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Erstmals Testlauf in NRW Software soll Häftlingssuizide verhindern

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Vorwiegend Männer nehmen sich in Haft das Leben. Unter den 1400 Menschen, die Selbstmord begingen, sind nur 40 Frauen.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Mehr als 1000 Menschen haben sich in den vergangenen 20 Jahren in deutschen Gefängnissen das Leben genommen. Nordrhein-Westfalen will konkret dagegen vorgehen und setzt auf künstliche Intelligenz zur Gefahrenerkennung.

Nordrhein-Westfalen will als erstes Bundesland den Einsatz künstlicher Intelligenz für eine verbesserte Suizidprävention in Gefängnissen testen. Erforscht werden soll das frühzeitige Erkennen kritischer Situationen in den Hafträumen durch eine sogenannte ereignisgesteuerte Videoüberwachung, teilt das Landesjustizministerium in Düsseldorf mit. Dabei sollen Situationen erfasst werden, die auf einen geplanten Suizid hindeuten.

Als Beispiele nannte das NRW-Ministerium auffällige Verhaltensweisen wie Bewegungsmuster bei einem Strangulationsversuch oder den Einsatz gefährlicher Objekte wie Messer. Das Assistenzsystem soll die Vollzugsbeamten dann rechtzeitig alarmieren. Nach einer europaweiten Ausschreibung des entsprechenden Forschungsprojekts erhielt nun ein Unternehmen aus dem sächsischen Chemnitz den Zuschlag.

Die Firma soll in einem ersten Schritt eine Software entwickeln. Erweist sich das neue System in einer anschließenden Testphase als hilfreich, sollen zunächst in einem Pilotvorhaben suizidgefährdete Gefangene in einem NRW-Gefängnis mit Videokameras überwacht werden.

Fast 1400 Häftlinge haben sich in deutschen Gefängnissen innerhalb von 20 Jahren das Leben gekommen. Das geht aus einer Statistik des Bundesamts für Justiz von 1998 bis 2017 hervor. Die meisten Suizide pro Jahr gab es in diesem Zeitraum mit 112 im Jahr 2000 - 50 Suizide waren es im Jahr 2013. Die weitaus meisten Gefangenen, die sich umbrachten, waren Männer, nur 40 von ihnen Frauen. Todesursache war meist Erhängen.

Suizidprävention im Strafvollzug halten Fachleute für sehr wichtig. "Der Suizid lässt sich aber nicht in jedem Fall verhindern, wenn ich menschenwürdige Bedingungen behalten will", sagt die Gründerin der Bundesarbeitsgruppe Suizidprävention im Justizvollzug, Katharina Bennefeld-Kersten.

Fast jeder Vierte (22 Prozent), der sich hinter Gittern umbringt, habe ein Tötungsdelikt begangen und 16 Prozent ein Sexualdelikt, sagt die Expertin. Von den knapp 1400 Häftlingen, die sich das Leben nahmen, hätten 167 zuvor schon einen Selbstmordversuch in der Haft unternommen.

Rat und Nothilfe bei Suizid-Gefahr und Depressionen

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

 

Quelle: n-tv.de, joh/AFP/dpa