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1500 Kilometer bis zum AtlantikWelchen Weg der Wal noch vor sich hat

20.04.2026, 12:58 Uhr 1000017286-8192-5464Von Martin Morcinek
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Die Wismarer Bucht gleicht einem Labyrinth. Sollte der Wal den Weg aus der Küstenzone hinaus Richtung offenes Meer suchen, könnte ein Blick auf die Karte nicht schaden. Die zeigt, welchen Weg der Wal noch vor sich hat.

Nach tagelangem Warten kam plötzlich Bewegung in die Geschichte um den in der Ostsee festsitzenden Buckelwal: Das Tier schwamm am Morgen inmitten der laufenden Rettungsaktion aus eigener Kraft unvermittelt los. Knapp drei Wochen nach seiner Strandung nahe der Insel Poel bewegte sich das Tier im Flachwasser der Bucht Kirchsee in wechselnde Richtungen. Helfer begleiteten den Wal in Schlauchbooten und versuchten, den 12,3 Meter langen und 3,2 Meter breiten Meeressäuger in die richtige Richtung zu lenken.

Selbst wenn sie es auf diese Weise aus der Bucht heraus bis in die offene Ostsee schaffen, hat der Wal noch einen weiten Weg bis zur Rettung vor sich. Von der Wismarer Bucht aus müsste das Tier durch ein Gewirr aus Flachwasserzonen, kleinen und großen Inseln sowie dicht befahrenen Wasserstraßen finden. Aus dem All sind die Gegebenheiten vor Ort gut zu erkennen. So sehen die Küstengewässer vor Wismar von oben aus:

Hinweis: Anklicken zum Vergößern, Ansicht verschiebbar.

Die Aufnahme stammt aus dem europäischen Erdbeobachtungsprogramm Copernicus und zeigt die Situation am 8. April 2026. An jenem Tag war die Küstenregion bei Wismar weitgehend wolkenfrei und einer der beiden Sentinel-Satelliten konnte eine gute Übersicht liefern: Die Hansestadt Wismar liegt in der genordeten Ansicht mittig am unteren Bildrand, die Insel Poel in der Bildmitte.

Rund zehn Kilometer bis zum offenen Meer

Zum Zeitpunkt der Aufnahme lag der Buckelwal schon fast neun Tage im flachen Wasser des Kirchsees, einer schmalen Bucht, die sich von Kirchdorf auf Poel im Norden über rund 3,7 Kilometer nach Süden hin zur Wismarer Bucht öffnet. An seiner schmalsten Stelle ist der Kirchsee nur rund 500 Meter breit. Im Osten der Bucht zieht sich eine enge, ausgebaggerte Fahrrinne nach Norden: Hier verläuft der Fährverkehr aus dem Hafen von Wismar bis nach Kirchdorf.

Der Wal lag seit 31. März nahe des westlichen Ufers des Kirchsees etwa auf Höhe von Fährdorf im brusttiefen Wasser. Auf dem Satellitenbild ist er selbst in starker Vergrößerung nicht auszumachen. Sein Rücken lag während seiner Liegezeit vor Poel nur weniger als einen halben Meter über der Wasseroberfläche. In unmittelbarer Nähe des gestrandeten Wals ist zum Zeitpunkt der Aufnahme lediglich ein einzelnes Boot zu erkennen.

Die Aufnahme vermittelt jedoch einen guten Eindruck von den räumlichen Verhältnissen im Küstengebiet bei Poel und Wismar: Um ins offene Meer zu gelangen, müsste der Wal zunächst nach Süden schwimmen, dann vor der Flachwasserzone der unbewohnten Insel Walfisch in der Wismarer Bucht nach Nordwesten schwenken.

Erst nach rund zehn Kilometern wäre dann auf der Linie zwischen Boltenhagen im Westen und dem Leuchtturm der Insel Poel die Mecklenburger Bucht und damit die offene Ostsee erreicht. An den Küstenstreifen auf beiden Seiten gibt es genügend Gelegenheit, sich zu verirren und erneut zu stranden.

In der offenen Ostsee wird der Weg nicht unbedingt einfacher: Um in die Nordsee und von dort weiter in den Atlantik zu gelangen, müsste der Wal noch die Insel Fehmarn passieren und den Großen Belt durchqueren oder weiter östlich an Kopenhagen vorbei durch den Öresund schwimmen. In beiden Meerengen herrscht reger Schiffsverkehr. Unter Wasser nimmt der Wal Tanker, Containerfrachter und Fähren vor allem über den Lärm der Schiffsmotoren und die Geräusch der Antriebsschrauben wahr.

Wäre diese Etappe geschafft, ginge es für den Wal durch Kattegat und Skagerrak um die Nordspitze von Dänemark in die Nordsee. Damit wäre zumindest Meerwasser mit einem höheren Salzgehalt erreicht, was Experten zufolge der Haut des Wales Linderung verschaffen könnte. Geeignete Nahrung findet der Buckelwal dort jedoch noch nicht. Seine Artgenossen leben die meiste Zeit des Jahres im offenen Atlantik, wo sie Krill und kleine Fische fressen.

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Dichter Schiffsverkehr vor Wismar: Blick auf die Situation in der Ostsee mit den Meerengen Öresund und Großem Belt vor der dänischen und schwedischen Küste am 20. April 2026, 12.45 Uhr. Die roten Symbole markieren die Position von Tankschiffen, die hellgrünen Symbole zeigen Frachter an. Fähren und Passagierschiffe erscheinen blau. (Foto: © MarineTraffic.com)

Der in der Ostsee gestrandete Buckelwal zehrt seit Wochen von seinen Fettreserven. Unklar ist, ob er überhaupt noch in der Lage ist, sich selbstständig zu ernähren. Bei früheren Sichtungen beobachteten Helfer Verletzungen durch Fischernetze. Der Weg in die Freiheit ist noch weit: Bis zum Atlantik müsste das Tier von der Wismarer Bucht aus quer durch Ostsee und Nordsee noch eine Strecke von etwa 1500 Kilometer zurücklegen.

Die Chancen für den Wal stehen schlecht. "Nach allen uns vorliegenden Informationen ist dieser Wal krank und stark geschwächt", fasst Greenpeace-Expertin Daniela von Schaper die Situation zusammen. Laut wissenschaftlichen Gutachten des Deutschen Meeresmuseums und des Instituts für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung seien die Erfolgsaussichten des Tieres "sehr gering".

Quelle: ntv.de

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