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Dürfte Höhen-Rätsel erklären Hilft ein Dopingmittel gegen Covid-19?

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Dünne Luft fördert die Epo-Produktion im Körper - schützt dies Bewohner in Höhenlagen vor Covid19?

(Foto: imago/Danita Delimont)

Menschen, die in Höhenlagen leben, zeigen seltener schwere Symptome bei einer Corona-Infektion als jene im Flachland. Des Rätsels Lösung könnte im körpereigenen Hormon Epo liegen. Forscher glauben daher, dass es ein wirksames Medikament gegen Covid-19 sein könnte.

Das Wachstumshormon Epo hat einen denkbar schlechten Ruf - bekannt ist es vor allem in Zusammenhang mit Doping-Skandalen im Profisport. Denn das natürlich im Körper vorkommende Erythropoetin, kurz Epo, regt die Bildung roter Blutkörperchen an, was Ausdauersportlern unerlaubterweise zu mehr Leistung verhilft. Allerdings wird künstlich hergestelltes Epo auch als Medikament gegen Blutarmut eingesetzt. Forscher vermuten nun, dass es Patienten auch bei einem schweren Verlauf von Covid-19 helfen könnte.

Darauf gibt es bereits einige Hinweise, wie Forscher des Max-Planck-Instituts für experimentelle Medizin in Göttingen in einer Studie schreiben. Im Iran etwa wurde einem Corona-Patienten mit schweren Symptomen Epo verabreicht, da er schlechte Blutwerte hatte. Das Erstaunliche: Sieben Tage nach Beginn der Behandlung konnte der Patient das Krankenhaus wieder verlassen.

Auch Beobachtungen aus Südamerika liefern Hinweise auf einen Effekt von Epo auf den Verlauf von Covid-19. Dort sind schwere Erkrankungen bei Menschen, die in höheren Regionen leben, seltener als bei jenen aus dem Flachland. Bekanntermaßen sinkt der Sauerstoffgehalt der Luft, je höher es in die Berge geht. Da Epo vom Körper als natürliche Reaktion auf Sauerstoffmangel ausgeschüttet wird, scheint der Zusammenhang also naheliegend: Die höhere Epo-Konzentration im Blut der Bergbewohner schützt vor den Auswirkungen des Coronavirus.

Epo schützt verschiedene Gewebearten

Und es gibt noch weitere Hinweise: "Wir haben beispielsweise beobachtet, dass Dialyse-Patienten Covid-19 auffällig gut überstehen - und genau diese Patienten erhalten im Rahmen ihrer Dialyse regelmäßig Erythropoetin", sagt Studien-Co-Autorin Hannelore Ehrenreich laut Mitteilung des Instituts. Aber wie genau könnte Epo gegen Covid-19 wirken? "In den vergangenen 30 Jahren wurde mehr und mehr deutlich, dass Epo in vielen Organen und Geweben des Körpers freigesetzt wird", schreiben die Autoren der Studie. Dort erfülle es viele Funktionen und schütze verschiedene Formen von Gewebe - nicht nur Blutzellen.

Epo, so glauben die Göttinger Forscher, könnte daher bei einer ganzen Reihe von Covid-19-Symptomen lindernd wirken. Tierversuche hätten bereits gezeigt, dass das Hormon auf Bereiche im Hirnstamm und Rückenmark wirkt, die die Atmung kontrollieren, wodurch sich die Atmung bei Sauerstoffmangel verbesserte. Auch wirkt Epo entzündungshemmend, was die häufig überschießende Immunantwort bei Covid-19-Patienten abmildern könnte. Zudem könnte das Molekül vor neurologischen Symptomen der Erkrankung schützen wie Kopfschmerzen, Schwindel, Ausfällen des Geschmack- und Geruchssinns.

Klinische Studie soll folgen

Was bisher fehlt, sind klinische Belege für die Wirksamkeit von Epo gegen Covid-19. Pharmaunternehmen hätten leider nur begrenztes Interesse daran, weitere notwendige Studien zu zugelassenen Wirkstoffen wie Erythropoetin zu finanzieren, heißt es in der Mitteilung des Instituts. Vor allem für Medikamente wie Epo, für die zudem auch noch der Patentschutz abgelaufen sei.

Doch die Göttinger Forscher starten nun einen eigenen Anlauf: "Wir bereiten (...) gerade eine Studie am Menschen vor, mit der wir die Wirkung von Epo bei Covid-19 untersuchen wollen, eine sogenannte Proof-of-Concept-Studie", erklärt Ehrenreich. In dieser klinischen Studie sollen schwer erkrankte Covid-19 Patienten zusätzlich Epo erhalten. So wollen die Forscher herausfinden, ob das Wachstumshormon tatsächlich den Krankheitsverlauf abmildern kann. "Covid-19 kann so schwere Folgen für die Gesundheit haben, dass wir jedem Hinweis auf eine schützende Wirkung von Epo nachgehen müssen."

Quelle: ntv.de, kst