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Überraschende Erklärung Wegen großer Babys steigt Kaiserschnitt-Rate

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Die Auswertung statistischer Daten ergab, dass die Rate der Kaiserschnitte mit der Entwicklung der Körpergröße in einem Land in Verbindung steht.

(Foto: imago/Westend61)

Die Zahl der Kaiserschnitte steigt weltweit immer weiter an. Bisher dachten Experten, das liege vor allem am Wohlstand und am Gesundheitssystem. Nun stellen Forscher eine ganz andere Ursache fest.

Mit wachsendem Wohlstand wurden die Menschen in vielen Ländern der Welt lange Zeit immer größer. Diese Entwicklung könnte für den seit Jahren vielerorts festgestellten Anstieg der Kaiserschnitt-Rate mitverantwortlich sein, berichten Wissenschaftler aus Österreich und Italien in den "Proceedings B" der britischen Royal Society. Nehme die Größe des Fötus im Vergleich zur Mutter stark zu, gebe es häufiger Komplikationen bei der Geburt, die einen Kaiserschnitt nötig machten, so die Begründung.

Dass es einen solchen Zusammenhang tatsächlich gibt, zeigten die Wissenschaftler mit einer Auswertung statistischer Daten. Ihr Ergebnis stelle auch die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlene Rate von etwa 10 bis 15 Prozent Kaiserschnitt-Geburten infrage, schreiben sie.

Gemeinhin machen Experten neben dem kulturellen Hintergrund vor allem den Wohlstand eines Landes und den Zustand des Gesundheitssystems dafür verantwortlich, wie viele Kinder per Kaiserschnitt zur Welt kommen. In wohlhabenden Ländern mit guter medizinischer Versorgung werden demnach tendenziell mehr Babys auf diese Weise geboren als in ärmeren Regionen. Eva Zaffarini und Philipp Mitteroecker von der Universität Wien prüften nun, inwieweit die verbesserte Ernährungs- und Lebenssituation in vielen Teilen der Welt einen Einfluss auf die Entwicklung haben.

Immer größere und schwerere Babys

Vor allem im globalen Norden seien die Menschen mit den kontinuierlich verbesserten Lebensbedingungen im vergangenen Jahrhundert immer größer geworden, gleichzeitig sei das Geburtsgewicht der Babys gestiegen, schreiben die Wissenschaftler. Ihre Überlegung: Der Fötus im Mutterleib sei seiner Mutter stets um eine Generation voraus, seine Umweltbedingungen beim Heranwachsen seien mithin noch besser als die seiner Mutter. Dies könne dazu führen, dass der Fötus eine Größe erreicht, die nicht mehr zur Größe des Beckens und des Geburtskanals seiner Mutter passe.

Sie prüften diese Vermutung mit einer umfassenden Datenanalyse. Zum einen zogen sie Angaben zur Rate der Kaiserschnitte weltweit aus den Jahren 2005 bis 2017 heran. Die brachten sie in Zusammenhang mit der Größe der Elterngeneration, die etwa zwischen den 1970er- und den 1990er-Jahren geboren wurde. In der Analyse berücksichtigten sie zahlreiche Faktoren, die Einfluss auf Körpergröße und Geburt haben können, etwa Übergewicht und Diabetes oder Alter der Mutter bei der Geburt. Außerdem bezogen sie einen Index für den Wohlstand eines Landes und für den Zustand des Gesundheitssystem mit ein.

Viele Eingriffe medizinisch nicht begründet

Die Auswertung ergab, dass die Rate der Kaiserschnitte tatsächlich mit der Entwicklung der Körpergröße in einem Land in Verbindung steht. Etwa ein Drittel der weltweiten Variation der Kaiserschnitt-Rate sei auf Unterschiede in der Größenentwicklung zurückzuführen - unabhängig von der sozioökonomischen Entwicklung eines Landes oder vom Zustand des Gesundheitssystems.

Viele Experten haben in der Vergangenheit eine regelrechte "Kaiserschnitt-Epidemie" beklagt, vor allem in wohlhabenderen Ländern seien viele Eingriffe medizinisch nicht begründet. Zaffarini und Mitteroecker plädieren nun für eine differenzierte Sicht auf die Dinge: Auch biologische Entwicklungen müssten berücksichtigt werden, wenn es darum geht, eine angemessene Rate von Kaiserschnitten für ein Land zu formulieren.

Quelle: n-tv.de, Anja Garms, dpa

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