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Moral ist im Gehirn sichtbarWarum Menschen mit zweierlei Maß messen

26.03.2026, 12:46 Uhr
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Menschen mit moralischen Widersprüchen werden oft als unglaubwürdig eingestuft. (Foto: IMAGO/Bihlmayerfotografie)

Moral definiert, was als richtig oder falsch gilt. Sie fungiert als Grundlage für das Zusammenleben. Doch manchmal verurteilen Menschen andere moralisch schneller und stärker als sich selbst. Forschende finden im Gehirn den Ort, wo diese Doppelmoral entsteht.

Moralische Widersprüchlichkeiten haben eine biologische Grundlage, die sich im Gehirn ablesen lässt. Das hat ein Forschungsteam der Chinesischen Universität für Wissenschaft und Technik in Hefei herausgefunden. Die von den Forschenden als moralische Inkonsistenz bezeichnete Doppelmoral ist individuell verschieden stark ausgeprägt. Sie kann mit moderner Technik in einem bestimmten Bereich des Gehirns als Aktivitätsmuster sichtbar gemacht werden.

"Als Neurowissenschaftler wollten wir verstehen, warum das Wissen darüber, was richtig ist, nicht immer dazu führt, dass man auch entsprechend handelt", wird Xiaochu Zhang in einer Mitteilung zitiert. "Um ein 'moralischer Mensch' zu sein, muss das Gehirn moralisches Wissen in das tägliche Verhalten integrieren - ein Prozess, der selbst bei Menschen scheitern kann, die das moralische Prinzip genau kennen." 

Moral für sich und andere

In einem ersten Schritt wollte das Team um Zhang herausfinden, welche Hirnregionen mit moralischer Konsistenz oder Inkonsistenz in Verbindung stehen. Dafür nutzten die Forscher die Bildgebung der funktionellen Magnetresonanztomografie. Die Probanden und Probandinnen bekamen während der Aufnahmen eine Aufgabe, bei der sie zwischen Ehrlichkeit und Gewinn abwägen mussten.

Die Studienteilnehmenden hatten die Möglichkeit, durch unehrliches Verhalten mehr Geld zu verdienen. Sie wurden nach der Aufgabe zudem gebeten, ihr eigenes Verhalten auf einer 10-Punkte-Skala von "extrem unmoralisch" bis "extrem moralisch" zu bewerten. Das Team überwachte zudem die Hirnaktivität der Teilnehmer, während diese die Moral anderer Personen beurteilten, die dieselbe Aufgabe bearbeiteten.

Die Hirnaktivität während dieser Aufgabe nahm vor allem im sogenannten ventromedialen präfrontalen Cortex, kurz vmPFC, zu. Dieser befindet sich im vorderen Teil des Gehirns, tief im Frontallappen, direkt hinter der Stirn und oberhalb der Augenhöhlen. Diese Region wird mit der Regulierung von Emotionen, mit Entscheidungen und mit dem Verständnis von sozialen Situationen in Verbindung gebracht. In diesem Teil des Gehirns werden Risiken bewertet und emotionale Reaktionen mit Handlungen verbunden. Zudem wird er aktiviert, wenn Informationen auf das Selbst bezogen werden.

Doppelmoral ist biologisch bedingt

Bei der Auswertung der Bilder sahen die Forschenden bei moralisch konsistenten Personen, also bei denjenigen, die sich selbst und andere nach denselben moralischen Maßstäben beurteilten, dass der vmPFC während der Verhaltens- und Beurteilungsaufgaben ähnlich stark aktiviert war. Bei moralisch inkonsistenten Teilnehmern hingegen, also bei denjenigen, die das Betrugsverhalten anderer als unmoralisch einstuften, ihr eigenes aber milder bewerteten, war der vmPFC während der Verhaltensaufgabe weniger aktiv. Gleichzeitig war der VmPFC weniger stark mit den Hirnregionen vernetzt, die an Entscheidungen und moralischen Bewertungen beteiligt sind.

Um zu belegen, dass die Aktivität des vmPFC eine ursächliche Rolle bei moralischer Inkonsistenz spielt, stimulierten die Forscher und Forscherinnen den vmPFC einiger Teilnehmerinnen und Teilnehmer mittels einer nicht-invasiven Methode, noch bevor diese die Verhaltens- und Beurteilungsaufgaben angingen. Die vmPFC-Stimulation führte bei den Studienteilnehmenden zu geringerer Doppelmoral im Vergleich zu denjenigen, die eine Schein-Stimulation erhielten.

Diese Ergebnisse, die im Fachjournal "Cell Reports" veröffentlicht wurden, legen nahe, dass moralisch inkonsistente Menschen ihren vmPFC nicht zur Informationsverarbeitung bei Verhaltensentscheidungen nutzen, schreiben die Forscher. "Personen mit moralischer Inkonsistenz sind nicht unbedingt blind für ihre eigenen moralischen Prinzipien; sie können diese biologisch bedingt lediglich nicht in ihrem eigenen moralischen Verhalten berücksichtigen und anwenden", erklärt Zhang. Gleichzeitig solle moralisches Verhalten wie eine Fähigkeit angesehen werden, die man trainieren könne.

Quelle: ntv.de, jaz

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