereich "Verhältnisse", in dem es um ihn und seine Freunde geht, sieht man, dass er gar keine Freunde hatte. Die Vertrauten, die es zunächst noch gab, ziehen sich zurück oder flüchten, manche verärgert er wissentlich und ehrt sie erst nach ihrem Tod. Voltaire war zeitlebens wichtig für Friedrich, jedoch war es weniger die Freundschaft als die Reibereien, die ihn gedanklich voranbrachten und eine Weiterentwicklung förderten. Zu guter Letzt umgab sich Friedrich einsam und verbittert lieber mit Tieren als mit Menschen. In der Ausstellung schwinden folglich Raum für Raum die Vertrauten, es bleiben Friedrichs Hunde und – das zeigt der letzte Raum zu diesem Thema – sein Pferd, dessen noch erhaltenes Skelett den Abschluss der "Verhältnisse" bildet.

Das ist eine Darstellungsweise, die unter die Haut geht; ein sehr persönlicher Zugang.

Die Menschen interessieren sich für das Persönliche. Glamourmagazine machen das Leben der Prominenten heute jeden Tag zum Thema. Wenn man nun mit Friedrich nicht nur die Generation 70+ erreichen will, ist das der Zugang, den man wählen sollte. Und mit dem Neuen Palais hat Friedrich uns ja diesen persönlichen Zugang ermöglicht. Letztlich ist er es selbst, der die Ausstellung kuratiert. Er hat uns das Schloss hinterlassen, und wir haben in den letzten Jahren versucht, hier sein Selbstverständnis und seine Gedankenwelt herauszuarbeiten. Das wollen wir zum Sprechen bringen.

Von Adolph Menzel gibt es ein sehr bekanntes Gemälde: das "Flötenkonzert". Es ist gut 60 Jahre nach Friedrichs Tod entstanden. Was an dem Gemälde ist Dichtung, was Wahrheit?

Ausgestellt in der Alten Nationalgalerie in Berlin: Menzels Flötenkonzert von 1852.
Ausgestellt in der Alten Nationalgalerie in Berlin: Menzels Flötenkonzert von 1852.

Schon die ganze Komposition ist Dichtung. So, wie in dem Werk dargestellt, hat kein Konzert stattgefunden. Dadurch haben wir aber ein bestimmtes Bild von Friedrich bekommen. Menzel ist einer derjenigen, die am meisten dazu beigetragen haben, dass man Friedrich heute so sieht wie man ihn gemeinhin sieht, wenn man sich nicht seit 2007 neu informiert hat. Das "Flötenkonzert" ist eine idealtypische Inszenierung. Wenn Friedrich Flöte gespielt hat, dann im kleinen Kreis. Der Kreis, den Menzel darstellt, ist ein wenig zu groß. Friedrich hat aus Freude an der Musik und zur Entspannung gespielt. Und oft hat er - vielleicht, um sich den Kopf frei zu machen oder sich gedanklich zu ordnen - für sich selbst gespielt, ganz ohne Zuhörer. Und das Flötenspiel war natürlich Teil seiner Rolle als „Schöngeist“, die er für die Öffentlichkeit spielte. Er hat sicherlich niemals, so wie man es auf dem Gemälde sieht, in dieser Uniform gespielt. Denn er hat in Sanssouci genauso wenig wie im Neuen Palais eine Uniform getragen. Das hat er nie, wenn er nicht in der Öffentlichkeit war. Hier trug er rote, grüne, blaue Kleider, reich bestickt, keineswegs bescheiden. Die haben viel Geld gekostet, das wissen wir aus den Schatullrechnungen. Er hat eine schwarze Perücke getragen, die er sich jeden Morgen weiß pudern ließ. Den Puderzerstäuber haben wir sogar noch hier in der Ausstellung. Aus solchem Wissen ergibt sich ein ganz anderes Bild als das bisher vorherrschende.

Ein überraschend authentisches Bild, wie es scheint.

Ja, und ich glaube, man kann Friedrich kaum authentischer erleben als hier im Neuen Palais. Wenn man sich allein die Pläne für dieses Schloss anschaut, sie sind noch erhalten: Überall hat Friedrich reingemalt, um seine Vorstellungen durchzusetzen. Die Räumlichkeiten des Unteren Fürstenquartiers waren ursprünglich, ganz idealtypisch, für die Frau des Monarchen gedacht und so auch von den Architekten geplant. Friedrich aber sagte sofort: Will ich nicht. Und zeichnete die Pläne um. Da sieht man das Persönliche. Und das ist ein Zugang, der den damaligen Menschen den heutigen Menschen näher bringt. Friedrich auf einen Sockel zu stellen – wie es im 19. und auch im 20. Jahrhundert noch geschehen ist – bringt keine Erkenntnisse. Friedrich ist kein unfehlbarer Mensch. Unfehlbare Menschen gibt es nicht. Der Mensch wird interessant mit seinen Stärken UND Schwächen. Beides wird in der Ausstellung herausgearbeitet, von beidem kann man dort etwas sehen.

Und die so oft angesprochenen Widersprüchlichkeiten in Friedrich? Kommen sie – ganz ohne das eingangs erwähnte Widerspruchsgerede – dann nicht doch in der Ausstellung zum Tragen?

Friedrichs Bestreben war es, Ruhm zu erlangen und der Große zu werden. Das Ziel hat er erreicht, und es hat sich gehalten, sonst würden wir ihn heute nicht feiern. Wenn man seine Handlungen vor diesem Hintergrund sieht, stellt man fest: Sie sind nicht widersprüchlich. Vielmehr hat Friedrich alles getan, was ihn seinem Ziel näher brachte. Er hat selbst seine ganze Regierungszeit beschrieben, er hat sich erfolgreich im Krieg geschlagen, er hat gedichtet, er hat philosophisch gearbeitet, er war musisch, hat Kunst gefördert, er hat die Entwicklung des Landes vorangebracht. Das alles geschah mit Intention. Nur wenig hat Friedrich ohne Intention getan. Gegessen hat er aus Vergnügen. Und Musik war für ihn wichtig, aber eher zur Entspannung. Er wollte kein großer Komponist werden. Musik war für Friedrich nichts, was Größe ausmacht. Aber Dichtung, Architektur, Kunstförderung, Gemäldesammlungen ... Dafür hatte er etwas übrig. Es ist beeindruckend, wenn man in die Bildergalerie von Sanssouci von der Seite eintritt: diese Marmorpracht, dann die Gemälde an der Wand. Das und sich selbst hat er so gut vermarktet, dass er zu Recht ein Großer ist. Das hat niemand vor ihm und auch niemand nach ihm so gut hinbekommen. Auch unsere heutigen Politiker nicht.

Mit Jürgen Luh sprach Andrea Schorsch

Bilderserie

Jürgen Luh hat eine Biografie über Friedrich II. geschrieben, die 2011 erschien: "Der Große", hier zu bestellen.

Quelle: n-tv.de