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"Aus dem Nichts" Wie man eine Tragödie verarbeiten kann

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Diane Kruger als Katja Sekerci in "Aus Dem Nichts":

(Foto: picture alliance / Gordon Timpen)

Der mit dem Golden Globe für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnete Streifen "Aus dem Nichts" handelt von den tragischen Verlusten einer jungen Frau und den emotionalen Folgen dieser traumatischen Erfahrung. Katja (Diane Kruger) verliert ihren Mann Nuri (Numan Acar) und ihren Sohn Rocco (Rafael Santana) bei einem Bombenanschlag. Sie ist tief erschüttert. Es gibt niemanden, der ihre Trauer lindern kann - ihren Schmerz betäubt sie mit Drogen. Katja denkt daran, sich umzubringen. Als die Polizei ein Neonazi-Paar verhaftet, schöpft Katja Hoffnung. Der Prozess ist anstrengend, doch die Aussicht auf eine Verurteilung der Täter gibt Katja Kraft. Nachdem der Verteidiger des Nazi-Pärchens geschickt Zweifel gesät hat, müssen die Angeklagten mangels eindeutiger Beweise freigesprochen werden. Katja ist wütend. Was wird sie tun? Was kann sie tun? Im Interview mit Dr. Sefik Tagay, Forschungsleiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen, spricht n-tv.de zum DVD- und Blu-ray Start von "Aus dem Nichts" über das Thema Traumaverarbeitung. Tagay ist auf Psychotraumatologie spezialisiert und hat hierzu einige Fachwerke veröffentlicht.

n-tv.de: Man sagt das so dahin: jemand ist "traumatisiert" - aber was heißt das eigentlich?

Sefik Tagay: Es gibt so viele verschiedene Definitionen, was ein Trauma ist - darüber gibt es wirklich kontroverse Debatten - aber wir orientieren uns an der gängigen Definition der internationalen Klassifikation psychischer Störungen.

Dann also - was ist ein psychisches Trauma?

Das muss man aufteilen, zum Beispiel in Belastungstraumata - also einem Trauma ausgelöst durch ein kritisches Lebensereignis ...

... hervorgerufen wodurch?

Durch psychische Verletzungen beispielsweise. Da gibt es eine Definition, die ich immer wieder in unserer Forschung verwende für Menschen, die schlimme Ereignisse erleben. Das ist zum einen die Bedrohung der physischen Integrität, also der eigenen Lebensgefahr, die man persönlich erleben kann. Aber man kann auch Zeuge sein.

Und eine weitere Definition?

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Katja weiß nicht mehr ein noch aus.

(Foto: dpa)

Die gilt dafür, dass Menschen ein und dieselbe Situation unterschiedlich verarbeiten. Für die einen kann das Erlebnis sehr schlimm sein, weil sie zum Beispiel Gefühle der Hilflosigkeit verspürt haben, Entsetzen oder starke Angst, und andere stecken dasselbe viel besser weg. Dann sprechen wir nicht mehr von einem potenziellen Trauma, sondern von einem psychischen Trauma. Es geht darum, dass das Leben bedroht ist, das eigene oder das eines anderen. Hinzu kommt die subjektive Bewertung. Beide Komponenten gemeinsam sind Kernmerkmale dieser Definition.

Ist das denn von außen erkennbar, dass jemand traumatisiert ist? Katja - Diane Kruger in "Aus dem Nichts" - hat das Schlimmste erlebt, was man sich vorstellen kann. Ihr Kind ist tot, ihr Mann ebenso, umgebracht auf feige Art und Weise, vollkommen unnötig. Und dann kommt noch dazu, dass ihr wenig Verständnis entgegengebracht wird.

Es gibt tatsächlich sogenannte Trauma-Checklisten, wo man fragen kann, was das Gegenüber alles erlebt hat. Da wird nach Naturkatastrophen, schlimmen Verkehrsunfällen, sexueller Gewalt, interpersoneller Gewalt gefragt, ob die Gewalt durch Fremde, die Familie oder die Natur geschehen ist, und auch der Tod einer wichtigen Bezugsperson gehört dazu. Vor allen Dingen, wenn er unerwartet und plötzlich geschieht.

So, wie der Titel des Films es ja auf den Punkt bringt: "Aus dem Nichts".

Genau, in dem Film geht es der Hauptdarstellerin gut, sie hat eine Familie, sie ist mit ihrer Freundin zusammen und gönnt sich einen Nachmittag im türkischen Bad, sie ist glücklich. Und von einem Moment auf den anderen ändert sich ihr Leben komplett. Dieser Bombenanschlag verändert ihr Leben aufs Brutalste. Wir wissen, dass unerwartete, durch Menschen mit Absicht verursachte Traumata, zu den schwerwiegendsten Momenten im Leben eines Menschen gehören, und insofern ist das, was die Katja da erleidet, ein klassisches Trauma in seiner schlimmsten Ausprägung.

Der Tod von nahen Menschen, ausgelöst durch eine Naturkatastrophe, hätte also andere Folgen als der durch Menschenhand ausgelöste?

Ja, weil da Absicht dahinter steckt, und das hat ganz andere Folgen im Denken, Erleben und Verhalten des Betroffenen. Die Folge kann sein, dass es zu Veränderungen in unserer Grundüberzeugung kommt.

Das betrifft dann was?

Die Welt im Allgemeinen, unsere Mitmenschen, unsere Sicht auf uns selbst. Das ist eine Art der Erschütterung, die wir in der Psychologie "shattered assumption" nennen. Sehen Sie: Unsere Grundüberzeugungen sind ja erst einmal gut; wir vertrauen uns und anderen. Wenn dieses Grundvertrauen jedoch erschüttert wird, dann stellen wir buchstäblich alles in Frage, es wirft alles um.

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Sefik Tagay, Forschungsleiter der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in Essen.

(Foto: wikimedia)

Behandelt man unterschiedlich ausgelöste Traumata auch unterschiedlich? Und sind sie überhaupt behandelbar?

Ja, inzwischen gibt es für alle Formen der Traumata sehr gute Behandlungsmöglichkeiten. Man muss nur berücksichtigen, dass die durch Menschen absichtlich verursachten Traumata die größte Invasivität haben. Nehmen wir als Beispiel interpersonelle Gewalt wie Vergewaltigung oder Folter: Danach entwickelt mehr als die Hälfte der Betroffenen eine sogenannte posttraumatische Belastungsstörung, aber: Die Betroffenen können auch eine schwere Depression entwickeln. Oder eine schwere Angststörung. Die Katja wird ja schwer depressiv. Und da ist natürlich auch das Umfeld gefragt.

Wieviel steckt in einem selbst, auf welche Art und Weise man mit einem Trauma umgeht?

Es gibt Menschen, die über einen Schicksalsschlag nicht hinwegkommen, die haben eine nicht funktionierende Trauerverarbeitung. Andere schaffen das, auch aus sich heraus. Wichtig ist auch, wie die Zeit nach dem Trauma ist, wie hoch ist der Stress.

Kann ein Trauma sich auch schleichend in einer Person festsetzen? Oder wird ein Trauma immer nur durch einen plötzlichen Schock ausgelöst?

Es gibt viele verschiedene Traumata, denken Sie an sexuellen Missbrauch, der kann sich über Jahre hinziehen, ist also ein sich wiederholendes Trauma. Ein Trauma muss nicht schockartig entstehen, wie zum Beispiel nach einem Verkehrsunfall. Manchmal können Menschen danach nie wieder in ein Auto einsteigen, weil die Bilder sie nicht loslassen und sie Ängste entwickelt haben. Diese Gruppe braucht eine Behandlung. Im Film kommt es durch einen einmaligen Auslöser zum Trauma - da ist die Frage, wie geht es weiter? Es gibt also akute Traumata, singuläre Traumata und sich wiederholende Traumata.

In dem Film verliert die Hauptdarstellerin Mann und Kind - wo ordnen wir das ein?

Das ist ein einmaliges Trauma, aber es geht dann um die Frage: Wie verläuft die Zeit danach? Wie geht der Betroffene damit um, und hat er Hilfe zum Beispiel von Familie und Freunden? Im Film verläuft das nicht ideal, da wird mit Vorwürfen gearbeitet und eigenen Verletzungen. Da sind Faktoren, die der Hauptbetroffenen noch mehr schaden, da werden alte Animositäten gegeneinander ausgespielt, da geht es um Herkunft und Glauben - nichts davon hilft der Betroffenen, niemand ist wirklich für sie da. Die Familie trauert getrennt. Ihre beste Freundin ist schwanger, sehr ungünstig, um mit dem Tod eines Kindes fertig zu werden, wenn die Umwelt gerade neues Leben erwartet. Die soziale Stützfunktion bleibt aus, eine der wichtigsten Faktoren. Im Gegenteil, die Betroffene bekommt sogar Schuldvorwürfe.  Also, da geht alles schief für Diane Kruger und es ist kein Wunder, dass sie so reagiert wie sie reagiert.

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Mit dem Golden Globe ausgezeichnet: Diane Kruger und Fatih Akin.

(Foto: REUTERS)

Wie kann nun Hilfe aussehen?

Wenn es pathologisch wird, wo Depressivität und Ängste und Suizidalität dazukommen, dann empfehlen wir natürlich eine psychotherapeutische Behandlung. Wenn es nicht zu einer Behandlung kommt, ist immer entscheidend, wie kann das soziale Umfeld dazu beitragen, die betroffene Person zu unterstützen, das Gefühl zu vermitteln, dass andere für einen da sind.

Was ist denn wirklich wichtig, wirklich lebensnotwendig, um als Mensch zu existieren?

Damit der Mensch gesund ist und eine gute Lebensqualität hat, braucht er vier psychische Grundpfeiler. Die sind universell und gelten überall auf der Welt. Erstens: Der Mensch als soziales Wesen hat ein Bindungsbedürfnis und sehnt sich nach Nähe, Schutz und Sicherheit. Zweitens: Der Mensch hat ein Bedürfnis nach Lust - und alles, was unangenehm ist, was Schmerz bereitet wird vermieden. Dann kommt drittens das Bedürfnis nach Selbstwert, man möchte geliebt und gut gefunden werden, und viertens, ganz zentral: die Sinnhaftigkeit des Lebens. Dieses Bedürfnis ist meist ganz schwer zu erfüllen, wenn einem der Sinn des Lebens - ein Kind, ein Partner - abhandengekommen ist. Dann fühlt man sich übrigens auch so, als hätte man keine Kontrolle mehr, und das ist gravierend.

Verständlich, dass man sich sinnlos fühlt,  oder?

Ja, natürlich, aber es gibt auch andere Beispiele. Menschen, die alles verlieren, und trotzdem Ja zum Leben sagen. Da gibt es ein Buch von Viktor Frankl, der durch den Holocaust seine ganze Familie verloren hat. Das ist ein Beispiel dafür, dass einem die Sinnhaftigkeit des Lebens nicht abhandenkommen muss. Die Gegenfrage lautet also, was kann Menschen helfen, wenn diese vier psychischen Grundbedürfnisse abhandengekommen sind? Wie können wir diese Bedürfnisse wieder positiv füllen? Da geht jeder Mensch natürlich anders mit um, aber man kann selbstverständlich versuchen, ein Bedürfnis nach dem anderen wieder zu erfüllen.

Was antworte ich jemanden, der sagt: Ich darf nicht lachen, mir nichts gönnen, keinen Spaß haben, denn meine Liebsten sind tot, ich darf mich gar nicht gut fühlen?

Rat und Nothilfe

  • Bei Suizidgefahr: Notruf 112
  • Beratung in Krisensituationen: Telefonseelsorge (0800/111-0-111 oder 0800/111-0-222 oder 116-123, Anruf kostenfrei) oder Kinder- und Jugendtelefon (Tel.: 0800/111-0-333 oder 116-111; Mo-Sa von 14 bis 20 Uhr)
  • Bei der Deutschen Depressionshilfe sind regionale Krisendienste und Kliniken zu finden, zudem Tipps für Betroffene und Angehörige.
  • In der deutschen Depressionsliga engagieren sich Betroffene und Angehörige. Dort gibt es auch eine E-Mail-Beratung für Depressive.
  • Eine Übersicht über Selbsthilfegruppen zur Depression bieten die örtlichen Kontaktstellen (KISS).

Diese dysfunktionalen Gedanken wie Schuldgefühle, sich Vorwürfe machen, obwohl man nicht Schuld ist - da muss man Distanz zu bekommen. Das braucht Zeit. Und die Persönlichkeitsstruktur des Betroffenen spielt eine Rolle. Hat diese Person Resilienzen, hat der Widerstandskräfte, diese Fragen muss man sich stellen.

Spielt das Alter der Betroffenen eine Rolle?

Ältere Menschen gehen aufgrund ihrer Erfahrungen mit Verlusten oft anders um als jüngere Menschen, sie sind im besten Fall reifer. Es gibt ja Menschen die nach schlimmen Ereignissen sogar eine Reifung erfahren, die an ihrem Schicksal wachsen. Das heißt, sie verlagern ihre Prioritäten, ihre Ziele, sie stellen sich ganz andere Fragen als vor dem Ereignis. Aber ganz wichtig ist es, dass Menschen, die ein Trauma erfahren haben, im Gespräch mit anderen bleiben, sich nicht zurückziehen, egal, wie alt sie sind.

Mit Dr. Sefik Tagay sprach Sabine Oelmann

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Weiterführende Lektüre:

Sefik Tagay, Ellen Schlottbohm & Marion Lindner: Posttraumatische Belastungsstörung, Kohlhammer Verlag

Klaus Grawe: Neuropsychotherapie, Hogrefe Verlag

Viktor E Frankl: … trotzdem Ja zum Leben sagen, Kösel Verlag

Quelle: n-tv.de

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