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Deutscher Erfinder des Telefons "Nicht Bell war es, sondern Philipp Reis"

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Der deutsche Tüftler Philipp Reis präsentierte 1861 erstmals öffentlich das von ihm erfundene Telefon.

(Foto: imago/UIG)

Für Donald Trump gehen viele große Erfindungen auf US-Amerikaner zurück: Glühbirne, Flugzeug, das Telefon. Publizist Wolfram Weimer will zumindest Letzteres so nicht stehen lassen: Ein Deutscher erfand das Telefon, stellt er in seinem neuen Buch klar. Warum ihm das so wichtig ist, verrät er ntv.de.

Das Smartphone ist heutzutage ständiger Begleiter vieler Menschen auf der Welt. Nie erfunden worden wäre es vermutlich ohne seinen Vorgänger: das Telefon. Wer dessen geistiger Vater ist, wird bis heute debattiert. Für den Verleger und Publizisten Wolfram Weimer, der auch als Kolumnist für ntv.de schreibt, ist die Sache jedoch klar: Der Deutsche Philipp Reis hat 1861 das erste Telefon gebaut - aus einer Geige, einer Stricknadel und der Blase eines Hasen. Warum er darüber sogar ein Buch geschrieben hat und welche Rolle US-Präsident Donald Trump dabei spielte, verrät er im Interview mit ntv.de.

ntv.de: Herr Weimer, Sie sind vielbeschäftigter Verleger und Publizist. Was hat Sie dazu bewogen, ausgerechnet jetzt in das Leben des deutschen Erfinders Philipp Reis einzutauchen?

Donald Trump ist der Auslöser. Der amerikanische Präsident hat in mehreren Reden Graham Bell als den Erfinder des Telefons gefeiert als Beispiel für die Größe der USA. Sein unangenehmer Neo-Nationalismus nach dem Motto "America first" hat in mir den hessischen Stolz wachgerufen. Denn es war nun einmal nicht Graham Bell, sondern Philipp Reis.

Warum ist es Ihnen so wichtig, das klarzustellen?

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Verleger und Publizist Wolfram Weimer. Wie Philipp Reis wurde er im hessischen Gelnhausen geboren.

(Foto: imago images / Future Image)

Es geht um Fairness. Die halbe Welt glaubt inzwischen, dass Graham Bell der Telefonerfinder sei, weil Amerika das aus patriotischem Überschwang kommunikativ zelebriert. Philipp Reis wird damit seiner Ehre beraubt. Das ist umso trauriger, als dass es Reis im Leben ohnedies so schwer hatte. Er war ein Waisenkind, durfte nicht studieren, wurde von der Akademie verlacht, verstarb jung und war doch ein heiterer Mensch. Ein typisch deutscher Tüftler, der verliebt war ins Gelingen. Ihm möchte ich die Anerkennung zuerkannt wissen.

Unbestritten ist, dass Reis bereits Jahre vor Bell einen Apparat entwickelt hatte, der Klänge und Geräusche elektronisch übertragen konnte. 1861 wurde dieser erstmals öffentlich vorgestellt. Bell jedoch machte später ein Vermögen mit dem Telefon. Warum gelingt Reis das nicht ebenfalls?

Es stimmt: Bell wurde reich und berühmt, Reis starb arm und anonym. Bell hat das Reissche Telefon einfach nur weiterentwickelt. Ihm kann man daraus gar keinen Vorwurf machen. Er hat Reis öffentlich gewürdigt und in seinem Patentantrag sogar ausdrücklich festgestellt, das Telefon nur zu verbessern. Sein Vorteil aber war, dass er ein Patent anmelden konnte. In den USA gab es schon ein modernes Patentrecht, in Deutschland noch nicht. Reis konnte also gar kein Patent anmelden. Darum ist Bell - streng patentrechtlich - natürlich auch Erfinder. Aber die allermeisten Erfindungen der Vormoderne waren nicht patentgeschützt. Und wir würden ja heute auch nicht sagen, dass Johannes Gutenberg den Buchdruck nicht erfunden habe, weil es damals in Mainz kein Patentrecht gab.

Das Reis-Telefon soll Musik gut übertragen haben - umstritten ist hingegen, ob der Apparat dazu in der Lage war, menschliche Sprache verständlich zu übermitteln. Aber wäre das nicht die Bedingung, um die Apparatur nach heutigem Verständnis als erstes Telefon zu bezeichnen?

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Das Argument stammt von den Anwälten des Bell-Konzerns, die im Laufe der Zeit allerlei Patentverfahren führen mussten. Es ist aber falsch. Zahlreiche wissenschaftliche Tests und dokumentierte Zeugenschaften belegen, dass das Reis-Telefon sehr wohl Sprache hat übermitteln können - schlecht zwar, und ja, schlechter als Musik, aber es funktionierte. Genau dies führe ich in meinem Buch detailliert aus.

Warum hat Reis seine Erfindung nicht weiter perfektioniert?

Weil er mit nur 40 Jahren an Tuberkulose starb. Er hat bis zu seinem Tod mehrere Modellreihen gebaut, die immer ein Stück besser wurden. Und er beauftrage einen Frankfurter Handwerker, eine Serie für den Verkauf zu bauen. Tatsächlich wurden davon etliche Exemplare in alle Welt verkauft - eines landete auch bei Familie Bell.

Auch in Nordamerika wurde noch im 21. Jahrhundert über den eigentlichen Erfinder des Telefons gestritten. Eine Resolution des US-Kongresses aus dem Jahr 2002 rückt dabei allerdings nicht Reis, sondern den Italiener Antonio Meucci in den Fokus. Dieser habe bereits 1860 seine "Teletrofono" genannte Erfindung, die elektronische Kommunikation ermöglichte, demonstriert. Das wäre ein Jahr vor Reis. Ein Irrtum der US-Abgeordneten?

Während die Entwicklungen von Reis ab 1861 gut dokumentiert sind, sind die Beiträge von Meucci erst ab 1871 eindeutig nachweisbar. Philipp Reis war einfach früher dran.

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Ein von Philipp Reis entwickeltes Telefon. Der Kasten links stellt den Sender dar, in den hineingesprochen wird. Der Kasten rechts ist der Empfänger, aus dem die übermittelte Sprache erklingt.

(Foto: www.imago-images.de)

Zeigt dieser Vorgang nicht, wie schwierig es letztendlich ist, eine Erfindung einer einzigen Person zuzuordnen?

Das sehe ich anders. Natürlich sind die meisten großen Erfindungen immer das Werk von mehreren. Einer lernt vom anderen, eine Technik basiert auf anderen Techniken. Bei Philipp Reis aber ist es eine spektakuläre Sprunginnovation eines einzelnen Genies.

Sie betonen in Ihrem Buch den Gegensatz zwischen Reis und Bell: der geniale, aber etwas unbeholfene Deutsche auf der einen Seite, auf der anderen Seite der gewiefte US-Amerikaner, den Sie einen "genialen Vermarkter" nennen. Steht dieser Gegensatz heute noch ganz allgemein für den unterschiedlichen Umgang mit Forschung und technischem Fortschritt auf beiden Seiten des Atlantiks?

Ja, da ist etwas dran. Wir haben in Deutschland gute Erfinder, Tüftler, Forscher, Techniker, Ingenieure, vielfach die besten der Welt. Aber wenn es um die Vermarktung geht, haben Amerikaner uns definitiv vieles voraus. Marketing ist kein deutsches Wort. Unter deutschen Forschern gilt es häufig sogar als unfein, wenn man sein "Produkt" vermarktet. Ich finde: Wir könnten diesbezüglich ruhig ein wenig amerikanischer werden.

Es gibt viele Erfindungen, die Deutschen zugeschrieben werden. Konrad Zuse etwa wird häufig als Erfinder des Computers bezeichnet, den er 1941 baute und der unsere heutige Welt wie kaum eine andere Erfindung prägt. Sollte die Verbreitung des Wissens über "deutsche Erfinder" hierzulande mehr gefördert werden?

Unbedingt. Deutschland schätzt seine wissenschaftliche Intelligenz viel zu wenig. Oder sehen Sie Nobelpreisträger in Talkshows? Haben wir eine Walhalla für unsere Intelligenz? Verdienen Top-Forscher etwa so viel wie Investmentbanker? Wir sollten das ändern. Unser Land lebt von Menschen wie Philipp Reis. Sie haben unseren Respekt verdient. Auch darum habe ich dieses Buch geschrieben.

Mit Wolfram Weimer sprach Kai Stoppel

Quelle: ntv.de