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Implantat aus Schweine-Kollagen Künstliche Hornhaut soll Blinde heilen

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In einer Pilotstudie stellte das Implantat das Sehvermögen von 20 Menschen mit kranken Hornhäuten wieder her, von denen die meisten vor der Implantation blind waren.

(Foto: Thor Balkhed/Linköping University/dpa)

Millionen Menschen weltweit leiden an krankhaften Veränderungen ihrer Augenhornhaut, die sie schlechter sehen oder sogar erblinden lässt. Ein neues Verfahren könnte ihnen helfen. Es kommt ohne Nähte aus und verwendet Kollagen von Schweinen. Einige Behandelte erreichten damit optimale Sehschärfe.

Mit einer neuen Methode können Mediziner eine krankhaft veränderte Augenhornhaut stabilisieren und bei manchen Patienten das Sehvermögen wiederherstellen. Zudem entwickelten sie eine Operationsmethode, die ohne Nähte auskommt. Dadurch hatten die Patienten eine gute Wundheilung und es gab keinerlei Komplikationen. Die Methode wurde an 20 Patienten in Iran und Indien erfolgreich getestet, wie das Team um Mehrdad Rafat und Neil Lagali von der schwedischen Universität Linköping im Fachjournal "Nature Biotechnology" berichtet.

Schätzungsweise 12,7 Millionen Menschen weltweit sind blind wegen einer Verletzung oder krankhaften Veränderung der Hornhaut. Ein Großteil dieser Menschen leidet an der Augenkrankheit Keratokonus, bei der die Hornhaut fortschreitend dünner wird und sich kegelförmig zuspitzt. Diese Hornhautverkrümmung kann das Sehen stark beeinträchtigen, bis hin zur Blindheit.

Material in großen Mengen vorhanden

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Das Hornhaut-Implantat aus Kollagenprotein aus Schweinehaut.

(Foto: Thor Balkhed/Linköping University/dpa)

Das Team um Rafat und Lagali entwickelte eine künstliche Hornhaut aus Kollagen, das aus der Haut von Schweinen gewonnen wird und - hochgradig gereinigt - medizinisch verwendet werden kann. Da Schweinehaut ein Abfallprodukt der fleischverarbeitenden Industrie ist, steht das Ausgangsmaterial in großen Mengen zur Verfügung.

Natürliches Kollagen, Hauptbestandteil von Gelatine, ist sehr weich und formbar. Um es steifer zu machen, erzeugten die Forscher chemisch und fotochemisch eine Vernetzung im Kollagen. Zudem testeten sie das Material auf Bioverträglichkeit und Haltbarkeit.

c in die vorhandene Hornhaut eingeschoben, der chirurgische Schnitt wurde vernäht. Weil es danach erneut zu einer Ausdünnung der Hornhaut und einer Schleierbildung kam, entwickelten Lagali und Kollegen eine Operationsmethode ohne Naht und veränderten das Herstellungsverfahren des Implantats.

OP per Laser oder von Hand

Die Operation kann per Laser oder von Hand durchgeführt werden. Dabei wird kein vorhandenes Gewebe entfernt, nur die künstliche Hornhaut in die natürliche gesetzt. "Diese weniger invasive Methode könnte in mehr Krankenhäusern eingesetzt werden und dadurch mehr Menschen helfen", wird Lagali in einer Mitteilung seiner Universität zitiert.

Klinische Versuche mit 20 Patienten in Iran und Indien, wo es viele Keratokonus-Kranke gibt, verliefen erfolgreich. 14 von ihnen waren zuvor blind gewesen, nach der Operation konnten alle wieder sehen. Die Patienten mussten lediglich acht Wochen lang Augentropfen nehmen, um eine Entzündungsreaktion zu verhindern.

Probleme bei Spenderhornhaut-Verwendung

Bei der bisher verwendeten Methode, der Hornhautverpflanzung, sind oft erhebliche Nachbehandlungen nötig. Zudem bedarf es dafür einer Spenderhornhaut. Diese kann gewöhnlich bis zu vier Wochen aufbewahrt werden, dann muss sie verpflanzt worden sein. In vielen Teilen der Welt bereitet diese Lagerung Schwierigkeiten.

Deshalb haben Rafat, Lagali und Kollegen getestet, wie lange sich ihre künstliche Hornhaut aufbewahren lässt: mindestens zwei Jahre. "Wir haben erhebliche Anstrengungen unternommen, um sicherzustellen, dass unsere Erfindung für alle und nicht nur für die Reichen verfügbar und erschwinglich ist", betont Rafat.

Teilweise Sehschärfe eines gesunden Auges erreicht

Die erreichte Sehschärfe der Patienten in den klinischen Versuchen war unterschiedlich, doch bei drei Patienten erreichte sie die eines gesunden Auges. Dabei waren die Versuche nicht auf optimale Sehschärfe ausgelegt. Mit individueller Beachtung von Hornhautdicke, Krümmung und Brechungsfehlern könnten die Ergebnisse noch deutlich verbessert werden, geben sich die Forscher optimistisch. Sie kündigen weitere klinische Studien an.

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Gerd Geerling, Präsident der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG), spricht von einer hochwertigen und sehr sorgfältig durchgeführten Studie. "Die Forscher stellen ein durchdachtes Konzept vor, das auch die Rahmenbedingungen in vielen Ländern berücksichtigt", sagt der Experte der Uniklinik Düsseldorf. Wenn die Implantate nicht zu teuer angeboten würden, könnten damit viele Keratokonus-Patienten in aller Welt behandelt werden, insbesondere in Ländern, die nicht über eine so gutes Gesundheitssystem verfügen wie Deutschland.

In Deutschland gibt es Geerling zufolge derzeit keinen so ausgeprägten Spendermangel. Auch sei bereits ein Medizinprodukt aus zellfreier Schweinehornhaut auf dem Markt, das allerdings ähnlich teuer sei wie eine menschliche Spenderhornhaut. Unter Umständen könne die neue Methode dennoch auch in Deutschland nach einer Zulassung Anwendung finden, erklärt Geerling.

Quelle: ntv.de, Stefan Parsch, dpa

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