Wissen

Suche nach verräterischen Genen Neue Krebstherapie kann Leben retten

imago62804827h.jpg

Lungenkrebs galt bisher als schwer behandelbar.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Lungenkrebs ist die häufigste Krebstodesursache. Oft wird er erst spät entdeckt und ist dann kaum behandelbar. Viele Patienten sterben innerhalb eines Jahres. Doch eine neue Therapie kann das Leben von Patienten retten - und womöglich ist sie auch gegen andere Krebsarten einsetzbar.

Eine neue Krebstherapie sorgt für Aufbruchsstimmung unter Krebsforschern - beim Deutschen Krebskongress 2020, auf dem ab Mittwoch in Berlin die neuesten Erkenntnisse in der Krebsmedizin diskutiert werden, wird sie eines der großen Themen sein. Mit der neuen Therapie können Ärzte bei Lungenkrebspatienten endlich den Tumor gezielt angreifen und sein Wachstum stoppen. Jahrzehntelang gab es für Menschen, die unter dieser Krebsart leiden, kaum Hoffnung.

Das Problem war bisher: Bei etwa 85 Prozent der Patienten kommt eine Operation des Tumors nicht infrage. Als einzige Maßnahme blieb also nur die Chemotherapie. Doch die wirkt in vielen Fällen kaum, greift auch gesundes Gewebe an und verursachte schwere Nebenwirkungen. Doch eine neue, maßgeschneiderte Krebstherapie könnte einen Ausweg bieten: die sogenannte personalisierte Therapie.

Wie funktioniert sie? Wissenschaftler suchen in den Tumorzellen gezielt nach jenen Gen-Veränderungen, die den Lungenkrebs wuchern lassen. Ist die genetische Veränderung bekannt, kann man die Mutation in den Zellen gezielt angehen - mit Medikamenten, die bereits zur Verfügung stehen. Die Wirkstoffe blockieren die Signalwege in den Krebszellen, die das Wachstum des Tumors anfeuern. Ein direkter Angriff auf den Tumor.

Therapie lässt Tumor schrumpfen

Reiner Waldkirch hatte eine solche Veränderung in seinen Tumorzellen. Die Diagnose: Lungenkrebs im Endstadium. Sein Arzt sagte ihm, er habe nur noch wenige Monate zu leben. Das war vor elf Jahren. Heute geht es dem 66-Jährigen gut - dank der personalisierten Therapie. Der Tumor ist geschrumpft und wächst nicht mehr. Waldkirch macht wieder Sport, ist zurück im Leben.

Der Freiburger wurde an der Uniklinik Köln behandelt. Die Ärzte suchten nach Mutationen in den Tumorzellen und wurden fündig: ROS1, eine seltene Lungenkrebs-Untergruppe. Erst mit heutigen Diagnose-Methoden ist es überhaupt möglich, Genveränderungen in Tumorzellen zu erkennen. Medikamente, mit denen man das Wachstum dieser Krebszellen blockieren kann, existieren bereits. Glück für Krebspatient Waldkirch, für ihn gab es das passende Medikament. Innerhalb von wenigen Tagen besserten sich die Symptome, die Atemnot war weg und der Tumor schrumpfte.

Geheilt ist der Freiburger nicht, doch der Krebs ist unter Kontrolle. Ein großer Erfolg für die Krebsforscher. "Das ist, glaube ich, eine ganz große Hoffnung bei vielen Krebserkrankungen", sagt Jürgen Wolf vom Centrum für integrierte Onkologie (CIO) der Uniklinik Köln. Die Krankheit könne so von einer unmittelbar tödlichen Gefahr in eine chronische Erkrankung verwandelt werden.

Viele Formen von Lungenkrebs

Was die bisherige Behandlung so schwierig machte: Lungenkrebs ist nicht gleich Lungenkrebs, es gibt viele Untergruppen. Mehr als die Hälfte aller Patienten hat jedoch eine Mutation, die behandelt werden könnte. In Zusammenarbeit mit dem nationalen Netzwerk Genomische Medizin gibt es bereits 17 Zentren in Deutschland, die eine solche genetische Diagnostik durchführen. Wolf rät jedem Patienten mit fortgeschrittenem Tumor, seinen behandelnden Arzt zu fragen, ob eine personalisierte Therapie möglich ist.

*Datenschutz

Und was bei Lungenkrebs funktioniert, könnte auch für andere Krebsarten interessant sein. Darmkrebs, Brustkrebs, viele andere Tumore könnten in Zukunft ebenfalls mit der personalisierten Therapie behandelt werden. Für Krebspatienten gibt es neue Hoffnung.

Quelle: ntv.de