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Sars-CoV-2-Verbreitung in Räumen Sprechen könnte riskanter sein als Husten

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Neben Husten, Niesen und Singen erhöht auch Sprechen in geschlossenen Räumen das Infektionsrisiko.

(Foto: imago images/Addictive Stock)

Husten, Niesen, Singen: Klar ist, dass dadurch das Infektionsrisiko mit Sars-CoV-2 in Räumen steigt. Mit Sprechen kommt nun ein weiterer Risikofaktor hinzu. Forschende stellen das mit einem neu entwickelten Rechner fest.

Trotz zahlreicher Schutz- und Hygienemaßnahmen ist noch immer nicht vollständig geklärt, wo und wie sich tausende Menschen täglich in Deutschland infizieren. Fest steht: Aerosole spielen bei der Übertragung der Erreger eine maßgebliche Rolle. Die kleinen, leichten Partikel ermöglichen den Viren, stundenlang in der Raumluft zu schweben und so eine Infektionsquelle zu bleiben.

Forschende der Universität in Cambridge haben auf Grundlage der bisherigen Erkenntnisse zur Verbreitung von Sars-CoV-2 einen Rechner entwickelt, mit dem das Infektionsrisiko in Räumen ermittelt werden kann. Dabei werden Parameter wie Größe des Raumes, Anzahl der Personen, Dauer des Aufenthaltes und Anzahl der infizierten Personen einbezogen. Auch die Anzahl der Lüftungen pro Stunde, die Schwere der ausgeführten Aktivitäten und ob die Personen Masken tragen und welcher Art diese sind, fließen in die Berechnungen mit ein.

Partikelabgabe beim Sprechen

Bei der Auswertung der Datenreihen konnten die Strömungsforscher sehen, dass beim Sprechen in einem Raum von einem Infizierten ähnlich viele Viren abgegeben werden wie beim Husten. Das Team um Pedro Magalhães de Oliveira stellte durch die Simulation sogar fest, dass 30 Sekunden Sprechen eines Infizierten ausreichten, um deutlich mehr Aerosole in die Raumluft abzugeben als bei einem kurzen Husten.

Der Grund liegt in der Größe der abgegebenen Partikel. Da beim Sprechen feinere Partikel entstünden als beim Husten, müsse es als wichtiger Faktor beim Infektionsrisiko beachtet werden, schlussfolgert de Oliveira einem Bericht im "The Guardian" zufolge. Die Partikel, die durch das 30 Sekunden lange Sprechen eine Stunde in der Luft blieben, seien in der Lage, eine Sars-CoV-2-Infektion zu verursachen.

Ein Abstand von zwei Metern zwischen einem Infizierten und einem Nichtinfizierten reiche in geschlossenen Räumen und ohne Maske demnach nicht aus, um sich gut vor einer Sars-CoV-2-Infektion zu schützen. Ob es tatsächlich zu einer Ansteckung mit Sars-Cov-2 komme, hänge allerdings von vielen weiteren Faktoren ab, so de Oliveira. Die Menge der eingeatmeten Aerosole, die Filterwirkung der Maske, die getragen wird, sowie der Raum, in dem man sich befindet und wie dieser belüftet ist, sind nur einige dieser Faktoren.

Häufiges Lüften senkt das Risiko

Dem Rechentool der Forschenden zufolge beträgt das Infektionsrisiko beispielsweise in einem 250 Quadratmeter großen Geschäft, in dem man sich zusammen mit 49 anderen Personen eine Stunde lang aufhält und das drei Mal pro Stunde gelüftet wird, acht Prozent. Dabei tragen fünf der 50 Menschen das Virus in sich und keiner eine Maske.

Durch häufigeres Lüften kann das Infektionsrisiko aber maßgeblich gesenkt werden. Laut Airborne.cam, so der Name des Tools, wäre durch fünfmaliges Lüften pro Stunde das Infektionsrisiko auf zwei Prozent senkbar. Auch durch das Tragen von Masken mit besseren Filterleistungen könne man den berechneten Simulationen zufolge ähnliche Effekte erreichen.

Mittel zur Verbesserung der Strategien

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Auch wenn sich die Forscher im Klaren darüber sind, dass sich mithilfe ihres Rechners nicht das tatsächliche Infektionsrisiko bestimmen lässt, so ist es aus ihrer Sicht doch ein gutes Mittel, um Strategien zu entwickeln, mit denen die Infektionsrisiken gemindert werden. Zudem könnte es wichtige Anhaltspunkte liefern, um die Wertigkeit der verschiedenen Maßnahmen einzustufen. Die Schweigepflicht und das Telefonierverbot in Bussen und Bahnen, für das sich der Verband deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) kürzlich ausgesprochen hatte, könnten auf der Grundlage dieser Erkenntnisse eine durchaus gerechtfertigte Forderung und eine wirksame Schutzmaßnahme sein.

Bei den Forschungsergebnissen, die im Fachjournal "Proceedings of the Royal Society A" vorgestellt wurden, konnten die neuen Sars-CoV-2-Mutationen, die wesentlich infektiöser sein könnten, bisher nicht mitberechnet werden. Dennoch arbeiten die Forschenden nach eigenen Angaben ständig an der Aktualisierung von Airborne.cam.

Quelle: ntv.de