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"Direkter Beweis" fehlt noch Wie gefährlich sind die Virus-Mutanten?

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Weltweit wird nach der neuen Variante gesucht - wie hier in einem Labor in Nepal.

(Foto: imago images/ZUMA Wire)

Neue Varianten von Sars-CoV-2 drohen der Corona-Pandemie in Europa neuen Schwung zu geben. Aber wie gefährlich sind die mutierten Viren tatsächlich? Im Gespräch mit ntv.de verrät Epidemiologe Timo Ulrichs, was man schon weiß - und ob härtere Maßnahmen wirklich sinnvoll sind.

In Deutschland sind es bisher nur etwas mehr als ein Dutzend Fälle - doch die Furcht vor der neuen Variante des Coronavirus Sars-CoV-2 ist groß. Denn Großbritannien, wo sich der neue Erreger aus der Linie B.1.1.7 bereits stark ausgebreitet hat, gibt derzeit ein verheerendes Bild ab. Das Land verzeichnet relativ zur Bevölkerung die weltweit höchste Anzahl von Corona-Todesfällen: Im gleitenden Sieben-Tage-Durchschnitt waren es zuletzt 16,5 Tote pro eine Million Menschen. Insgesamt starben rund 96.000 Menschen, ein trauriger Rekord in Europa. Bis Mitte Januar hatte es auf den britischen Inseln einen steilen Anstieg der täglichen Neuinfektionen gegeben. Bund und Länder wollen nun mit härteren Maßnahmen eine ähnliche Entwicklung in Deutschland verhindern.

Aber wie gefährlich ist die neue Variante wirklich? Britische Forscher gehen bisher davon aus, dass die Mutante etwa 50 Prozent ansteckender ist. Der Epidemiologe Timo Ulrichs von der Akkon Hochschule für Humanwissenschaften in Berlin betont gegenüber ntv.de jedoch, dass es dafür noch keinen "direkten Beweis" gebe. "Zwar weiß man bereits viel über die genetischen Mutationen und die veränderte Oberfläche des Erregers." Eine höhere Infektiosität könne bisher aber nur indirekt durch die epidemiologischen Daten abgeleitet werden. Auch Berichte, die neue Variante wäre für Kinder genauso ansteckend wie für Erwachsene, sollte man vor dem Hintergrund beurteilen, dass die Daten dazu während einer massiven Ausbreitungswelle erhoben worden seien.

"Bisher nur eine Korrelation"

"Bisher haben wir nur eine Korrelation, nämlich einen großen Ausbruch in Südengland, der mit einer Ausbreitung der neuen Variante einherging", so Ulrichs. Aber dieser, wie auch der starke Anstieg der Fallzahlen in Irland Anfang des Jahrs, müssten nicht zwangsläufig auf eine höhere Infektiosität der neuen Variante zurückgehen. "Es könnte auch sein, dass die Iren einfach zu früh die Maßnahmen gelockert haben", so Ulrichs. Auch im Fall von England sei denkbar, dass das Auftauchen der neuen Variante lediglich zufällig mit dem Ausbruch zusammenfiel.

Wenn auch noch nichts bewiesen ist, deutet laut Ulrichs dennoch sehr viel darauf hin, dass die neue Variante tatsächlich ansteckender ist. Wann man diesbezüglich Gewissheit haben wird? "Das wird nicht so schnell gehen", sagt der Epidemiologe. Auch Virologe Christian Drosten hatte Anfang Januar zur Geduld gemahnt: "Ich gehe davon aus, dass wir, sagen wir, vielleicht bis Ostern oder bis Mai ganz klare experimentelle Evidenz haben, ob jetzt dieses Virus übertragbarer und gefährlicher ist oder nicht. Aber das wird einfach dauern."

Eine gute Nachricht: Bisher gibt es keine Hinweise auf schwerere Krankheitsverläufe durch die Virusvariante, schreibt das Robert-Koch-Institut. Experten zufolge ist auch die in Südafrika entdeckte Corona-Mutante zwar ansteckender, aber offenbar nicht tödlicher als die ursprüngliche Form des Virus. Allerdings warnen Forscher, dass eine höhere Infektiosität zu wesentlich mehr Infizierten führt - und dadurch auch die Zahl der schwer Erkrankten und der Todesfälle proportional ansteigt.

Lockdown auf jeden Fall sinnvoll

Aber auch wenn eine höhere Infektiosität der Variante nicht abschließend geklärt ist, befürwortet Ulrichs verschärfte Lockdown-Maßnahmen in Deutschland. "Allein wegen der Gefahr, dass die Variante sich schneller ausbreiten könnte, sollten die Maßnahmen verschärft werden." Denn sollte die Virus-Mutante wirklich ansteckender sein, würde sie innerhalb von Wochen die alte Variante verdrängen. "Dann würden noch härtere Maßnahmen nötig sein, als sie jetzt kommen sollen." Denn ein infektiöseres Virus sei sehr viel schwieriger einzudämmen und zu kontrollieren. Grundsätzlich würden aber auch dann die bisherigen Empfehlungen zum Abstandhalten und Maskentragen sowie zur Kontaktreduktion gelten, denn auch die neue Variante sei auf die Kontakte des Wirtes angewiesen, um sich weiterzuverbreiten, betont Ulrichs.

Ulrichs empfiehlt zudem, bereits jetzt auf Ausgangssperren als weitere Maßnahme zu setzen, um die Fallzahlen zu senken. Dadurch würden private Kontakte noch weiter reduziert. "In Frankreich wurde dies gemacht, und es hat sich gezeigt, dass dies gut gewirkt hat", so der Epidemiologe. Allerdings sehen vor allem von der SPD geführte Bundesländer eine Ausgangssperre kritisch.

Die zunächst in Großbritannien entdeckte Corona-Mutation ist inzwischen in rund 50 Ländern nachgewiesen worden. Laut der Weltgesundheitsorganisation hat sich zudem die zuerst in Südafrika nachgewiesene Variante in 20 Ländern ausgebreitet. Eine Infektion mit der aus Großbritannien stammenden Variante war in Deutschland erstmals kurz vor Weihnachten nachgewiesen worden. Die Mutation aus Großbritannien war dort erstmals am 14. Dezember vermeldet worden, über die südafrikanische Variante wurde erstmals am 18. Dezember berichtet.

Quelle: ntv.de