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Computergestützte Rekonstruktion Wie aufrecht gingen Neandertaler wirklich?

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Neandertaler-Figur in einer Ausstellung.

(Foto: Jochen Tack, imago)

Der aufrechte Gang gilt als ein spezifisches Merkmal des Menschen. Neandertaler hingegen sollen sich nur halb aufgerichtet fortbewegt haben. Das dachte man zumindest bisher.

Neandertaler haben sich ebenso aufrecht fortbewegt, wie Menschen es noch heute tun. Das fanden Forscher der Universität Zürich und der Washington University in St. Louis heraus. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts war man davon ausgegangen, dass Neandertaler nur halb aufgerichtet gingen. Diese Annahme wurde allerdings in den 1950er-Jahren widerlegt. Doch auch in neueren Untersuchungen wird die Form einzelner Wirbel so interpretiert, dass Neandertaler kein gut entwickeltes Doppel-S in ihrer Wirbelsäule aufwiesen.

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Virtuelle Rekonstruktion der Wirbelsäule des Skeletts von La Chapelle-aux-Saints, basierend auf hochauflösenden 3D-Oberflächenscans der Wirbel und des Beckens.

(Foto: Martin Häusler, UZH)

Die jüngste Untersuchung der Evolutionsmediziner Martin Häusler und Erik Trinkaus zeigt hingegen den anatomischen Gegenbeweis. Für ihre Untersuchung nutzten die Wissenschaftler das gut erhaltene Skelett des Neandertalers, der bereits 1908 nahe der französischen Gemeinde La Chapelle-aux Saint ausgegraben wurde. Die Forscher rekonstruierten virtuell und mithilfe von Computerprogrammen das Skelett des Neandertalers. Dabei zeigte sich, dass die Krümmung der Wirbelsäule im Lenden- und Halsbereich der beim Menschen entspricht.

Durch die Rekonstruktion konnte außerdem erkannt werden, dass auch im Beckenbereich dieselbe Ausrichtung des Kreuzbeins bestand wie bei heute lebenden Menschen. Und sogar die Abnutzungserscheinungen im Hüftgelenk des Neandertalers von La Chapelle-aux Saint lassen auf eine aufrechte Haltung und Fortbewegung wie beim Menschen auch schließen.

"Die Belastung des Hüftgelenks und die Ausrichtung des Beckens ist nicht anders als bei uns", fasst Häusler die Ergebnisse zusammen. Ein Befund, der auch durch andere Neandertaler-Skelette mit ausreichenden Wirbel- und Beckenresten ergänzt und bestärkt werde. "Es gibt insgesamt kaum etwas, das auf eine prinzipiell andere Anatomie hinweist", so Häusler weiter. "Es ist daher an der Zeit, die grundsätzliche Nähe von Neandertaler und heutigem Menschen anzuerkennen und den Fokus auf die subtilen Veränderungen in der Biologie und im Verhalten der spätpleistozänen Menschen zu richten."

Die Ergebnisse der Untersuchung wurden in der Fachzeitschrift "PNAS" vorgestellt.

Quelle: n-tv.de, jaz

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