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Weder eineiig noch zweieiig Seltene Form von Zwillingen entdeckt

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Normalerweise kann eindeutig bestimmt werden, ob Zwillinge eineiig oder zweieiig sind.

(Foto: imago/Science Photo Library)

Nur eine von 85 Schwangeren trägt zwei Kinder im Bauch. Ärzte können relativ schnell bestimmen, ob es sich um Embryos handelt, die aus einer oder aus zwei Eizellen entstanden sind. Und dann gibt es noch einen weiteren, allerdings sehr seltenen Fall.

In Australien haben Mediziner eine überaus seltene dritte Form von Zwillingen entdeckt. Die Ärzte hielten die Kinder im Mutterleib zunächst für eineiige Zwillinge. Da es sich später um einen Jungen und ein Mädchen zu handeln schien, schaute das Team um Michael Gabbett von der Queensland University of Technology die Kinder genauer an und erkannte: Hier wurde eine Eizelle von zwei Spermien befruchtet, wie das Team im "New England Journal of Medicine" berichtet. "Das ist ein extrem seltenes Ereignis, für das mehrere ungewöhnliche Umstände aufeinandertreffen müssen", sagt Thomas Wienker vom Berliner Max-Planck-Institut für molekulare Genetik, der nicht an der Studie beteiligt war.

Bislang unterscheidet man eineiige und zweieiige Zwillinge: Bei den selteneren eineiigen Zwillingen befruchtet ein Spermium eine Eizelle, und später teilt sich der entstandene Embryo: Das Erbgut der beiden Kinder ist nahezu identisch, ihr Geschlecht fast immer gleich. Bei zweieiigen Zwillingen hingegen werden zwei Eizellen von zwei Spermien befruchtet - die genetische Ähnlichkeit entspricht der von gewöhnlichen Geschwistern.

Unklarheiten nach Ultraschall

Anders war es bei der 28-jährigen Frau in Australien, die auf natürlichem Weg schwanger wurde: In der 6. Schwangerschaftswoche gingen die Ärzte wegen einer gemeinsamen Plazenta und der Position der Fruchtblasen von eineiigen Zwillingen aus. Doch ab der 14. Woche zeigten Ultraschallbilder, dass es sich um einen Jungen und ein Mädchen zu handeln schien, was die Ärzte zu weiteren Analysen veranlasste. Die Kinder sind inzwischen vier Jahre alt: Sie teilen 100 Prozent des mütterlichen Erbguts, aber nur 78 Prozent des väterlichen.

"Wahrscheinlich wurde die Eizelle der Mutter vor der Teilung gleichzeitig von zwei väterlichen Spermien befruchtet", erläutert Ko-Autor Nicholas Fisk. Somit enthielt die befruchtete Zelle drei - statt zwei - Chromosomensätze: einen mütterlichen und zwei väterliche. Solche Embryonen überleben gewöhnlich nicht.

Doch in diesem Fall teilte sich die befruchtete Eizelle samt der Chromosomensätze so, dass zwei lebensfähige Embryonen entstanden. Die Zwillinge tragen Erbgut von beiden Spermien. "Manche Zellen der Kinder enthalten Chromosomen des ersten Spermiums, die übrigen enthalten Chromosomen des zweiten Spermiums", erläutert Fisk. Demnach tragen beide Kinder Zellen mit männlichen und mit weiblichen Erbanlagen.

Diese Mischung sorgt für Probleme

Einem Kind amputierten die Ärzte nach einem Gefäßverschluss im Alter von vier Wochen den rechten Arm, im Alter von drei Jahren entfernten sie die Eierstöcke. Doch ansonsten entwickelten sich die Zwillinge unauffällig, schreiben die Mediziner.

Ein ähnlicher Fall wurde bisher erst einmal berichtet - 2007 im Fachblatt "Human Genetics": Diese Zwillinge kamen in Phoenix im US-Staat Arizona zur Welt. Ärzten war aufgefallen, dass ein Kind sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale trug. Einen weiteren Fall fanden die australischen Forscher trotz intensiver Recherche nicht.

Humangenetiker Wienker hält die Erklärung der australischen Forscher, wie die Zwillinge entstanden sind, für überzeugend. Grundsätzlich seien solche Phänomene für die Wissenschaft extrem wertvoll, betont er. "Das ist ein ungewöhnliches Spiel der Natur, das Humangenetikern die Chance eröffnet, hinter die Kulissen zu blicken."

Quelle: n-tv.de, Walter Willems, dpa

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