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Nawalny und das Gift Was macht Cholinesterase-Hemmer tödlich?

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Ermittler in Schutzkleidung und Gasmasken - in Salisbury in Großbritannien kam bei einem Anschlag mit Nowitschok ebenfalls ein Cholinesterase-Hemmer zum Einsatz.

(Foto: dpa)

Seit Tagen bereits liegt der russische Oppositionspolitiker Alexej Nawalny im Koma. In der Berliner Charité finden die Ärzte Hinweise auf ein Nervengift: Cholinesterase-Hemmer. Zu dieser Wirkstoffgruppe gehört auch das berüchtigte Nowitschok. Aber was macht diese Substanzen so gefährlich?

Der russische Kremlkritiker Alexej Nawalny wird seit Samstag in der Berliner Charité behandelt - laut den Berliner Ärzten, wurde Nawalny vermutlich mit einer Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer vergiftet. Allerdings ist unklar, um welchen Stoff genau es sich handelt. Aber was sind Cholinesterase-Hemmer eigentlich? Wie wirken sie? Und was kann man gegen eine Vergiftung tun? Hier die wichtigsten Fragen und Antworten:

Um welches Gift könnte es sich bei Nawalny handeln? Zu der Gruppe der Cholinesterase-Hemmer zählt eine ganze Reihe von Verbindungen. Darunter auch die chemischen Kampfstoffe Sarin, Tabun, VX oder das in der Sowjetunion entwickelte Nowitschok, das 2018 in England beim Anschlag auf den russischen Doppelagenten Sergej Skripal eingesetzt wurde. All diese Stoffe beeinflussen die Funktion des Nervensystems von Wirbeltieren und Insekten. So zählt auch das in Nazi-Deutschland entwickelte und heute verbotene Insektizid Parathion (E 605) zu den Cholinesterase-Hemmern. Parathion wurde wegen seiner tödlichen Wirkung auch bei Morddelikten verwendet.

Werden Cholinesterase-Hemmer nur als Gift eingesetzt? Nein. Cholinesterase-Hemmer werden auch als Medikament verwendet, zum Beispiel bei der Behandlung von Demenz und Alzheimer. Denn Cholinesterase-Hemmer helfen, die "Signalstärke" des Denkens zu verstärken.

Wie funktionieren Cholinesterase-Hemmer genau? Sie hemmen im Körper unter anderem das Enzym Acetylcholinesterase, das häufig auch als Cholinesterase abgekürzt wird. Acetylcholinesterase wiederum spaltet den Botenstoff Acetylcholin und baut ihn damit ab. Und Acetylcholin spielt eine wichtige Rolle für das Nervensystem - es ist unter anderem dafür verantwortlich, einen elektrischen Impuls von den Nerven zur Muskulatur zu übertragen. Ist jedoch die Funktion des Enzyms Acetylcholinesterase blockiert, reichert sich der Botenstoff Acetylcholin zwischen den Nervenzellen an.

Wie wirkt sich eine Vergiftung aus? Durch die Anreicherung des Botenstoffs Acetylcholin kommt es zu einer Überaktivierung von jenen Teilen im Nervensystem, die unter anderem die Erholungsfunktionen im Körper steuern. Dadurch verlangsamt sich der Herzschlag, der Blutdruck sinkt, der Betroffene kann zudem unkontrolliert Harn oder Stuhl verlieren. Auch die Skelett- und Atemmuskulatur können stark beeinträchtigt sein. "Schwere Vergiftungen sind oft mit der Unfähigkeit verbunden, ungestört zu atmen und damit nicht genügend Sauerstoff über die Lunge in das Blut aufzunehmen", sagt der Professor und klinische Toxikologe Florian Eyer am Universitätsklinikum rechts der Isar der Technischen Universität München. Die Folgen von einer Vergiftung können Bewusstlosigkeit und letztendlich auch der Tod des Betroffenen sein.

Wie gelangt das Gift in den Körper? Cholinesterase-Hemmer können auf unterschiedliche Weise aufgenommen werden. Sie können eingeatmet, über die Augen, die Haut oder das Verdauungssystem aufgenommen werden. Auf welche Weise ein Mensch mit dem Wirkstoff in Berührung kommt, hat laut dem Toxikologen Alastair Hay von der Universität Leeds auch Einfluss auf die Symptome: Wird die Substanz geschluckt, kann sie etwa erst zu Schwindel und dann zu Atem- und Seh-Schwierigkeiten führen.

Kann man sich wieder von einer Vergiftung erholen? Wenn die Vergiftung rasch und effektiv behandelt würde, hätten die Patienten auch gute Chancen, ohne relevante Folgeschäden zu überleben, so Toxikologe Eyer. Aber auch dies sei davon abhängig, welche Substanzklasse zu einer Vergiftung geführt hat. Der Körper könne das Enzym Acetylcholinesterase nach einer Vergiftung wieder neu herstellen oder aber die Funktion des gehemmten Enzyms wird reaktiviert - hierzu gebe es für manche Cholinesterase-Hemmer auch spezifische Medikamente. "Die vollständige Erholung des Enzyms kann Tage oder sogar Wochen benötigen", erläutert Eyer.

Wie kann man eine Vergiftung behandeln? Bei einer Vergiftung mit Cholinesterase-Hemmern benötigen Patienten nicht nur eine Behandlung der Symptome, wie etwa künstliche Beatmung, sondern auch ein Gegenmittel. Nawalny wird laut Charité mit dem Gegenmittel Atropin behandelt. Es bindet an dieselben Rezeptoren wie Acetylcholin, unterbricht damit die Signalübertragung und begrenzt somit die Folgen der Acetylcholin-Anreicherung. Der Name Atropin leitet sich übrigens von der Schwarzen Tollkirsche (Atropa belladonna) ab, in der es vorkommt.

Welche Langzeitfolgen sind möglich? Nach einer Vergiftung durch Cholinesterase-Hemmer kann es langfristig zu "Gedächtnisstörungen oder auch zu Einschränkungen im Sprachvermögen kommen", sagte der Charité-Professor und ehemalige Leiter des Instituts für klinische Pharmakologie und Toxikologe, Ralf Stahlmann. Außerdem seien psychische Folgen wie Depressionen möglich. "Der Schock durch die Vergiftung und das tagelange Koma gehen nicht spurlos an einem vorbei", so der Experte. "Bei den Langzeitsymptomen kommt es auf die konkrete Substanz und die Dosierung an", betont Stahlmann.

Quelle: ntv.de, kst/dpa/AFP

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